Der Rosterkönig von Kurdistan

Erst Kabul, jetzt Erbil: Ein Thüringer eröffnet Gaststätten in Krisengebieten, in die kein Tourist will, in denen aber viele Exilanten ausharren müssen - mit Oktoberfest, Weißwurst und Rennsteiglied sowie Blasmusik aus Sachsen.

Erbil.

Gunter Völker hockt am Stammtisch seines "Deutschen Hofes", vor sich einen Krug, um sich herum an den holzvertäfelten Wänden Geweihe, eine Werbetafel für Köstritzer Schwarzbier oder ein Bild mit "Des Jägers Klage", das früher bei ihm zu Hause im Thüringer Wald in jeder Wirtschaft hing. Zu Geburtstagen holt der 53-Jährige aus Bad Tabarz gern mal die Drehorgel hervor. Das Bier importiert er aus Deutschland. Thüringer Schweinesülze, Schweineschnitzel, die Schlachteplatte mit Bauchspeck und Leberwurst oder Thüringer Roster gibt es im ganzen Land wohl nur bei ihm. Denn seine Gäste empfängt Völker in der nordirakischen Kurdenhauptstadt Erbil, in der es selbst im Christenviertel Ankawa kein Schweinefleisch zu kaufen gibt.

Ausgerechnet Erbil? Das scheint verrückt. Nur 90 Autominuten entfernt lauert überall der Tod. In Mossul kämpfen die irakischen Streitkräfte noch immer gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat". Dort schlagen Mörsergranaten ein. Es bellen die Maschinengewehre. Doch Völker ist kein unbedachter Abenteurer. Der gelernte Koch ist durch und durch ein Geschäftsmann, der mit Kalkül aus deutscher Gemütlichkeit in Krisengebieten ein Geschäftsmodell gemacht hat. In Erbil hat er vor elf Jahren sein Lokal eröffnet, weil es dort damals wenig westliche Gastronomie, aber viele zahlungswillige Exilanten gab. Dort war es für einen ausländischen Gastronomen schwierig, aber nicht zu gefährlich. Die Region boomte lange dank der Öleinnahmen. Entlang der Hauptstraßen reiht sich noch immer Baustelle an Baustelle.

Doch seit rund zwei Jahren stehen in Erbil fast alle Kräne still. Der letzte Terroranschlag ist zwar lange her, aber viele ausländische Unternehmen und mit ihnen die Exilanten haben das Kurdengebiet verlassen, als die Terrorkrieger des IS 2014 schnell auf die Stadt vorrückten. Völker blieb. Nur einmal, als den IS und ihn nur noch 20 Kilometer trennten, gab es einen Moment, in dem er sich ernsthaft Sorgen machte. "Eine halbe Stunde lang war ich durcheinander", sagt Völker. "Die Lage war total unübersichtlich, keiner wusste, ob die Dschihadisten schon da sind." Doch Völkers Vertrauen in die kurdischen Kräfte war groß. "Da hat es geholfen, dass ich selbst lange Soldat im Ausland war."

Mit 26 Jahren musste Völker zur Nationalen Volksarmee. Statt einer Genehmigung für seinen Ausreiseantrag flatterte ihm damals der Einberufungsbefehl ins Haus. Doch kaum eingezogen, fiel die Mauer. Plötzlich war Völker in einer Armee, die es nicht mehr gab.

Völker blieb Soldat. Für die Bundeswehr kochte er in Sarajevo und im Kosovo. Als Verpflegungsgruppenführer auf dem Balkan merkte er schnell, dass die Zivilisten und Soldaten, die Einheimischen und Ausländer, die Helfer der staatlichen und der Nichtregierungsorganisationen dort nichts hatten, wo sie hätten hingehen können. Deshalb trafen sie sich oft in seinem Lager. Als 2003 sein Vertrag auslief, war Völker zu alt, um als Berufssoldat übernommen zu werden. Nach Deutschland wollte er aber nicht zurück, weil er sich ein normales, ziviles Leben dort nicht mehr vorstellen konnte. "Da hatte ich die Idee mit dem Restaurant in Kabul."

Zusammen mit einer Nichtregierungsorganisation wagte er sich an die Restauranteröffnung in Afghanistan. Eine damals "aufstrebende Stadt", sagt Völker. "Da hatte ich mehr gastronomische Konkurrenz als hier." Die Damen zahlreicher Nichtregierungsorganisationen gingen damals bei ihm ein und aus, Wiederaufbau-Experten kamen und Geschäftsleute aus dem Westen mitsamt ihrer afghanischen Entourage. Angeschlossen an das Lokal war ein Ausbildungsbetrieb. Die Geschäfte liefen gut, vier Jahre lang. Dann wurde es Völker zu gefährlich, er ging. Seine Mitarbeiter verschlossen am 30. September 2007 die Tür - und kehrten nie wieder an die Kochtöpfe zurück. "Leider wurden unsere Bemühungen von Polizei und Ministerien zum Schluss immer mehr zunichtegemacht", heißt es auf der Internetseite des Lokals noch heute. "Wir bedanken uns herzlich bei den korrupten Behörden Afghanistans für die Schikanen."

Seine Investition in Afghanistan hat Völker abgeschrieben. Das Publikum im "Deutschen Hof" in Erbil hat sich gewandelt. Es ist zwar nach wie vor gemischt. Viele Exil-Kurden sind zurückgekehrt. Die meisten Ölexperten sind abgezogen. Dafür kommen jetzt mehr zahlungskräftige Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, die für die Leber "Berliner Art" mit Kartoffelbrei, Zwiebel- und Apfelringen umgerechnet 21 Euro auszugeben bereit sind. "Ganz langsam kommt alles wieder zurück", sagt Völker, der hofft, dass sein Ausharren belohnt werden wird.

In Erbil angekommen ist Völker schon längst. Er fühlt sich heimisch. Mit Bürgermeister Nahid Latif Kodscha ist er befreundet. Der spricht Deutsch mit rheinischem Zungenschlag, weil er vor mehr als 36 Jahren aus dem Irak nach Bonn geflohen war. Da lag es nahe, dass Völker den Karneval nach Erbil holt. "Ein paar Mal haben wir auch das Rathaus gestürmt", erzählt der Wirt. "Wir haben Kamelle geschmissen, die Frauen haben Schlipse abgeschnitten." Bürgermeister Kodscha wurde entmachtet. "Es ist herrlich, wenn Kölsche Karnevalslieder ertönen und die Kurden dazu ihre Tänze tanzen."

After-Work-Partys, Bundesliga live, Frühschoppen, Tanz in den Mai mit Maibaum-Aufstellen, Tag der Deutschen Einheit, Ostern mit Eiersuchen - Völker hat das gesamte traditionelle deutsche Feierprogramm in seinem Veranstaltungskalender. "Die ganz extremen Spaßdinge haben wir aber nach dem Vormarsch des IS etwas zurückgefahren." Auch sein Oktoberfest kocht Völkel nach Absprache mit den lokalen Autoritäten zurzeit auf kleinerer Flamme. "Die sagen aber immer: Wir lassen uns das nicht vermiesen." So geht es auf den 200 Plätzen im Biergarten im Innenhof mit Fassanstich, Spanferkel, Weißwürsten und Brezen weiter zünftig her: Die Kellner aus Bangladesch, Syrien, dem Irak und von den Philippinen tragen dann Shirts mit aufgemalten Hosenträgern. Völker selbst schlüpft in seine Lederhose, singt gern auf der Bühne das "Rennsteiglied" - die heimliche Hymne Thüringens. Die "Elbthal-Blaskapelle" aus Dresden begleitet ihn dabei - zuletzt sogar nach draußen, direkt an die Kirkuk-Front. "Diese Peschmerga können jede Aufmunterung gut gebrauchen", sagt Völker. "Und sie sind voll mitgegangen - und haben in der Pause ihre eigene Musik gemacht."

Völker, ein Mann wie ein Bär, mag es, wenn es nach Aufbruch und Aufbau riecht. "Ich bin gelernter Ossi", sagt er über sich selbst. "Da liegt mir das Improvisieren im Blut. Wenn's schwierig wird, wachsen wir über uns hinaus." Den Schritt nach Erbil hat er nie bereut. "Eine Sicherheitsgarantie und ständig Strom haben wir hier nicht, aber wenn es einfach wäre, würde es hier ja auch jeder machen." Für die Zukunft lässt er sich aber alles offen.

Im beschaulichen Bad Tabarz sorgt Völker für viel Gesprächsstoff. Seine Mutter Hella, die alle Mitarbeiter im "Deutschen Hof" nur "Mama" nennen, besucht ihn regelmäßig - und er sie. "Wir sind eng verbunden", sagt sie. "Wir hören uns fast jeden Tag über Skype. Um ,Guten Morgen' zu sagen, muss ich da beim Frühstück nur auf ein Knöpfchen am Computer drücken."

Jürgen Becker ist Redakteur der "Freien Presse". Vor Ostern reiste er für eine Woche in den Irak. Über die Ergebnisse seiner Recherchen berichtet er in dieser Reportage und weiteren Beiträgen. Die erschienenen Texte finden Sie unter www.freiepresse.de/Irak .

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