Der Schatz im Salzsee

Im Salar de Uyuni in Bolivien lagern die größten Lithium-Vorkommen der Erde. Die Regierung will die Lagerstätte, an der die Uni Freiberg forschte, mit deutscher Hilfe ausbeuten. Doch was macht das mit der einzigartigen Natur? Im ärmsten Land Südamerikas wird Bergbau heute noch wie in der Kolonialzeit betrieben.

Uyuni.

Aus dem Weltall sieht man Kästchen wie auf einer Schminkpalette: Grün, Türkis und Beigetöne in einem langen Streifen, ringsum Weiß. Die Rechtecke sind 250 Meter lang und mindestens 50 Meter breit, die längsten Felder haben eine Ausdehnung von einem Kilometer. Als Unbefugter darf man sich dem Gelände mit den gigantischen Verdunstungsbecken nicht einmal nähern. Doch an diesem Morgen Ende Mai weicht Rodrigo von der Touristenroute ab und wagt sich bis an die ersten Verbotsschilder heran. "Passieren verboten" und "Gefahr - offener Graben" ist auf den Tafeln zu lesen. "Normalerweise patrouillieren hier oft Soldaten. Aber wir sind früh dran", sagt der junge Mann und setzt den Geländewagen zurück.

Der Salar de Uyuni in Bolivien. Endlos scheint die weiße Ebene unter dem stahlblauen Himmel. Es ist die größte Salzwüste der Erde: 10.000 Quadratkilometer, mehr als halb so groß wie Sachsen, gelegen in 3600 Metern auf einer Hochebene in den Anden. Vor 10.000 Jahren trocknete hier ein See aus. Übrig blieb an der Oberfläche eine bis zu 30 Meter dicke Salzkruste - stark genug, um Busse und Lkws zu tragen. Darunter liegen weitere, kaum erforschte Schichten und Hohlräume aus Sole, Schlamm und Salz.

Der Salar de Uyuni ist Boliviens berühmtestes Naturwunder - ein Sehnsuchtsort für Touristen aus aller Welt. In der staubigen Kleinstadt Uyuni am Rande des Salzsees bieten Dutzende Agenturen Fahrten an. So wie Rodrigo und seine Partnerin Maria, zwei junge Leute, die eben erst ihr eigenes Büro eröffnet haben. Maria führt die Reisenden über die Insel Incahuasi mitten im Salar, die von bis zu 1000 Jahre alten Kakteen bewachsen ist. Sie macht sich Sorgen um das immer größer werdende Sperrgebiet mit den Verdunstungsbecken: "Der Salzsee ist einzigartig. Wir müssen ihn schützen."

Unter der Kruste des Salar de Uyuni lagert ein Schatz: Lithium. In der Salzlauge ist das Leichtmetall gelöst, das als Rohstoff der Zukunft gilt. Wissenschaftler schätzten die Vorkommen auf mehr als 5 Millionen Tonnen - es wäre die größte Lagerstätte der Welt. Schon seit Jahren will die bolivianische Regierung diesen Schatz heben, doch es geht nur langsam voran.

In Bolivien, dem ärmsten Land Südamerikas, übernahm im Jahr 2006 mit dem Sozialisten Evo Morales der erste indigene Staatspräsident die Macht. Seitdem bekamen die Ureinwohner mehr Rechte, zudem wurde die Öl- und Gasindustrie verstaatlicht. Bereits 2008 erklärte Morales Lithium zur strategischen Ressource. Inzwischen gibt es eine kleine Pilotanlage. Doch der große Durchbruch zur Industrialisierung ist noch nicht gelungen - in einem Land, das technologisch weit zurückliegt und in dem die Regierung ausländische Investoren nur als Kooperationspartner mit staatlichen Betrieben duldet.

Bergbau wird in Bolivien noch heute wie in der Kolonialzeit betrieben. Man kann das besichtigen, vier Busstunden nordöstlich von Uyuni in der Provinzhauptstadt Potosí. Hier am legendären Cerro Rico ließen die spanischen Eroberer schon im 16. Jahrhundert Silber abbauen. Der "Reiche Berg", dessen 4800 Meter hoher rotbrauner Kegel der Stadt ihre Silhouette gibt, galt einst als größte Silberlagerstätte der Welt. Ihre Ausbeutung brachte den Kolonialherren sagenhaften Reichtum. "Vale un Potosí", sagten einst die Spanier. Das heißt so viel wie: "Es ist ein Vermögen wert." Die indigenen Zwangsarbeiter indes kamen in den Minen zu Tausenden zu Tode.

In Potosí wird noch immer Erz abgebaut. Organisiert in Dutzenden Genossenschaften, holen Bergleute heute mit bloßen Händen zink- und silberhaltiges Gestein aus dem Berg. "Das wichtigste ist Glück", sagt ein früherer Bergmann, der sich Wilson nennt. Er arbeitet für eine der Agenturen, die in Potosí Führungen für Besucher organisieren. Die Tour startet auf dem Bergarbeitermarkt, wo man Geschenke für die Bergmänner kaufen soll. Zur Auswahl stehen ein Set aus einer großen Flasche Limonade und einem Beutel Coca-Blätter, die hier schon seit Jahrhunderten jeder Bergmann kaut, um die Strapazen unter Tage zu ertragen. Oder Set 2: eine Stange Dynamit samt Zündschnur für 3 Euro - Sprengstoff ist hier frei verkäuflich.

Oben am Cerro Rico transportieren die Bergleute das Erz in Schubkarren aus dem Stollen. Nur gebückt kommt man in den Berg hinein, wie vor 400 Jahren. Es ist stickig, staubig und stockdunkel, an einer Kultstätte werden "El Tío", dem Gott der Unterwelt, Gaben gebracht, um ihn milde zu stimmen. Manche Männer arbeiten hier mit rostigen Presslufthämmern. Andere, die kein Finderglück hatten, um sich die Technik leisten zu können, schlagen den ganzen Tag mit bloßer Muskelkraft ein Loch in den Fels, in das sie dann eine Stange Dynamit stopfen.

In den Hallen am Fuß des Berges wird das Erz verarbeitet. Grob zermahlenes Gestein wird mit hochgiftiger Säure versetzt, in dem Bad wird ein metallhaltiger Schlamm abgeschieden, getrocknet und nach Chile verkauft. Reines Metall bekommt hier heute niemand mehr zu sehen, es gibt keine Industrie zur Weiterverarbeitung. Wertschöpfung passiert jenseits der Dritten Welt.

Mit dem Lithium soll das anders werden, so die Hoffnung in Bolivien. Doch dazu braucht man ausländisches Knowhow. Potosí hat eine Universität, die seit Jahrzehnten Kontakte nach Freiberg unterhält. Schon zu DDR-Zeiten kamen bolivianische Studenten an die Bergakademie. Im Jahr 2007 unterzeichneten die beiden Hochschulen eine Vereinbarung zur gemeinsamen Erschließung der Lithium-Vorkommen im Salar de Uyuni. Die Freiberger entwickelten eine Technologie, die Rücksicht nimmt auf die lokalen Gegebenheiten. Auf dem Salzsee sollten Hunderte bis zu drei Meter hohe Kegel aus Plastikplanen aufgestellt werden. Die lithiumhaltige Salzlauge sollte nach oben gepumpt werden und über die Außenhaut in Auffangbecken abfließen. Gegenüber den Verdunstungsbecken, die - anders als in der chilenischen Atacama-Wüste - während der dreimonatigen Regenzeit schlecht funktionieren, würde damit die Verdampfung beschleunigt. Die einheimische indigene Bevölkerung, so der Plan, hätte mit geringem Aufwand in die Arbeit eingewiesen werden können und hätte direkt profitiert.

Die ersten Kegel standen bereits auf dem Salzsee. Doch bei der Verarbeitung der eingedampften Salzlauge zu Lithiumkarbonat gab es Probleme: Kompetenzgerangel, Machtkämpfe an der Uni in Potosí. "Um die Pilotanlage für das chemische Verfahren entbrannte ein Streit", berichtet Robert Sieland. Der Geoökologe kam 2010 als Doktorand aus Freiberg nach Bolivien, erlebte mit, wie sich Vertreter unterschiedlicher Fakultäten um die Vorherrschaft über das Prestigeprojekt stritten. "Wir waren mittendrin in dem Konflikt", erinnert sich Sieland. "Es endete mit einer Blockade." Die Freiberger zogen sich frustriert zurück.

Die bolivianische Regierung setzte weiter auf die Verdunstungsbecken. Nach Eröffnung der Pilotanlage für Lithiumkarbonat, errichtet von Chinesen, bekam 2015 die Firma K-Utec AG Salt Technologies aus Sondershausen in Thüringen den Millionenauftrag zur Planung einer industriellen Anlage. Geschäftsführer Heiner Marx, der in Uyuni den Vertrag mit Präsident Morales unterschrieb, sagt heute: "Wir sind fertig. Wir haben dem bolivianischen Staat eine Anlage geplant."

Inzwischen ist ein zweites deutsches Unternehmen im Boot: Die baden-württembergische Firma ACI Systems wurde im April strategischer Partner für die Industrialisierung der Lithiumvorkommen. Zum Aufbau einer Wertschöpfungskette solle ein Joint Venture mit dem bolivianischen Staatsbetrieb YLB gegründet werden, heißt es. ACI Systems spricht auf Anfrage von der Gewinnung von jährlich 25.000 Tonnen Lithiumhydroxid und Lithiumchlorid, von einer Batterie-Produktion und von 500 bis 1000 bolivianischen Mitarbeitern. Doch noch sind viele Fragen offen. Darunter die Entscheidung, wer als Generalunternehmer die schlüsselfertige Produktionsanlage aufbaut. Die Württemberger konkurrieren hier mit einem chinesischen Konsortium.

Und auch die Frage nach den Folgen für die Umwelt bleibt. Spricht man den K-Utec-Chef darauf an, dann sagt er: "Es gibt Einwände von denen, die da mit dem Rucksack rumlaufen." ACI Systems verspricht, die Rohstoffgewinnung solle umweltverträglich erfolgen. Eingesetzes Wasser werde wiederaufbereitet, die Stromversorgung solle aus erneuerbaren Energien kommen. Wie genau, bleibt offen. Geoökologe Sieland hatte schon vor Jahren unter Verweis auf eine Schätzung der staatlichen bolivianischen Bergbaugesellschaft Comibol zum Wasserverbrauch gewarnt: Das Flusswasser aus dem Rio Grande, dem Hauptzufluss des Salar de Uyuni, reicht in der ohnehin von Trockenheit betroffenen Gegend bei weitem nicht aus.

Rodrigo steuert seinen Geländewagen über die weiße Ebene, immer weiter gen Osten. Kurz bevor das Festland erreicht ist, tauchen weiße Kegel auf. Einheimische schütten hier Salz zum Trocknen auf; in dem Dorf Colchani am Rande des Salar de Uyuni wird es mit einfachsten Mitteln zu Speisesalz verarbeitet. Reich ist hier noch niemand geworden.

Der Rohstoff der Zukunft

Lithium steckt heute in jedem Handy, Laptop und E-Auto - in Form von Lithium-Ionen-Akkus. Das Leichtmetall gilt als Rohstoff der Zukunft. Vor allem für den Bau von Elektroautos wird in den kommenden Jahren viel Lithium gebraucht. Die HSH-Nordbank prognostizierte im vergangenen Jahr, die Nachfrage nach Lithium werde sich bis 2025 verzehnfachen. Die größten Mengen werden derzeit in Australien und Chile produziert.

In Sadisdorf/Sachsen begannen im vergangenen Jahr Probebohrungen. In dem Ort im Osterzgebirge werden 100.000 Tonnen Lithium vermutet, das Zweieinhalbfache der aktuellen Weltjahresproduktion. Die Deutsche Rohstoff AG gründete ein Joint Venture mit dem australischen Minenbetreiber Lithium Australia. Anfang Juni verkündeten die Australier die komplette Übernahme der Lizenz. (oha)

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