Die tödlichste Grenze Europas

Am Mittelmeer in Italien steigen seit dem Vertrag der EU mit der Türkei die Flüchtlingszahlen. Eine Bedrohung für das Leben, ein Fest für Kriminelle, eine Prüfung für Europa.

Catania/Rom.

Das angestammte Operationsgebiet der "Siem Pilot" liegt vor der Nordseeküste Norwegens. Das Schiff wurde gebaut, um Rohre zu Bohrinseln zu bringen und Material mit einer Winde zu entladen, die 75 Tonnen hebt. Der Rumpf des knapp 90 Meter langen Schiffes leuchtet orange, seine Kommandobrücke erhebt sich wie ein Wachturm. Ein kraftvolles, ausgewogenes, verlässliches Schiff. So jedenfalls wirkt es auf den Fotos des Flotteneigentümers - Siem Offshore Inc., Kristiansand - vor Norwegens zerklüfteter, schneebedeckter Küste.

Am verregneten Abend auf Sizilien im Hafen von Catania erscheint die "Siem Pilot" wie ein müder Koloss, der sich vom Steineschleppen erholt. Vor anderthalb Jahren war das Schiff von Norwegens Regierung gemietet und der EU-Grenzschutzagentur Frontex unterstellt worden. Seitdem hat die Crew 25.000 Menschen aus den Fluten gerettet oder von anderen Schiffen übernommen und nach Italien an Land gebracht. Frontex zahlt die Betriebskosten von 20.000 Euro pro Tag. Der Kommandant an Bord, Pål Erik Teigen, leitet sonst eine Polizeidirektion nördlich von Oslo. "Seit 30 Jahren bin ich Polizist", sagt Teigen, und sein Blick verliert sich in der Dunkelheit. "Die 16 Wochen, die ich hier bin, stellen alles in den Schatten."

Der Oktober war ein tödlicher Monat in den Gewässern zwischen Sizilien, Libyen und Tunesien, vor Malta und Lampedusa, und der November ist es nicht minder. Die Internationale Organisation für Migration in Genf (IOM), eine Hilfsvereinigung mit 151 Mitgliedsstaaten, gibt die Verluste allein für die vergangene Woche mit 365 toten Migranten und sechs gesunkenen Booten an. Mehr als 4600 Menschen starben seit Jahresbeginn im zentralen Mittelmeer. Das sind 1000 mehr als 2015, Tendenz steigend. Das Todesrisiko liegt derzeit bei eins zu vierzig. "Die Menschen versuchen es trotzdem", sagt Izabella Cooper, Sprecherin von Frontex in Warschau. "Stellen Sie sich einen Ballon vor, den sie an einer Seite zusammenpressen. Die Luft kommt auf der anderen Seite heraus." So ist der Zuwachs im zentralen Mittelmeer auch ein Ergebnis des EU-Türkei-Deals, der am 20. März in Kraft trat und die Ankunftszahlen im östlichen Mittelmeerraum drückt.
Auf der "Siem Pilot" zeigt und kommentiert Pål Erik Teigen einen Einsatzfilm, wie sie auch im Internet zu finden sind. Man sieht die Rettung von Männern, Frauen und Kindern aus absaufenden Schlauchbooten, erbärmlichen, überfüllten Seelenverkäufern, die auf hoher See in ihre Einzelteile zerfallen. Die Norweger eilen auf Beibooten von der "Siem Pilot" hinaus und verteilen Rettungswesten. Um Schiffbrüchige zu beruhigen, schreien sie gegen das Brüllen des Meeres an. Unterlegt sind die Bilder mit Musik, wechselweise munter, drohend, dramatisch und, nach gelungener Rettung, gefühlvoll-romantisch.

Eine harte Sequenz zeigt, wie eine hochschwangere Frau mit festem Griff aus einem maroden Schlauchboot fortgezogen wird. Vor einigen Wochen kam im Arztcontainer der "Siem Pilot" der Junge Elija zur Welt, das erste Neugeborene an Bord, Gewicht: 1200 Gramm. Er wurde mit seiner Mutter im Lager Lampedusa abgesetzt. "Wir sehen Leben entstehen, und wir sehen den Tod", sagt Frontex-Mann Teigen, der in Norwegen selbst Familie hat. 1100 Gerettete finden auf dem Ladedeck Platz. Für die Toten steht ein Kühlcontainer sichtbar in der Ecke.

Dies alles geschieht in derselben See, die von Kreuzfahrtschiffen befahren wird, und an deren Stränden die Urlauber baden. Das Mittelmeer ist inzwischen ein Krisengebiet von historischem Ausmaß: 2,5 Millionen Quadratkilometer groß - sieben Mal Deutschland - und zwischen den Küsten Europas, Asiens und Afrikas mit einem Spinnennetz unsichtbarer Grenzen und Operationsgebiete überzogen.Der Aktionsradius der "Siem Pilot" ist durch die Frontex-Operation "Triton" definiert. Es umfasst die Seenotrettungsgebiete Italiens und Maltas. Ab Sizilien reicht es 138 Seemeilen südwärts, eine Entfernung, die das norwegische Ölschiff in sechs bis sieben Stunden bewältigt. "Triton" läuft seit November 2014. Das Ziel der Operation, die von Deutschland und 25 weiteren EU-Staaten gestützt wird, sind der Grenzschutz und die Grenzüberwachung im Süden, koordiniert vom Innenministerium in Rom. Frontex stehen bei "Triton" derzeit fünf Hochseeschiffe, eine Handvoll Küstenboote, fünf Flugzeuge und Helikopter sowie 488 Mann an Personal zur Verfügung. Zwischenbilanz von Februar bis Oktober 2016: 141.700 Ankömmlinge aufgegriffen, 488 Schmuggler arretiert, 7,4 Tonnen Drogen beschlagnahmt.

Zur gleichen Zeit waren Frontex-Schiffe im Rahmen ihrer humanitären und seerechtlichen Verpflichtungen an der Rettung von 42.000 Menschen beteiligt - wenn man so will, der Population einer ganzen Stadt, die sonst im Meer versunken wäre wie Atlantis. Über die vergangenen Jahre gab es immer wieder Kritik, dass Frontex-Crews Flüchtlinge nach Libyen zurückgedrängt oder misshandelt hätten. Einige Fälle sind aktenkundig, andere umstritten, andere unwahr. 2012 erklärte der Europäische Menschenrechtsgerichtshof das Zurückdrängen von Flüchtlingsbooten für rechtswidrig. Der damalige Frontex-Chef Ilkka Laitinen nannte die Push-back-Praxis 2013 "inakzeptabel".

Pål Erik Teigen erzählt, wie unter seinem Kommando ein Manöver der "Siem Pilot" von Aktivisten als "Abdrehen" und Hilfsverweigerung fehlinterpretiert worden sei. Die Ertrinkenden seien alle gerettet worden. Hilfsvereine wie "Ärzte ohne Grenzen" kämpfen seit Jahren unter dem Schlagwort "#safepassage" dafür, Migranten einen sicheren Zugang nach Europa und in ein rechtsstaatliches Verfahren zu eröffnen. Von dieser Warte aus gilt Frontex als Symbol einer verfehlten Politik. Kommandant Teigen weiß das. "Wir machen nicht die Regeln. Das tut die Politik. Frontex verkörpert ihre operative Seite. Allerdings glaube ich, es macht schon einen Unterschied, dass wir mit unserem Schiff hier sind und tausende Leben retten."

Die Seenotrettung südlich von Sizilien wird von der italienischen Küstenwache koordiniert. Im lokalen Hauptquartier der "Guardia Costiera" im Hafen von Catania - blaue Leuchtschrift an der Fassade, Wandbild mit Vulkan Ätna im Foyer - erklärt der Offizier Fabrizio Colombo, wie sie im Falle eines Notrufs jenes Fahrzeug hindirigieren, das am besten helfen kann: Handelsschiffe, Fischereiboote, Flugzeuge, europäische Marineschiffe, Patrouillenboote der Küstenwache, die "Siem Pilot" oder auch das Schiff einer Hilfsorganisation, wie sie außerhalb der libyschen Hoheitsgewässer, 15 Meilen vor der Küste Afrikas auf Wacht stehen. Viele Flüchtlingsboote werden einfach auf See gesichtet. Es kommen Notrufe an die zentrale Koordinierungsstelle in Rom. "Manche rufen direkt von den Booten an", berichtet Colombo. "Die Schleuser drücken das Satellitentelefon einem Flüchtling in die Hand, die Nummer unserer Rettungsstelle im Speicher. Wir hatten auch schon Notrufe aus Libyen, Frankreich oder Deutschland. Dann sagen uns Freunde und Verwandte, es gebe da ein Boot mit 100 Leuten, das gerade untergeht."

Eines der größeren Schiffe der italienischen Küstenwache, die "Luigi Datillo", liegt im Hafen von Catania in Sichtweite der "Siem Pilot". Alessandro Morella ist sein Kommandant - ein hagerer Mann, der so aussieht, als hätte er einen schweren Tag gehabt, und seine Tätigkeit hochkonzentriert beschreibt. In einem fensterlosen Raum auf der Brücke zeigt er stolz ein Infopult, das demnächst nach Indienststellung das Operationsgebiet der "Luigi Datilla" in Echtzeit aus allen verfügbaren Daten spiegeln wird. Das italienische Seerettungsgebiet allein, ohne Malta, ist erheblich größer als die gesamte Bundesrepublik oder auch die Staatsfläche Italiens. Morella erinnert daran, dass Italiens Küstenwache schon vor 25 Jahren Flüchtlinge aus dem Meer geborgen habe, die damals aus Albanien kamen. Seit 1991 sollen mehr als 767.000 Schiffbrüchige der "Guardia Costiera" Italiens ihr Leben verdanken.

Für die Menschenschmuggler in Nordafrika, hinter denen nach Erkenntnissen von Europol immer häufiger auch Kriminelle aus Europa stehen, ist die Aussicht auf Rettung längst zum kostendämpfenden Element ihres Geschäftsmodells geworden. Handels- oder Fischereischiffe werden kaum noch für die Überfahrt genutzt, zumal die EU mit ihrer Militäroperation "Sophia" solche Boote zerstört. Stattdessen kommen miserable Schlauchboote chinesischen Fabrikats, notdürftig zusammengeklebt und spärlich betankt. Die Insassen, Flüchtlinge auf der Suche nach einem besseren Leben, werden in voller Absicht vielfachen Todesrisiken ausgesetzt.

"Besser man schaut hin und sieht, was los ist, als dass man blind bleibt. Oder nicht?" fragt Kapitän Morella in Catania. Bei Fragen nach Europas Grenzschutzpolitik winkt er ab, genau wie Offizier Colombo im lokalen Hauptquartier und Kommandant Teigen, der Frontex-Mann. "Meine Pflicht hier ist das Suchen und Retten", sagt Morella. "Alles andere müssen andere machen."

Die Recherche in Sizilien und Rom wurde von der Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland unterstützt.

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