"Ein Debakel für die Presse"

Der Enthüllungsjournalist Seymour Hersh spricht über den Mueller-Bericht und die Unfähigkeit des amerikanischen Präsidenten, etwas nicht in der Öffentlichkeit zu tun.

Washington.

Er hat das Massaker von My Lai im Vietnamkrieg, den Abhörskandal unter Präsident Richard Nixon und die Folterungen durch US-Soldaten in Abu Ghuraib öffentlich gemacht. Seymour Hersh ist eine Reporterlegende und Pulitzer-Preisträger. Das ist der begehrteste US-Journalistenpreis. Keine 1000 Schritte vom Weißen Haus entfernt hat Hersh sein Büro. Draußen strahlt die Frühlingssonne, aber für Seymour Hersh ist die Welt gerade nicht in Ordnung. Unser Washingtoner Korrespondent Karl Doemens hat sich mit ihm am Montag zum Interview getroffen.

Freie Presse: Herr Hersh, haben Sie heute morgen schon Zeitung gelesen?

Seymour Hersh: Ich habe mir die Titelseiten angesehen, die "Washington Post" überflogen und die "New York Times" fürs Büro eingesteckt. Das ist alles so verrücktes Zeug ...

Sie meinen die Debatte über den Bericht von Sonderermittler Robert Mueller, der keine Verschwörung des Trump-Lagers mit den Russen festgestellt hat?

Ich habe das seit zwei Jahren gesagt. Ich verstehe, dass man Trump hasst. Er ist furchtbar. Aber Absprachen mit den Russen? Das heißt, dass man Schritt A macht, um B zu erreichen. Dazu ist er gar nicht in der Lage. Er macht Schritt A. Das verschafft ihm sofortige Genugtuung. Es gab keine Verschwörung. Und ich sage Ihnen etwas: Die Geschichten über die Russen, die Hillary Clintons E-Mails gehackt haben sollen, sind genauso verrückt.

Aber der amerikanische Geheimdienst hat sie bestätigt.

Der Geheimdienst? Es gibt 17 verschiedene Geheimdienstbehörden. Drei haben gesagt, dass es wahrscheinlich so war. Haben Sie "Casablanca" mit Humphrey Bogart gesehen? Genauso war das: Die Demokraten haben die Wahl verloren. Dann wurden die üblichen Verdächtigen dafür verantwortlich gemacht: Russland. Ich sage nicht, dass sie es nicht waren. Aber um die E-Mails zu hacken, bedurfte es nicht des russischen Geheimdienstes. Das könnten meine Kinder. Das Ganze ist ein Debakel für die amerikanische Presse.

Trotzdem lesen Sie jeden Tag die Zeitung.

Ja, obwohl das immer teurer wird. Die "New York Times" kostet inzwischen 100 Dollar im Monat. Es war mal viel billiger. Aber die haben keine Anzeigen mehr. Einerseits ist Trump das Beste, was der Zeitungsbranche passieren konnte. Leute, die Trump nicht mögen, lesen. Deswegen ist es für die "Times" rational, gegen Trump zu sein. Aber ich würde immer argumentieren, dass sie es nicht auf die richtige Weise machen. Sie sollten sich mehr auf das konzentrieren, was innerhalb der Regierung passiert: Da werden überall gute Leute durch schlechte ersetzt. Die Ideologen sind auf dem Vormarsch. Es gibt Programme, um arme Menschen mit Lebensmitteln zu unterstützen und Landwirten mit Subventionen zu helfen. Die dafür Verantwortlichen sind durch Personen ersetzt worden, die davon keine Ahnung haben. Auf diese Geschichten sollten sich die Medien stürzen, statt auf Trumps Tweets.

Sind Sie selbst bei Twitter aktiv?

Nein. Meine Kinder machen das. Das kostet viel zu viel Zeit. Ich rate Ihnen: Sparen Sie Ihre Energie für etwas anderes auf.

Mit 32 Jahren schrieben Sie eine Geschichte, die Sie weltberühmt gemacht hat. Da deckten Sie ein Kriegsverbrechen der US-Armee im Vietnamkrieg auf: Beim Massaker von My Lai wurden hunderte Zivilisten getötet. Sie fanden den befehlshabenden US-Offizier, brachten ihn zum Reden.

Anfangs konnte ich die Geschichte nirgends unterbringen. Als freier Journalist musste ich sie einer kleinen Nachrichtenagentur anbieten ...

... und erhielten dafür 1970 den Pulitzer-Preis. Danach haben Sie immer wieder mit Enthüllungen für Schlagzeilen gesorgt. Kann man heute noch so arbeiten?

Nein. Sie sprechen mit jemandem, der zwei Jahre lang den Medien erklärt hat, dass sie sich in der Russland-Sache verrannt haben. Niemand wollte es hören. Nach dem Abschluss der Mueller-Untersuchungen hätte die "New York Times" schreiben können: "Wir haben es möglicherweise versaut." Stattdessen betont sie, dass Trump nicht entlastet sei.

Aber das stimmt doch, was die Justizbehinderung angeht. Da hat der Sonderermittler Robert Mueller ausdrücklich kein Urteil gefällt. Und ist es nicht offensichtlich, dass Donald Trump die Ermittlungen gezielt unterdrücken wollte?

Warum? Genauso offensichtlich ist, dass der Mann impulsiv handelt. Dauernd. Er verbirgt nichts. Was immer er macht, schreibt er in einem Tweet auf. Wir reden hier über ein pathologisches Phänomen. Er twittert von morgens bis abends. Und Sie sagen: Selbst wenn man nichts findet, könnte es existieren? Okay, es ist möglich. Aber Mueller hat zwei Jahre mit sehr klugen Leuten gearbeitet und nicht genug gefunden. Sie können immer noch sagen: Er hat es getan. Aber Sie können es nicht beweisen.

Das stimmt. Zudem müsste im amerikanischen Strafrecht die Tat vorsätzlich erfolgt sein.

Vorsätzlich und bewusst. Ich sage Ihnen: Dazu ist Trump unfähig. Er ist, was er ist. Würden Sie einen Gebrauchtwagen von einem Immobilienhändler kaufen? Nein? Eben! Der einzige Grund, weshalb Trump Präsident wurde, ist, dass Hillary Clinton die schlechteste Kampagne in der Geschichte gefahren hat.

Vor zwei Jahren zweifelten Sie in der "Welt am Sonntag" daran, dass das syrische Regime Giftgas gegen die Bevölkerung der Stadt Chan Scheichun eingesetzt hat, obwohl die Organisation für das Verbot chemischer Waffen das "unbestreitbar" nannte. Dafür haben Sie viel Kritik geerntet.

Ich habe geschrieben, dass es für den Giftgaseinsatz keine Belege gab. Woher ich das wusste? Ich hatte sehr geheime Dokumente, die ich aber nicht erwähnen konnte. Es waren Aufzeichnungen von Gesprächen eines US-Kommandeurs in Doha, von wo aus der amerikanische Gegenschlag befehligt wurde. Aber ich musste meine Quellen schützen. Also konnte ich nicht sagen, dass die Information von einem Luftwaffengeneral kam, sondern musste allgemein erklären, es seien Informationen aus der Truppe. Das hat es meinen Kritikern leichtgemacht, die Story zu diskreditieren.

Es gibt in den Vereinigten Staaten, aber auch in Deutschland, eine große Debatte über Fake News. Haben Sie in Ihrer Laufbahn jemals etwas an einer Geschichte erfunden?

Erfunden? Nein, nein, nein. Natürlich nicht. Ich habe Storys geschrieben, die auf schlechten Quellen beruhten. Ich wurde ein paarmal getäuscht.

Haben Sie von der Relotius-Affäre beim "Spiegel" gehört?

Natürlich habe ich darüber gelesen. Was ist bloß mit dem "Spiegel" passiert? Ich hab ihn zu den Zeiten von Stefan Aust (Chefredakteur von 1994 bis 2008, d. Red.) und Georg Mascolo (Chefredakteur von 2008 bis 2013, d. Red.) verfolgt. Danach haben die ein paar Geschichten gebracht, die mir nicht gefielen. Ich habe den Wandel beim "Spiegel" schon vor dem aktuellen Schlamassel beobachtet.

Gibt es eine eindeutige Trennlinie zwischen Reportage und Fiktion?

Selbstverständlich! Wovon reden Sie? Ich verstehe die Frage nicht. Das ist fast eine Beleidigung.

Kann der Druck, eine perfekte Reportage abzuliefern, zum Täuschen verleiten?

Es gibt immer Leute, die Sachen erfinden. Das passiert.

Dürfen Journalisten Partei ergreifen?

Man ergreift immer irgendwie Partei.

Als Sie während des Vietnamkrieges in Hanoi waren, haben Sie dem Folksänger Pete Seeger davon abgeraten, dem nordvietnamesischen Radio Interviews zu geben. Heute reden Sie mit dem russischen Propagandasender Russia Today und geben dem rechten Verschwörungstheoretiker Alex Jones Interviews. Wie passt das zusammen?

Was Russia Today angeht - das macht mir überhaupt keine Kopfschmerzen. Ich denke, die machen nicht mehr Propaganda als (der linke US-Kabelkandal, d.Red.) MSNBC oder (der rechte US-Sender, d. Red.) Fox News.

Aber Alex Jones behauptet, die USA seien an den Anschlägen vom 11. September beteiligt gewesen und Barack Obama hätte nie Präsident werden dürfen, weil er kein Amerikaner sei. Ist dessen Radio-Talkshow die richtige Plattform für Sie?

Oh nein! Wissen Sie, wie das kam? Ich hatte gerade etwas publiziert und keine Ahnung, wer Alex Jones ist. Er meldete sich, sagte, dass er eine Sendung mit zwei Millionen Zuhörern habe und ein Interview wolle. Also sagte ich, dass ich für zehn Minuten mit ihm reden würde. Das war vielleicht dumm von mir. Nach fünf Minuten bemerkte ich, dass er verrückt ist, und habe aufgelegt.

Sie würden ihm kein weiteres Interview geben?

Nein! Warum sollte ich mit einem reden, der bekloppt ist? Ich glaube nicht an das Zeug, das er erzählt.

Ihr Büro liegt so nah am Weißen Haus. Reizt es Sie denn gar nicht, über den aktuellen Präsidenten zu schreiben?

Vorneweg: Ich hab ihn nicht gewählt und mag nicht, wie er agiert. Am Anfang fand ich seinen außenpolitischen Ansatz, mit Leuten wie Putin zu reden, interessant, was mir zu Hause allerhand Ärger eingebracht hat. Aber er hat wirklich von nichts die geringste Ahnung. Das Ausmaß seiner Ignoranz und seines Desinteresses ist bestürzend und deprimierend. Aber das muss ich nicht schreiben. Das ist offensichtlich. Er demonstriert das jeden Tag.

Und fänden Sie es nicht lohnend, der Verquickung von privaten Geschäftsinteressen und politischen Entscheidungen in seiner Präsidentschaft nachzuspüren?

Die Geschichte über Absprachen mit den Russen ist meiner Meinung nach seit dem Mueller-Report tot. Die Gewinnmitnahmen sind eine andere Sache. Ich denke, da gibt es fragwürdige Dinge bei seinen Kindern, die für Trump zum Problem werden könnten. Seine Tochter verkauft überall ihr Parfüm oder was auch immer. Und sein Schwiegersohn bekommt Milliarden Dollar von Doha. Aber das ist alles bekannt. Ich muss nicht über Trump schreiben. Er verbirgt nichts. Er tut alles in der Öffentlichkeit. Dem kann ich nichts hinzufügen.

Seymour Hersh 

Der Reporter Seymour Hersh kam am 8. April 1937 in den USA zur Welt. Er hat zahllose Skandale aufgedeckt und gilt als der bedeutendste Enthüllungsjournalist seines Landes. Angefangen hat er als Polizeireporter in seiner Heimatstadt Chicago. Für seine Recherchen in Vietnam gewann er den Pulitzerpreis. Er arbeitete unter anderem für die "New York Times" und das Magazin "New Yorker". Als freier Autor schrieb er mehrere Enthüllungsbücher über die Kriegsverbrechen des Ersten Golfkrieges, die nukleare Aufrüstung Israels mit Unterstützung der USA oder auch über John F. Kennedy. Nun hat er seine Memoiren vorgelegt.fp

Die Memoiren Seymour M. Hersh: Reporter. Der Aufdecker der amerikanischen Nation. Verlag Ecowin. 432 Seiten. 28 Euro. ISBN-10: 3711002374.

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 3 Bewertungen
4Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 5
    1
    Hirtensang
    31.03.2019

    Solche Persönlichkeiten wie Seymour Hersh braucht die Welt. Leider sind sie in dieser Welt nicht so reichlich gesät. Um so größer ist die Freude, in meiner Heimatzeitung dieses Interview zu lesen. Ich schließe mich den Dank und die Anerkennung für die Zeitungsmacher durch die Foristen CPärchen und Freigeist14 an.

  • 7
    1
    ths1
    31.03.2019

    Ein bemerkenswertes Interview, dessen Abdruck ich der Freien Presse gar nicht zugetraut hätte. Vor allem die subtile Spiegel-Kritik ist köstlich.

  • 6
    2
    CPärchen
    31.03.2019

    Ich dachte erst, als ich das Interview kurz unterbrechen musste, dass ich es in der FAZ fand, aber nein, ich fand es bei Ihnen liebe FP.
    Mir ist bewusst, dass qualitativ hochwertige journalistische Arbeit nicht so gewürdigt wird, wie sie es verdient, aber es tut so gut, sowas zu lesen.

  • 12
    3
    Freigeist14
    30.03.2019

    Dieses Interview ist eine Sternstunde der Freien Presse. Vielen Dank dafür . Seymor Hersh spricht aus ,was selbst deutsche "bündnistreue Medien " zu gern nachgeplappert haben . Selbst die Kritik am "Spiegel " ist exzellent begründet. Dieser Reporter steht für das "gute Amerika " ,für das Demokratie und Menschenrechte keine Lippenbekenntnisse sind . Freie Presse , weiter so !



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