Eisbaden gegen die Lockdown-Lethargie

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Abhärtung hat sich in Tschechien in Pandemiezeiten zu einem Volkssport entwickelt. Ganz neu ist das Phänomen aber nicht.

Prag.

Es ist Morgen an einem Waldsee nahe der deutsch-tschechischen Grenze. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, da steht Anna Škopková mit Freunden schon am Ufer. "Ich will am liebsten immer als erstes rein", sagt sie und steigt ins kalte Wasser. Nein, ins eiskalte Wasser. Ein paar Schritte nur - und schon reicht ihr das Wasser bis zum Hals. Dort verharrt sie eine gefühlte Ewigkeit von zwei, drei Minuten, nur die Hände hält sie über den Kopf, bis sie den Waldsee ganz schnell wieder verlässt.

Die Minustemperaturen haben dem See eine ordentliche Eisschicht beschert. Eine Axt gehört zur Pflichtausrüstung. Die Schwelle, sich zum Eisbaden aufzumachen, ist für die 44-Jährige immer wieder hoch. Doch ein einfaches Mittel hilft, sie zu überwinden - es gemeinsam tun. So kam sie auch zu ihrem neuen Hobby. "Es begann im Frühjahr, als sich unter Freunden in Decín eine Gruppe fand, die sich regelmäßig zum Eisbaden verabredete. Da bin ich dann halt mit", erzählt sie. Damals herrschte die Zeit des ersten strengen Lockdowns. Kita und Schule waren zu, die Arbeit wurde im Homeoffice erledigt. "Ich glaube, dass mich das Eisbaden über diese Zeit gerettet hat", glaubt Škopková heute. Sie hat diese Art der Abhärtung auch nach der Lockerung im Sommer bis heute beibehalten.

Inzwischen ist wieder Lockdown in Tschechien. Und gerade dieser Winter ist viel härter als die Winter zuvor. Trotzdem hat sich das Eisbaden zu einem regelrechten Volkssport gemausert und hat auch Tomáš Vlcek aus Zwickau (Cvikov) in Böhmen erfasst. Als er mit seinen Freunden das erste Mal ins Wasser stieg, war es 13 Grad kalt. "Inzwischen müssen wir den See regelmäßig freihacken." Und Vlcek muss selbst über das lachen, was er im See erlebt: Während sie baden, kommen andere mit Langlaufskiern vorbeigefahren oder laufen Schlittschuh.

Vlcek gesteht, dass er den Winter eigentlich nicht mag und früher auch nie Sport trieb. "Für mich ist das Eisbaden ein täglicher Kampf gegen die Lethargie und Bequemlichkeit." Hinzu kommt die Gemeinschaft. "Wir haben alle anspruchsvolle Berufe und das Eisbaden ist eine Art Ventil. Wir freuen uns einfach, dass wir uns regelmäßig treffen und haben viel Spaß. So begegnen wir der Pandemie mit Humor", nennt Tomáš Vcek eine typisch tschechische Eigenschaft.

"Das Phänomen ist nicht ganz neu. In Tschechien neigen wir schon immer etwas zu solch extremen Sportarten", sagt der Journalist und Langstreckenläufer Petr Vizina. Und er erinnert an den Naturheiler Vincenz Prießnitz aus Bad Gräfenberg (Lázne Jeseník), der drei Jahrzehnte vor Sebastian Kneipp (1821-1897) als Autodidakt die Kaltwasserkur entdeckte und zu praktizieren begann. Doch dass das Phänomen gerade jetzt wieder aufkommt, hat laut Vizina eindeutig mit Covid zu tun. Es bestehe ein großes Bedürfnis nach einem Ausgleich zur Isolation sowie das Verlangen, etwas für die Immunität zu tun. Und es gibt einen neuen Prießnitz: der niederländische Extremsportler Wim Hof. "Dass seine Bücher gerade jetzt im Tschechischen verlegt wurden, hat den Trend noch angefacht", so Vizina. Seitdem geht die Abhärtungstherapie nach Hof durch alle Medien, die zugleich von immer neuen Spielarten berichten - wie Wanderungen im sommerlichen Outfit durch die verschneiten Berge.

Für Anfänger hat Anna Škopková einige Tipps parat. "Man sollte damit nicht allein anfangen und besser mit Badelatschen ins Wasser gehen." Fürs Aus- und Ankleiden hat sie einen Teppich dabei, ins Wasser geht sie oft mit Mütze und für danach steht eine Thermosflasche heißer Tee parat. Allen gemeinsam ist das wohlige Gefühl nach dem Bad im eiskalten Wasser. "Dieser Schwall an Endorphinen, der sich im Körper ausbreitet, ist immer wieder unbeschreiblich und die ganze Überwindung wert", bringt es Tomáš Vlcek auf den Punkt.

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