Ex-Bundeswehrsoldat zu Afghanistan: "Die Taliban wollen uns tot sehen"

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Ein früherer Bundeswehrsoldat, der 2011 in Afghanistan im Einsatz war, berichtet über seine Erfahrungen. Er ist wütend über die aktuelle Lage dort. Die G7-Staatschefs kämpfen um eine Verlängerung der Evakuierungsmission.

Er war vor Jahren in Afghanistan bei der Aufklärung in Kundus. Ex-Bundeswehrsoldat Mathias Dix blickte schon vor dem Bundeswehrabzug vom Hindukusch ernüchtert auf den Einsatz. Nun nach der schnellen Machtübernahme durch die Taliban und angesichts der Ohnmacht des Westens ist er nur noch eines: wütend. Das Gespräch mit ihm führte Christopher Ziedler.

Freie Presse: Herr Dix, wie intensiv verfolgen Sie, was derzeit in Afghanistan geschieht?

Mathias Dix: Was dort passiert, bewegt mich sehr. So wie ich lange jeden Morgen zuerst auf die Corona-Fallzahlen geschaut habe, informiere ich mich jetzt ständig über die Lage in Afghanistan.

Was geht Ihnen, der einen halbes Jahr in und um Kundus im Einsatz war, dabei durch den Kopf?

Ich muss immer wieder daran denken, wie schwierig es war, den Sicherheitsradius rund um die Stadt zu erweitern. Zwei bis drei Kilometer haben wir in den sechs Monaten meiner Stationierung geschafft. Wenn man dann sieht, wie all diese zäh errungenen kleinen Erfolge von den Taliban in nur vier Wochen komplett rückgängig gemacht wurden, ist das mehr als bitter. Vor allem deshalb, weil jeder wusste, dass die Lage noch nicht stabil genug für einen Abzug ist.

Im Juni berichteten Sie, wie Ihr Aufklärungstrupp in eine Sprengfalle gefahren ist und manchmal noch eine zweite Bombe wartete, um die Rettungskräfte zu töten. Was sagen Sie zur Hoffnung, die Taliban könnten moderater auftreten als früher?

Ich kann mir das leider nicht vorstellen. Meiner Meinung nach führen die mit den Friedensgesprächen eine Charade auf. Leute, die uns damals geholfen haben, sollen schon umgebracht worden sein. Insofern befürchte ich eher, dass die neue Generation der Taliban sich weiter radikalisiert hat. Die kämpfen mit allen Mitteln für ihren Gottesstaat und wollen uns tot sehen.

Wie haben Sie das erlebt?

Die haben Kopfgelder auf uns ausgesetzt. Bestimmte Truppenteile waren mehr wert als andere. Es ist ein krasses Gefühl zu wissen, dass jemand 10.000 Dollar bekommt, wenn er es schafft, dich zu töten. Mit diesem Gefühl bist du in jedes Dorf gegangen, weil du nie wusstest, ob einer der Bewohner ein Taliban ist oder sich eine Belohnung abholen will.

"Klar ärgert es mich, dass es alles nichts gebracht hat" haben Sie vor einigen Monaten gesagt. Hat sich dieser Ärger noch verstärkt? Oder zeigen Ihnen die vor den Taliban fliehenden Menschen vielleicht auch, dass in Afghanistan etwas entstanden war, für das sich der Einsatz gelohnt hat?

Für mich haben es die vergangenen Tage und Wochen noch viel schlimmer gemacht. Die Taliban siegen zu sehen tut weh, die von uns ausgebildete afghanische Armee verlieren zu sehen ebenfalls. Aber Sie haben recht: Wenn ich daran denke, dass Frauen in Afghanistan wieder Fahrrad fahren und Mädchen zur Schule gehen durften, dann konnten wir ihnen doch ein bisschen Freiheit bringen, zumindest in den Städten. Umso mehr schmerzt mich, dass sie auch das jetzt verlieren.

Afghanistans Armee, die Sie mit ausgebildet haben, konnte das Erreichte allein nicht verteidigen. Wie erklären Sie sich das?

Das Land ist sehr korrupt - wer mehr Geld bietet, hat die Leute hinter sich. Ich habe Afghanen erlebt, die an einem Tag Polizisten waren und am nächsten zu den Taliban übergelaufen waren. Man hätte mehr und pünktlicher zahlen müssen, um die Moral zu stärken. Wir haben einmal in Kundus Ausrüstung verteilt und an einem Samstag die Afghanen zu verschiedenen Zeiten gruppenweise einbestellt. Erschienen ist keiner - am nächsten Tag kamen dafür alle auf einmal und haben ein Riesenchaos produziert. Ähnliche Motivationsprobleme gab es an den Checkpoints, oft waren Wachtürme unbesetzt. Der kulturelle Graben war riesig, afghanische Kollegen haben schon mal angeboten, uns Frauen oder Männer zu besorgen. Das war zumindest damals nicht die Armee, wie man sie sich vorstellt. Im Gegensatz zu den Taliban wusste sie nicht so genau, wofür sie kämpft.

Wie lief das mit den Ortskräften, um deren Evakuierung es gerade geht?

Unser Dolmetscher war immer dabei. Er konnte neben Englisch sogar ein bisschen Deutsch, hat für uns herumgefragt, wenn wir Informationen brauchten. Er hat uns auch mal frische Tomaten organisiert oder mit uns gefeiert. Er war auch beim Anschlag auf unseren Konvoi dabei - das schweißt zusammen.

Für wie gefährdet halten Sie jene, die bleiben wollen oder müssen?

Die Gefährdung ist sicher sehr hoch. Die Taliban wissen ganz genau, wer uns geholfen hat. Wir wurden oft mit Handys fotografiert, wenn wir unterwegs waren, unsere Dolmetscher waren die einzigen in unserem Tross, die ganz offen aufgetreten sind, keine Masken trugen.

Haben Sie noch Kontakt mit "Ihrem" Dolmetscher von damals?

Nein, leider nicht. Ich hoffe, dass er noch rechtzeitig herausgekommen ist, aber wahrscheinlich ist das nicht, Kundus ist ja sehr schnell gefallen. Umso wütender bin ich, dass wir unsere Ortskräfte nicht früher herausgeholt haben. Ich frage mich wirklich, wen unsere Verantwortlichen gefragt haben, dass sie dachten, dafür wäre noch viel Zeit.

Hat Ihr Vertrauen in Ihren früheren Dienstherrn nachträglich gelitten?

Ich hatte damals Vertrauen in die militärische Führung und habe es immer noch. Gerade die Kommandeure vor Ort haben immer genau abgewogen, welche Operation wirklich sinnvoll ist. Enttäuscht bin ich davon, dass die politische Führung gegen den Rat des Militärs jenen nachgegeben hat, die auch in Deutschland lautstark "Raus aus Afghanistan" gerufen haben. Jetzt habt Ihr's - und nun? Auf einmal werden die Menschen in Afghanistan wieder bedauert, zwanzig Jahre lang hat sich kaum jemand dafür interessiert, was aus ihnen wird.

Was wäre die Alternative zum Abzug gewesen? Eine militärische Lösung, da waren sich schon früh alle einig, gibt es für Afghanistan nicht.

Ich bin mir sicher, dass die afghanische Armee, besser bezahlt, mit ein wenig Anleitung, einer ganz kleinen westlichen Restpräsenz, mehr hätte erreichen können - aber das wollten US-Präsident Donald Trump und dann auch Joe Biden leider nicht. Man hätte auf den Lichtblicken aufbauen können, die es gab. Einmal ist während einer Patrouille ein Lehrer mit einer Gruppe von Schülerinnen und Schülern auf uns zugekommen, da sie medizinische Versorgung brauchten. Sie haben Vertrauen zu uns gefasst.

Was meinen Sie damit?

Wir hätten öfter in die Dörfer fahren müssen, um gerade den Jungen dort das Gefühl zu geben, dass sie sich auf uns verlassen können und nicht gleich wieder Taliban kommen. Darauf hätte man aufbauen können. Jetzt war aber wirklich alles umsonst. Auch das psychische Leiden meines Kameraden, der bei dem Anschlag auf unseren Konvoi schwer verletzt wurde und jetzt nur noch in der Poststelle eingesetzt werden kann.

Ist die alte Truppe noch in Kontakt?

Wir haben eine WhatsApp-Gruppe. Die Ereignisse dieser Tage, die uns alle tief getroffen haben, waren der Auslöser dafür, dass wir uns demnächst einmal wieder treffen werden. Wir waren uns aber schon gleich alle einig, dass wir uns früher auch unter den jetzigen Umständen sofort wieder freiwillig gemeldet hätten, um Afghanistan erneut zu befreien. Jetzt aber habe ich eine wunderbare Familie, die ich hier beschützen muss.


Mathias Dix 

Der gebürtige Cottbusser ist einer von 160.000 Bundeswehrsoldaten, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten im Einsatz gewesen sind. Als Teil einer Aufklärungskompanie war der heute 39-Jährige ab Mitte 2011 für etwas mehr als sechs Monate in Afghanistan. Sein Team betrieb von dem Feldlager in Kundus aus die Aufklärung. Anfang Juni war ein Interview mit ihm in der "Stuttgarter Zeitung" erschienen, in dem er über seine Erfahrungen im Einsatz berichtete. Er lebt heute mit Frau und Tochter in Berlin und arbeitet dort als Fitnesstrainer.

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