Im Wartesaal Europas

165.000 Menschen aus Afrika und Asien sind seit Jahresanfang in Italien gestrandet. Die meisten kamen über das Mittelmeer, erlitten dort Schiffbruch. Wie geht Italien mit diesen Menschen um? Und was macht Europa?

Mineo/Rom.

Fünf Uhr nachmittags im November wird es dunkel auf Sizilien. Im Camp sind viele Afrikaner um diese Zeit in Grüppchen unterwegs, in Sträßlein, die hochtrabende Namen auf Englisch tragen. Eine heißt "Constitution" (Verfassung), eine andere "Enterprise" (Unternehmung). Der Sportplatz ist hell erleuchtet. Auf den Bänken chillen Jugendliche. Vor dem Verwaltungsgebäude hat sich ein Hund zu Füßen eines Baumes ausgestreckt, in dessen Wipfel hunderte Vögel lärmen.

Zwischen den sorbetfarbenen, zweigeschössigen Häusern fällt der Blick auf einen Drahtzaun, der das Camp umgibt. An der Zufahrt steht bewaffnetes Personal, parken Autos in Tarnfarben. Wie eine Märchenburg thront in zehn Kilometern Entfernung, hoch auf dem Berg, das Dorf Mineo. Am Camp in der Ebene führt eine Staatsstraße vorbei. Gut 50 Kilometer sind es bis zur Großstadt an der Ostküste, Catania. Manche von denen, die hier leben, kamen vom dortigen Hafen. Andere haben Europa in Augusta, Pozzallo oder Syrakus betreten.

Im Camp Mineo stammen neun von zehn Bewohnern aus Eritrea, dem autoritär regierten Staat am Roten Meer, der einmal eine italienische Kolonie war. 3100 Flüchtlinge leben vorübergehend im Camp, bis sich ihr weiteres Schicksal entschieden hat. 180 Minderjährige sind darunter - auf 16 Erwachsene ein Kind.

Der korpulente, gemütvoll wirkende Direktor Sebastiano Maccarone ist so etwas wie der Bürgermeister des Camps. Maccarones kleines Büro im Verwaltungsgebäude wirkt vollgestopft mit Bildern, Sportpokalen und Präsenten. Da ist ein Bootsmodell mit der Aufschrift "Senegal", ein edler Kugelschreiber im Etui, ein Fotogruß des Stortings, Norwegens Parlament. Zwei Flüchtlinge haben ihre Häuser aus Papier nachgebaut und dem Direktor vermacht. An der Wand hängt ein gerahmtes Foto, das Maccarone mit Michael Kretschmer zeigt, dem Generalsekretär der Sachsen-CDU. Viele Besucher kommen nach Mineo - Politiker, Journalisten. Ein Vorzeigecamp? Im November wollten deutsche Journalisten den sizilianischen Hotspot Pozzallo besuchen. Das wurde aus "Sicherheitsgründen" abgelehnt.

Mineo ist ein recht vorzeigbares Rädchen im Getriebe des immer komplizierteren Apparats, mit dem die Staaten der Europäischen Union die Zuwanderung kanalisieren wollen. Der europäische Migrationsplan von 2015, "Juncker-Agenda" genannt, sieht vier Hauptpunkte vor. Arno Hartwig von der EU-Kommission in Catania zählt sie auf: "1. Wir wollen die Anreize für eine illegale Migration vermindern. 2. Wir wollen die Asylpolitik in Europa stärken und verbessern. 3. Die Menschenrettung auf hoher See bleibt eine humanitäre Pflicht. 4. Wir brauchen eine neue Politik für die legale Migration."Bisher bleibt den meisten Armutsflüchtlingen, aber auch politisch oder religiös Verfolgten aus Afrika gar kein anderer Weg übrig, als den Höllentrip durch die Wüste und das Himmelfahrtskommando im Schlauchboot übers Mittelmeer auf sich zu nehmen. Früher flüchteten auch syrische Familien über Libyen. Heute wäre das lebensgefährlich, der Staat ist zerfallen. Die meisten Syrer suchen ihre Chance jetzt über die Türkei und Griechenland.

Direktor Maccarone erklärt, dass jeder Bewohner des Camps einem provisorischen Aufnahmeverfahren unterworfen ist. Im Erstverfahren werden 60 bis 70 Prozent abgelehnt, im Widerspruchsverfahren haben 70 Prozent Erfolg. Wer vorläufig akzeptiert ist, kann sich frei bewegen. Nach zwei Monaten darf er arbeiten, so sich hier denn Arbeit findet.

Jeder Ankömmling erhält einen Ausweis mit Barcode. Das Tor öffnet sich von 8 bis 20 Uhr. Wer immer das umzäunte Camp verlässt, wird registriert. Geht einer und kehrt binnen dreier Tage nicht zurück, verliert er das Aufenthaltsrecht. An diesem kühlen Novembernachmittag ist das Tor stark frequentiert. Gerade kommt ein Mann mit Fahrrad, der Badeschuhe trägt.

Die aktuellen Ablaufpläne der EU sehen vor, dass alle Zuwanderer zunächst für ein, zwei Tage in einem Hotspot (englisch für: Brennpunkt) aufgenommen werden. Italien hat vier Hotspots, geplant sind sechs. "In Italien kommen die Menschen in der Regel ohne Personalpapiere an. Das ist anders als in Griechenland", erläutert EU-Mann Arno Hartwig. Die EU-Kommission und die Innenminister der Mitgliedsstaaten haben festgelegt, was nun geschieht: Den Flüchtlingen werden Fingerabdrücke abgenommen, die eine frühere Einreise oder ein bereits abgeschlossenes Verfahren ans Licht bringen könnten. Nur bei Minderjährigen entfällt die Finger-Prozedur.Bei der Aufnahme und Befragung der Ankommenden werden die italienischen Behörden von europäischen Spezialisten unterstützt. Sie kommen vom Europäischen Unterstützungsbüro für Asylfragen (EASO) und der Grenzschutzagentur Frontex. EASO ist eine EU-Agentur mit Sitz in Malta, die gezielt Italien und Griechenland beisteht. Sie schult Bearbeiter für Migrationsverfahren (bisher mehr als 14.000) und vermittelt Helfer und Experten. In Italiens Aufnahmesystem sind zurzeit 45 EASO-Experten im Einsatz. Dazu kommen 34 kulturelle Mediatoren, "Übersetzer mit Kompetenz zu den kulturellen Eigenheiten der Herkunftsländer", wie EASO-Sprecherin Marie-Ann Beaten sagt.

In Mineo leben besonders viele Bewohner, die für eine umstrittene EU-Initiative in Frage kommen: die Umverteilung. Für Flüchtlinge ohne Asylstatus aus Eritrea ist die "Relokation" im Moment die einzige legale Chance, von hier aus in ein anderes EU-Land zu gelangen. Frei wählen dürfen sie das Zielland nicht.

Die Umverteilung war im vorigen Jahr auf europäischer Ebene beschlossen worden, um Italien und Griechenland zu entlasten. Insgesamt 160.000 Flüchtlinge, die an der Südgrenze angekommen sind, sollten ab September 2015 in andere EU-Länder überstellt werden. Die Relokation überspielt für eine begrenzte Zeit die Dublin-Regeln, wonach der Asylantrag im Erstaufnahmeland gestellt werden soll. Sie ist ein Solidaritätsmechanismus zur Stabilisierung des Südens, wie ihn Deutschland noch 2013 abgelehnt hatte. Heute sagen italienische Offizielle in Rom, dass wohl Deutschlands eigene Erfahrung mit der Massenankunft auf der Balkanroute das Verständnis für die italienischen Sorgen vertieft habe. Italiens Grenze ist die Außengrenze des Schengen-Raums - also kein nationales, sondern ein europäisches Problem.

Obwohl die Relokation beschlossene Sache ist, leidet die Umsetzung bislang am Widerstand und am Desinteresse in manchen Ländern. Die Staaten der Visegrád-Gruppe (Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn) lehnen die Aufnahme ihrer Kontingente ab. Die slowakische EU-Ratspräsidentschaft wünscht eine "flexible Relokation", die nächste Woche in Brüssel verhandelt wird. In Rom stößt das nicht auf Gegenliebe. Erst 7000 Personen wurden bis Mitte November innerhalb Europas umverteilt. Deutschland hat knapp 250 Flüchtlinge aus Italien übernommen, bei einer Zielgröße von mehr als 27.000 bis zum nächsten Jahr. Für die Umverteilung kommen nur Flüchtlinge aus solchen Ländern in Betracht, deren Anerkennungsquoten bei mehr als 75 Prozent liegen: dereit vor allem Syrer und Eritreer.

Im Camp Mineo leben die Betroffenen dieser zögerlichen Politik. Die EU strebt an, die Umverteilung eines Flüchtlings binnen von zwei Monaten über die Bühne zu bringen. Direktor Maccarone nennt ein halbes Jahr als durchschnittliche Verweildauer eines Flüchtlings in seinem Camp. So richten sich die Menschen ein. Zu ihrer Unterstützung gibt es einen Medpunkt des Roten Kreuzes, einen Müttertreff und Freizeitangebote. "Wir halten soziale und psychologische Dienste vor", berichtet Denise Zaksongo, eine der vier Vizedirektoren Maccarones, die aus Burkina Faso stammt. Frau Zaksongo ist Juristin. Vor fünf Jahren kam sie selbst mit einem regulären Visum nach Italien. "Ich verstehe nicht, warum sich andere Länder nicht mehr einsetzen", sagt sie vor dem Container, in dem zwei Lerngruppen gerade Italienisch-Unterricht erhalten. "Wer von Haus aus französisch spricht, der könnte doch nach Frankreich gehen!"

Angelo Indelicato arbeitet seit fünf Jahren im Camp Mineo. Er ist einer von zwölf Psychologen. "Seit ich angefangen habe, waren 26.000 Menschen hier", antwortet er auf die Frage, wie viel Zeit ihm denn bliebe, auf den Einzelnen einzugehen. Fast allen Ankömmlingen in Mineo mangelt es an Selbstvertrauen. Nach der Flucht durch die Wüste, verstörenden Erlebnissen mit Kriminellen und Gewalttätern, traumatischen Begebenheiten auf dem Meer zwischen Libyen und Italien fällt es den allermeisten schwer, eine helfende Hand zu ergreifen. Traumata, Depressionen, Stress: "Wir versuchen uns einzufühlen und zu helfen, so gut wir eben können", sagt der Psychologe. Einer der Wege im Camp, die Menschen zu aktivieren, ist die Wahl von Sprechern, die für ihre ethnische Gruppe stehen. Allein in Eritrea, das knapp sechs Millionen Einwohner hat, gibt es ein Dutzend Ethnien. Um sich aufzumuntern, pflegen manche in Mineo ihre nationalen Feiertage, erzählt Lucia Mirabella, eine der kulturellen Mediatorinnen im Camp.

Es ist jetzt dunkel auf Sizilien. Die Autos auf der Straße nach Catania ziehen an Zitronenhainen und Artischockenfeldern vorbei. Sie lassen Mineo schnell hinter sich. Normalerweise bedeckt hier der Ätna, der riesige Vulkan am Meer, den Horizont. Jetzt hüllt er sich in Wolken. Nichts ist zu sehen. Und trotzdem spürt man, dass er da ist.

Die Recherche in Sizilien und Rom wurde von der Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland unterstützt.

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1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 0
    1
    aussaugerges
    15.12.2016

    Die EU ist Zuflucht aus der ganzen Welt, und bezahlt und bezahlt,
    und die USA und Rußland und viele andere machen gemeinsame Sache.

    Russische Flugzeuge sind so gut das die sie da unten alle haben wollen.



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