Liberal oder konservativ? Kanada-Wahl könnte knapp ausgehen

Es war ein hitziger Wahlkampf, in dem Premier Trudeau sich immer wieder entschuldigte und sein Herausforderer ihn als «Betrüger» beschimpfte. Nun wird es wohl knapp in Kanada - und die kleinen Parteien könnten über die künftige Regierung entscheiden.

Ottawa (dpa) - Bei der Parlamentswahl in Kanada zeichnet sich ein knappes Rennen zwischen den Liberalen von Ministerpräsident Justin Trudeau und dessen konservativem Herausforderer Andrew Scheer ab. Rund 27 Millionen Bürger waren in dem G7-Land dazu aufgerufen, neue Abgeordnete zu wählen.

Wer den flächenmäßig zweitgrößten Staat der Erde künftig regieren wird, blieb zunächst offen: Umfragen sahen Liberale und Konservative bis zuletzt mit jeweils 30 bis 34 Prozent in etwa gleichauf.

Für eine absolute Mehrheit von 170 Sitzen im Parlament in der Hauptstadt Ottawa würde es damit eher nicht reichen. Die Abgeordneten werden per Direktwahl nach dem Mehrheitsprinzip gewählt. Besonders wichtig sind traditionell die dicht besiedelten Gebiete um die Großstadt Toronto, in denen sich die Abstimmung mit entscheidet. Mit ersten Wahlergebnissen wird am Dienstagmorgen deutscher Zeit gerechnet. Die letzten Wahllokale sollten gegen 04.00 Uhr MESZ an der Westküste Kanadas schließen.

Falls eine Minderheitsregierung nötig würde, wären Trudeau oder Scheer auf die Duldung durch kleinere Parteien angewiesen. Unter ihnen waren die Sozialdemokraten von Jagmeet Singh zuletzt im Aufwind. Sie stehen - wie die Grünen - den Liberalen politisch näher. Auch die erstarkte Regionalpartei Bloc Québécois könnte am Ende ausschlaggebend sein.

Trudeau führt die Regierung des nordamerikanischen Landes mit 37 Millionen Einwohnern seit 2015 mit einer absoluten Mehrheit. Seine Bilanz nach vier Jahren ist durchwachsen. Zwar hat er wie versprochen Marihuana legalisiert und mehr als 25.000 syrische Flüchtlinge aufgenommen. Einige seiner Wahlversprechen wie eine Wahlrechtsreform oder einen ausgeglichenen Haushalt bis 2019 konnte er aber nicht halten.

In den vergangenen Monaten hatte Trudeau zudem mit Skandalen für Aufsehen gesorgt. Zunächst wurde bekannt, dass er Ermittlungen gegen das kanadische Unternehmen SNC-Lavalin wegen Bestechung in Libyen unterdrücken wollte - eine Ethik-Kommission bescheinigte ihm falsches Verhalten. Im September dann tauchte ein 20 Jahre altes Bild auf, das Trudeau mit dunkel geschminktem Gesicht - verkleidet als Aladdin - auf einer Party zeigte. Der Ministerpräsident entschuldigte sich für sein «rassistisches» Verhalten.

Er habe trotzdem wieder für Trudeau gestimmt, sagte ein Taxifahrer in Montréal am Montag der Deutschen Presse-Agentur. «Alles in allem war er ein guter Premierminister in den vergangenen vier Jahren und ich bin und bleibe einfach ein Liberaler.»

Die Konservativen führten einen Anti-Trudeau-Wahlkampf. Scheer beschimpfte den Premier unter anderem als «Betrüger», der das kanadische Volk hinters Licht führe. Inhaltlich versprach er angesichts der Sorge um steigende Preise den Bürgern «mehr Geld in den Taschen». Die Wählerbasis der Konservativen sitzt traditionell eher im ländlichen Raum, vor allem in den zentralen Provinzen Alberta und Saskatchewan.

Auch der Klimawandel spielte im Wahlkampf eine große Rolle: Während die Konservativen die von den Liberalen eingeführte CO2-Steuer zurückdrehen wollen, geht die Politik der Trudeau-Regierung vielen anderen nicht weit genug. Kanada schickt sich an, seine eigenen Klimaziele deutlich zu verfehlen. Zudem nehmen viele Kanadier dem einst als «Sonnyboy» gefeierten Trudeau übel, dass er, obwohl er sich stets als Umweltschützer und Kämpfer gegen den Klimawandel präsentiert, eine neue Öl-Pipeline quer durch das Land genehmigte. «Er ist scheinheilig», sagte die Studentin Ève Gaboury der «New York Times».

Das sähen viele Kanadier so, sagte Jean-Marc Léger, Chef eines kanadischen Umfrageinstitutes, der Zeitung. «Die Kanadier haben Mr. Trudeau nicht verziehen. Aber viele sehen den Premierminister als die am wenigsten schlechte Option.»

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