Russland und China kritisieren Marschflugkörper-Test der USA

Das Ende des INF-Abrüstungsvertrags hat weltweit Sorgen vor einem neuen Wettrüsten geschürt. Nun testen die USA einen neuen Marschflugkörper, der bis vor kurzem verboten gewesen wäre.

Moskau/Washington (dpa) - Russland und China haben scharfe Kritik am Test eines US-Marschflugkörpers geübt. Der Erprobungsflug sei ein Beleg dafür, dass die USA den Ausstieg aus dem INF-Abrüstungsvertrag von langer Hand geplant hätten, erklärte Kremlsprecher Peskow der Agentur Interfax zufolge.

Außenminister Sergej Lawrow warf den USA vor, mindestens seit Oktober vergangenen Jahres Tests neuer Waffen vorbereitet zu haben.

In China wurde vor allem vor sicherheitspolitischen Konsequenzen des Tests gewarnt. «Dieser Schritt der USA wird ein neues Wettrüsten auslösen, das zu einer Eskalation der militärischen Konfrontation führen und die internationale und regionale Sicherheitslage ernsthaft beeinträchtigen wird», erklärte Geng Shuang, Sprecher des Außenministeriums. Man rate den USA, «ihre Mentalität des Kalten Krieges aufzugeben» und die Rüstungsentwicklung zurückzuhalten.

Das US-Verteidigungsministerium hatte am Montag mitgeteilt, dass erstmals nach dem Ende des INF-Abrüstungsvertrags wieder ein konventioneller landgestützten Marschflugkörper getestet worden sei. Er sei am Sonntag von der Insel San Nicolas in Kalifornien abgefeuert worden und habe sein Ziel nach mehr als 500 Kilometern Flug präzise erreicht.

Die gewonnenen Daten und Erkenntnisse würden nun in die Entwicklung zukünftiger Mittelstreckenkapazitäten fließen, hieß es aus dem Pentagon. Der Sender ABC News berichtete unter Berufung auf Kreise, bei dem Marschflugkörper habe es sich um eine Tomahawk-Variante gehandelt.

Die USA hatten den INF-Vertrag Anfang Februar mit Rückendeckung der Nato-Partner zum 2. August gekündigt, weil sie davon ausgehen, dass Russland ihn seit Jahren mit einem Mittelstreckensystem namens SSC-8 (Russisch: 9M729) verletzt. Dieses soll in der Lage sein, Marschflugkörper abzufeuern, die sich mit Atomsprengköpfen bestücken lassen und mehr als 2000 Kilometer weit fliegen können. Moskau weist dies zurück, beide Seiten geben sich gegenseitig die Schuld für die Eskalation.

Der INF-Vertrag untersagte beiden Seiten Produktion, Tests und Besitz von bodengestützten ballistischen Raketen und Marschflugkörpern mit Reichweiten zwischen 500 und 5500 Kilometern. Hoffnungen auf neue wirksame Absprachen zur Rüstungskontrolle gibt es derzeit kaum. Als Grund für die Kündigung des Vertrages durch die USA gilt nämlich auch die Tatsache, dass der INF-Vertrag nur Amerikaner und Russen bindet, nicht aber aufstrebende Militärmächte wie China.

China soll mittlerweile über knapp 2000 ballistische Raketen und Marschflugkörper verfügen, die unter das Abkommen fallen würden.

Die Nato bekräftigte unterdessen am Dienstag, dass aus ihrer Sicht allein die Regierung in Moskau Schuld an der aktuellen Entwicklung ist. «Die Alliierten sind sich einig, dass Russland die alleinige Verantwortung für das Vertragsende trägt», sagte ein Sprecher. Im Gegensatz zu Russland habe die Nato keine neuen atomwaffenfähigen Mittelstreckenwaffen in Europa stationiert und sie habe auch nicht die Absicht, dies zu tun.

Das Pentagon hatte den nun erfolgten Marschflugkörper-Test bereits im März angekündigt, sollte Russland nicht zur Vertragstreue zurückkehren. Die «Washington Post» schrieb zu dieser Zeit, für November sei zudem der Test einer Mittelstreckenrakete mit einer Reichweite von etwa 1800 bis 2500 Meilen (rund 2900 bis 4000 Kilometer) geplant.

Das US-Verteidigungsministerium erklärte, dass die USA nun mit der Entwicklung eines Mittelstreckenraketensystems voranschreiten würden. Das Pentagon hatte bereits 2017 die Grundlage dafür gelegt.

Das System soll nach derzeitiger Planung ausschließlich mit konventionellen - das heißt nicht-atomaren - Sprengköpfen eingesetzt werden. Ob es dabei bleibt, ist allerdings unklar. Militärexperten weisen darauf hin, dass sich solche Planungen schnell ändern ließen.

Wie China warf am Dienstag auch Russland den USA vor, mit dem Waffentest einen neuen Rüstungswettlauf anzuheizen. «Egal, wo diese Systeme in Zukunft stationiert werden - in Asien oder Europa -, sie werden unser Land erreichen können», sagte der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im russischen Oberhaus, Konstantin Kossatschow. «Sie stellen daher eine direkte militärische Bedrohung für unser Land dar.» Das habe nicht nur Konsequenzen für die USA, sondern auch für die Länder, die das System künftig bei sich stationierten.

Russland hat bereits angekündigt, mit dem Start von Arbeiten an neuen landgestützten Hyperschall-Mittelstreckenraketen auf das Aus für den INF-Vertrag zu reagieren.

Die Umweltorganisation Greenpeace erklärte, mit dem US-Test sei das atomare Wettrüsten nun in vollem Gange. «Europa muss jetzt zusammen stehen und unmissverständlich klar machen, dass keine Atomwaffen hier stationiert werden dürfen», sagte Sprecher Christoph von Lieven.

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11Kommentare
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  • 0
    1
    Freigeist14
    21.08.2019

    Der Außenminister-Darsteller hat sich geäußert in Moskau . Und nimmt kein Wort davon zurück,das Zitat: "laut INF-Vertrag "Forschung und Entwicklung " erlaubt seien aber keine Flugtests (...) so haben sich die USA regelkonform und bei allen Vorwürfen transparent verhalten ." Seufz .Dieter Dehm muss auch kein Wort zurück nehmen .

  • 3
    2
    kartracer
    21.08.2019

    @Deluxe, das würde ich mir auch sehnlichst wünschen, die Russen in unserer Nähe würde mehr Sicherheit bieten, als die Amis in größtmöglicher Entfernung!
    Atomkraftwerke sind Knallerbsen, gegen Atommacht in Händen von durchgeknallten Chaoten, aber die Amis sind so bescheuert, und gönnen Trump eine zweite Amtsperiode, wetten!?
    Was in Deutschland so Alles von den Amis lagert, möchte ich nicht wissen, und unsere Politgarde will es nicht!
    Keine Bevölkerung der Welt baut für Milliarden von Dollars private Atombunker, NUR die Amis, und der Markt boomt, wie dämlich muß man da nur sein.

  • 5
    1
    Lesemuffel
    21.08.2019

    Hinterfragt, da können Sie lange warten. Diese Beiden warten nur auf eine Gelegenheit um gegen Russland vom Leder ziehen zu können, um die dummen Sanktionen zu verlängern.

  • 6
    1
    Hinterfragt
    20.08.2019

    Ich vermisse noch immer eine Stellungnahme von Merkel und Maas.

  • 2
    0
    Nixnuzz
    20.08.2019

    "..Der Sender ABC News berichtete unter Berufung auf Kreise, bei dem Marschflugkörper habe es sich um eine Tomahawk-Variante gehandelt..." Ein System, dessen Start bereits um 1970 kam und immer weiter entwickelt wurde. Was lag bis dato in den Lagern für die vorhandenen verschiedenen Varianten "auf Abruf"? Was konnte wirklich "über Nacht" integriert und Abschuss-reif installiert werden? Wenns um Geld geht..

  • 2
    0
    Deluxe
    20.08.2019

    Es wird dringend Zeit, daß wir Europäer uns nach neuen Bündnissen umsehen. Ich möchte mich wieder sicher fühlen. Und dafür ist die NATO unter US-Führung kein Garant mehr, sondern zunehmend ein Risiko.

    Das Kapital wird zunehmend dreister. Und auch hinter diesem Marschflugkörper steckt letztlich das Kapital, die Rüstungsindustrie.

    Ich plädiere für einen Warschauer Vertrag 2.0 oder etwas ähnliches, das uns militärisch, aber dann bitte auch durch weitere Verträge wirtschaftlich, eng an Rußland bindet, das ein starker Partner ist und dem US-Größenwahn Paroli bieten kann.
    Freihandelszone von Lissabon bis Wladiwostok, Prrspektivverhandlungen über eine Wirtschaftsunion Austritt sämtlicher Länder Europas aus der NATO, Neugründung eines eurasischen Verteidigungsbündnisses, das China beratend integriert.
    Man wird ja wohl noch träumen dürfen...

    Es rächt sich jetzt bitter, daß nach 1989 nur ein Militärblock aufgelöst wurde statt beide. Es braucht leider ein neues Gleichgewicht des Schreckens, um Schlimmeres zu verhindern. Traurig, daß es so ist. Aber die historische Erfahrung des Kapitalismus lehrt genau das. Leider.

    Aber ich lebe dann doch lieber im Schutze des russischen Bären statt im Rudel amerikanischer Wölfe...

  • 7
    0
    Hinterfragt
    20.08.2019

    @Hirtensang; ich präzisiere mal:
    innerhalb weniger Tage ...
    (am 2.8. war das Aus des Vertrages)

  • 7
    1
    Freigeist14
    20.08.2019

    Da hat es wohl den Außenminister die Sprache verschlagen. Oder hat er sich schon geäußert ?

  • 6
    2
    Hirtensang
    20.08.2019

    Satire: Nur technisch hoch entwickelten Staaten wie den USA, ist es möglich innerhalb von wenigen Monaten Raketen zu entwickeln und zur Testreife zu bringen.

  • 11
    1
    Lesemuffel
    20.08.2019

    Die "atlantischen Freunde" haben diese Waffe bereits entwickelt, als der Rüstungsbegrenzungsvertrag noch gültig war. Eindeutiger Vertragsbruch! Aufschrei aus Berlin? Fehlanzeige. Dort sind grundsätzlich die US-Amerikaner die Guten und die Russen die Bösen. Werden die Falschen sanktioniert?

  • 11
    0
    Hinterfragt
    20.08.2019

    Nun, wenn man ihn jetzt "schon" testet, dann gab es ihn schon, bzw. war ziemlich weit in der Entwicklung vor dem Ausstieg aus dem Vertrag.
    Also haben die USA den Vertrag gebrochen!



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