Nawalny-Team: Wasserflasche mit Gift im Hotelzimmer

Wo wurde der Kremlkritiker Nawalny vergiftet? In Russland - oder doch erst in Deutschland, wie kremlnahe Stimmen in Moskau behaupten. Das Team des Regierungskritikers legt nun mutmaßliche Beweise vor.

Berlin/Moskau (dpa) - Der Kremlkritiker Alexej Nawalny ist nach Darstellung seines Teams nachweislich schon in Russland vergiftet worden - und zwar in einem Hotel in der sibirischen Stadt Tomsk.

Das Gift soll ihm demnach in einer Flasche mit Mineralwasser in seinem Zimmer verabreicht worden sein. Nawalnys Team zeigte ein Video von den Flaschen der Marke «Swjatoj Istotschnik» («Heilige Quelle»). Unterdessen forderte das Europaparlament, den Fall sofort international untersuchen zu lassen.

Daran solle auch die EU beteiligt sein, hieß es in einer am Donnerstag verabschiedeten Resolution der Parlamentarier. Darin verurteilten sie den Mordversuch gegen Nawalny scharf. Außerdem sei der wiederholte Einsatz chemischer Waffen gegen russische Bürger ein Grund für Besorgnis. Die russische Staatsführung hatte wiederholt eine Verwicklung in dem Fall und in andere Fälle zurückgewiesen.

Die Abgeordneten in Brüssel forderten Moskau auf, Einschüchterung, Gewalt, Belästigung und Unterdrückung von Oppositionellen ein Ende zu setzen. Zudem rief das Parlament die EU dazu auf, die Beziehungen zu Russland zu überdenken. Moskau müsse bei internationalen Foren weiterhin isoliert werden. Zudem müsse dem EU-Sanktionsregime für Menschenrechtsverletzungen zügig zugestimmt werden, hieß es.

Die Bundesregierung sieht es nach Untersuchungen in einem Spezial-Labor als zweifelsfrei erwiesen an, dass der 44-Jährige mit dem Kampfstoff Nowitschok vergiftet wurde. Moskau bestreitet, etwas mit dem Fall zu tun zu haben. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte Anfang September gesagt, dass nur die russische Regierung jetzt sehr schwerwiegende Fragen beantworten könne und müsse.

Moskau hatte zuletzt angesichts der Vorwürfe aus Deutschland behauptet, Nawalny sei womöglich erst nach seiner Abreise vergiftet worden. Die Staatsmedien in Moskau verbreiten die Version eines Komplotts des Westens gegen Russland, um das Land erneut mit Sanktionen zu belegen. Der Kreml betonte mehrfach, dass russische Ärzte keine Vergiftungssymptome bei Nawalny hätten feststellen können. Sie hatten von einer Stoffwechselstörung gesprochen.

Indes hat die Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) biomedizinische Proben Nawalnys untersuchen lassen. Die deutschen Behörden werden über die Ergebnisse unterrichtet, wie die in Den Haag ansässige Organisation mitteilte. Für die Untersuchungen hätten die OPCW-Experten unabhängig Proben Nawalnys gesammelt.

Nawalnys Team erklärte, ein deutsches Labor habe die Nowitschok-Spuren an der Wasserflasche nachgewiesen. Es zeigte auf dem Video, wie Nawalnys Mitarbeiter trotz Warnungen einer Hotelangestellten in dem Zimmer sämtliche möglichen Beweismittel mit Handschuhen aufgriffen und in Plastiktüten verstauten.

Sie hätten sich zu dem Schritt entschieden - unmittelbar, nachdem sie Nachricht über den Gesundheitszustand Nawalnys erhalten hatten, hieß es. Einige Mitarbeiter hatten sich demnach noch in Tomsk aufgehalten, um die Produktion eines Videos zu beenden. Sie seien zusammen mit einem Anwalt in das Hotelzimmer gegangen, hieß es.

Der russische EU-Botschafter Wladimir Tschischow sieht für sich viele Ungereimtheiten. Die Flasche sei «auf irgendeinem unbekannten Weg» in Berlin aufgetaucht und habe dabei «offensichtlich alle Flughafenprozeduren» umgangen, sagte er im russischen Staatsfernsehene. «Wer hat sie aus dem Hotelzimmer mitgenommen?»

Dazu sagte der Filmproduzent Jaka Bizilj, der Nawalnys Rettungsflug nach Berlin organisiert hatte: «Die Wasserflaschen, um die es jetzt geht, wurden im deutschen Rettungsflieger transportiert.» Nawalnys Stabschef habe ihn darum gebeten, sagte er der «Bild»-Zeitung.

Nawalny war am 20. August von einem Flug von Tomsk nach Moskau zusammengebrochen. Die Maschine landete deswegen in Omsk zwischen. Der Oppositionelle wurde dort im Krankenhaus in ein künstliches Koma versetzt und beatmet. Am 22. August wurde er nach Deutschland ausgeflogen, wo er an der Charité in Berlin behandelt wird.

Er ist mittlerweile wieder bei Bewusstsein, atmet selbst und hat bei Instagram mit einem Foto ein Lebenszeichen gegeben. Zuvor war auch darüber spekuliert worden, dass der Tee, den der Kremlkritiker am Flughafen getrunken hatte, vergiftet gewesen sein könnte.

«Wir hatten keine besondere Hoffnung, etwas Derartiges zu finden», hieß es in der Mitteilung von Nawalnys Team. Aber weil klar gewesen sei, dass Nawalny nicht einfach nur leicht erkrankt sei, hätten sie alles eingesammelt, um es später auch an die Ärzte in Deutschland zu übergeben. «Es war auch offensichtlich, dass der Fall in Russland nicht ermittelt werden würde.»

Die russischen Behörden wollen erst dann ermitteln, wenn sie Beweise für eine Vergiftung selbst vorliegen haben. Der Kreml rief deshalb Berlin zu einer direkten Zusammenarbeit auf. Der Fall belastet die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland erheblich.

66 Kommentare
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  • 2
    0
    klapa
    18.09.2020

    Was hat der Fall Nawalny mit Nordstream 2 zu tun.

    Das eine ist ein legitimes internationales Handelsgeschäft.

    Das andere ein kriminelles Delikt in der Kompetenz des jeweiligen Landes.

    Wer beides miteinander verknüpfen will, hat die Absicht, Schaden anzurichten.

  • 0
    1
    Hankman
    18.09.2020

    @censor: Eine Möglichkeit wäre allenfalls, dass das Gift nicht an, sondern in der Flasche war. Aber das heißt, es muss entweder im Wasser gewesen sein oder als Gas darüber. Angeblich sind die Gifte der Nowitschok-Gruppe schlecht wasserlöslich. Aber gut, es soll viele Varianten geben. Wenn der russische Geheimdienst Nawalny tatsächlich lückenlos überwacht hat, müsste sich auch herausfinden lassen, woher die Wasserflasche kam.

    Aber es gibt so viele offene Fragen ... Ein wenig erinnert mich das Procedere an den Fall Skripal. Dass dort die Verwicklung des russischen Militärgeheimdienstes GRU plausibel erscheint - diese Erkenntnis verdanken wir nicht Verlautbarungen von Behörden, sondern vor allem der Arbeit des Rechercheportals The Bellingcat und anderen Journalisten. Das fand ich seltsam. Die westlichen Regierungen, die sehr früh mit Sanktionen gegen Russland reagierten, dürften - geht man nach den von ihnen verbreiteten Informationen - zu diesem Zeitpunkt allenfalls vage Vermutungen gehabt haben. Man überließ es schließlich Journalisten, wichtige Details zum Tathergang publik zu machen. Die Hintergründe dieses Vorgehens durchschaue ich bis heute nicht. Und auch in diesem Fall gibt es noch viele offene Fragen.

  • 8
    1
    censor
    18.09.2020

    Wenn die Wasserflasche mit Nowitschok kontaminiert war, dann mussten alle, welche mit der Flasche in Berührung kommen, sich vergiften. Das sagt kein geringerer als Leonid Rink, der Mitentwickler des Gifts in der UdSSR.

    Als von Natur aus skeptisch denkender Mensch sind mir solche Aussagen plausibler als ominöse Meldungen, die hauptsächlich aus Behauptungen bestehen.

    Wenn Deutschland jetzt auf Grund dieser Affäre sich von Russland und Nordstream II distanzieren sollte, dann haben auch die Russen keine Veranlassungen mehr, uns diplomatische Sonderkonditionen zu gewähren.

    Dann hätte Frau Merkel geschafft, was 2 Generationen von CDU-Politikern peinlich vermieden haben: Es richtig tiefgreifend mit den Russen zu verderben.

    Wie immer am Schluss die Frage: Cui bono?

  • 6
    1
    Lesemuffel
    18.09.2020

    Da hat sich der Westen ja auf ein seltsames Team eingelassen. So ähnlich handeln normalerweise nur Kriminelle. Wenn man bedenkt, dass dafür unsere stabile Erdgasversorgung geopfert werden sollte, muss man sich sehr über unsere Spitzenpolitiker und Leitmedien wundern.

  • 8
    1
    Lesemuffel
    18.09.2020

    Mal sehen, was noch alles "ermittelt" werden wird. Mit Tee, mit Wasser, im Flugzeug, im Warteraum, in Tomsk, in Omsk. Sehr abwechslungsreich. Ob Hr. Röttgen nicht Genaues weiß? Er war ja nicht dabei, verbreitete aber schon an Tag des Geschehens seine Wahrheit und Forderungen an Moskau.

  • 10
    2
    Hankman
    18.09.2020

    Ich bin froh, dass es Nawalny wieder besser geht. Aber der Fall wird für mich immer verworrener. Wenn das Gift an oder in der Wasserflasche war und diese schon mit dem Rettungsflieger außer Landes gebracht wurde: Wieso wird erst jetzt bekannt gegeben, dass das Gift an/in der Flasche nachgewiesen worden sei, und warum erfahren wir das nicht von deutschen Behörden? Denn mutmaßlich war wieder das OPCW-zertifizierte Bundeswehr-Labor involviert - eine andere Stelle ist dafür in Deutschland nicht qualifiziert. Warum überlässt man die Verkündung dieses Ergebnisses dem Nawalny-Team?

    Und dann ist natürlich auch die Beweiskette problematisch. Nawalnys Mitstreiter haben also die Sachen im Hotelzimmer eingesammelt und eingetütet. Aber durch wie viele Hände sind sie danach gegangen? Ich behaupte nicht, dass die Beweise manipuliert wurden, aber natürlich ist so ein Vorgehen nicht rechtssicher. Vielleicht halten sich die deutschen Behörden deshalb heraus. Und falls die russischen Behörden ordentlich ermitteln wollten - okay, Zweifel daran sind angebracht -, hätten sie nun keinen Zugriff mehr auf entscheidende Beweismittel.

    Wenn das Gift in der Wasserflasche war: Wieso dauerte es so lange, bis die Wirkung eintrat? Nawalny soll von dem Wasser getrunken haben und danach zum Flughafen von Tomsk gefahren sein. Da ging es ihm noch gut. Auf dem Flughafen trank er noch einen Tee. Erst als die Maschine dann gestartet war, verschlechterte sich sein Zustand und er wurde bewusstlos. Wurde eine abgeschwächte Variante des Kampfstoffs eingesetzt? Oder war das Gift vielleicht überlagert und in seiner Wirkung reduziert? In den bisher bekannten Fällen wurde das Gift von den Tätern auf Oberflächen aufgebracht und von den Opfern über die Haut aufgenommen. Hat Nawalny überlebt, weil das Gift in Flüssigkeiten nicht richtig funktioniert? Nur, das hätten professionelle Täter ja wissen müssen ... Jedenfalls: Ich habe Fragen. Die bisherigen Antworten waren mir einfach zu dürftig.