Putin trifft Merkel: Auf ein Wort

Der russische Präsident trifft am Samstag die Kanzlerin auf Schloss Meseberg. Russlandkenner Cornelius Weiss hofft auf eine Annäherung. Doch die Lage in der Welt macht es kompliziert.

Berlin.

Das Verhältnis zwischen Russland und Deutschland ist angespannt wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Der Russland-Kenner und sächsische SPD-Politiker Cornelius Weiss sieht die Ursachen dafür vor allem im überheblichen Verhalten des Westens gegenüber Moskau. Alessandro Peduto hat darüber mit dem Sozialdemokraten gesprochen.

Freie Presse: Die deutsch-russischen Beziehungen befinden sich aktuell an einem Tiefpunkt. Was muss geschehen, damit sich das Verhältnis wieder zu einer Partnerschaft entwickelt?

Cornelius Weiss: Das heutige Treffen zwischen Merkel und Putin ist jedenfalls ein geeigneter Schritt auf diesem Weg. Miteinander zu reden ist allemal besser als übereinander zu schimpfen oder mit Waffen zu drohen. Gespräche sind das Rezept, um wieder zu einem normalen Verhältnis zu kommen. Das haben in der Vergangenheit Bundeskanzler Willy Brandt und auch Egon Bahr vorgemacht. Dieses Erbe wird heute leider in ihrer und meiner Partei, der SPD, vernachlässigt.

War es ein Irrtum des Westens zu glauben, Russland könne und müsse sich in kurzer Zeit zu einer westlichen Demokratie verwandeln?

Russland war historisch, kulturell und auch in wesentlichen Teilen geografisch immer ein Teil Europas. Russland will auch dazugehören. Allerdings fing der Westen irgendwann an, sich als Sieger der Geschichte aufzuspielen und sich herablassend und belehrend gegenüber Russland zu verhalten. Alles sollte dort so sein wie in Westeuropa, am besten noch wie in Deutschland. Das konnte nicht gut gehen, schon gar nicht mit Deutschlands kriegerischer Vergangenheit.

Welche Rolle spielt diese Vergangenheit heute?

Der Krieg ist tief im kollektiven Gedächtnis Russlands verankert. Es gibt kaum eine Familie, die damals keine Angehörigen verlor. Dennoch waren die Russen bereit zu verzeihen. Viele blicken sogar mit Respekt und Bewunderung auf Deutschland. Sie hofften lange, dass wir ihnen die Tür zur Gemeinschaft der Europäer öffnen. Hingegen hat Russland nicht erwartet, dass Deutschland wieder oberlehrerhaft auftritt. Das hat dazu geführt, dass Russland sich vom Westen zurückzieht, sich auf sich selbst besinnt und sich nach neuen Verbündeten umschaut. Russland will respektiert werden, nicht gegängelt.

Ist vor allem der Westen am aktuellen Zerwürfnis mit Russland schuld?

An jedem Streit sind immer mindestens zwei Parteien beteiligt. Aber der Westen hat mit seiner Ignoranz und seiner Geschichtsvergessenheit ganz erheblich dazu beigetragen.

Müssen wir uns damit abfinden, dass Russland kein demokratischer Staat sein wird?

Die Geschichte der russischen Demokratie ist sehr kurz. Man könnte sagen, das Mittelalter währte dort bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Erst da wurde in Russland die Leibeigenschaft formell abgeschafft. Es folgten Bürgerkrieg und Revolution, später Stalinismus und Totalitarismus. Zugleich ist Russland ein Riesenreich mit großen regionalen, kulturellen und ethnischen Unterschieden. Das macht einen Systemwechsel schwer, zumal nach unseren Maßstäben. Hauruckartige Versuche gab es auf Druck des Westens. Aber sie sind dem russischen Staat, der Wirtschaft und letztlich den Menschen nicht bekommen. Sie verarmten und bekamen somit nur die dunklen Seiten des westlichen Modells mit. Kein Wunder, dass sie skeptisch sind.

Fühlen sich Russen in der Autokratie wohler?

Ich denke nicht. Ich will auch nicht ausschließen, dass Putin als historisches Ziel die Demokratie für richtig hält. Eine Modernisierung des Landes wird nur funktionieren, wenn auch die Bürger garantierte Freiheiten erhalten. Da wird Russland nicht darum herumkommen, und ich denke, das weiß auch die Regierung. Dennoch scheint im Moment das Bedürfnis vieler Russen nach einer starken Zentralregierung zu überwiegen. Wir sollen Russland mehr Zeit geben, um seinen Weg selber zu finden, und nicht mit Zuckerbrot und Peitsche eine schnelle Entwicklung forcieren, die bei uns Jahrhunderte gedauert hat.

Können sich die deutsch-russischen Beziehungen verbessern, solange es den Ukraine-Konflikt gibt?

Ich hoffe darauf. Eine Lösung wäre, den Konflikt einzufrieren, bis Russland und die Ukraine zu einer Einigung finden und wieder Frieden herrscht. Die beiden Länder und Völker sind ja in vielfacher Weise eng miteinander verbunden.

Welche Verantwortung hat Russland am schlechten Verhältnis zum Westen?

Die Situation ist sehr kompliziert. Der scharfe russische Ton im internationalen Auftreten ist nicht hilfreich. Zudem gibt es im Land Spannungen. Russland ist wirtschaftlich, kulturell, geistig und moralisch rückständig. Homophobie, Fremdenfeindlichkeit und aus meiner Sicht durchaus berechtigte Einkreisungsängste sind verbreitet. Es bräuchte ein ruhiges Miteinander, damit Vertrauen und eine gute Nachbarschaft wachsen können. Das gibt es derzeit aber leider nicht. Dabei sind wir bei der Lösung der globalen Probleme und Konflikte sehr auf Russland angewiesen. Ohne Russland geht es nicht.

Cornelius Weiss

Der 85-jährige gebürtige Berliner saß von 1999 bis 2009 als Abgeordneter der SPD im Sächsischen Landtag. Von 2004 bis 2007 war Weiss SPD-Fraktionchef, zuletzt Alterspräsident. Vor seinem Wechsel in die Politik war der Chemieprofessor von 1991 bis 1997 Rektor der Universität Leipzig.

Weiss verbrachte seine Jugend in der Sowjetunion unter Lagerbedingungen. Dorthin war sein Vater, der Astrophysiker Carl Friedrich Weiss, und die Familie im Jahr 1945 von den Sowjets gebracht worden. Weiss' Vater sollte am Aufbau sowjetischer Atomkraftwerke mitarbeiten. Cornelius Weiss kehrte später in die DDR zurück und schloss 1960 in Leipzig sein Studium ab. Im Herbst 2016 gründete Weiss die Bürgerinitiative "Gute Nachbarschaft mit Russland". Sie zählt rund 200 Unterstützer. (ape)

Verrückte Teeparty für Merkel und Putin?

Wie wirkt sich die neue weltpolitische Unordnung auf das deutsch-russische Verhältnis aus - Eine Analyse von Stephan Scholl

Vor dem Gipfel herrscht auch in Moskau eine gewisse Nervosität. Vergangenes Wochenende attackierte Verteidigungsminister Sergei Schoigu seine deutsche Amtskollegin Ursula von der Leyen, die im Juli eine "Position der Stärke" gegenüber Russland gefordert hatte. Sie solle sich bei ihren Großvätern erinnern, wohin Gespräche mit Russland aus der Position der Stärke führen würden. "Nach all dem, was Deutschland in unserem Land angerichtet hat, darf man dort solche Reden noch 200 Jahre lang nicht schwingen." Wenige Tage später beschwerte sich auch die Zeitung "Nesawissimaja Gaseta" über von der Leyen. Diesmal, weil der "Berliner Express" Sätze der Ministerin veröffentlicht hatte, in denen sie sich ausdrücklich für einen atomaren Erstschlag gegen Russland aussprach. "Die Gegner einer Annäherung zwischen Russland und Deutschland versuchen, das Treffen zwischen Putin und Merkel zu torpedieren", klagte das Moskauer Blatt. Dass der "Berliner Express" ein Satire-Portal ist und die Quelle des Interviews selbst als "Fake News Agency" bezeichnet, übersah man.

Am Samstag empfängt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im brandenburgischen Meseberg Wladimir Putin- der zweite deutsch-russische Gipfel in vier Monaten. In Moskau wird gerätselt, wie sich die neue weltpolitische Unordnung auf das deutsch-russische Verhältnis auswirken wird. "Putin und Merkel - eine neue Liebesgeschichte?", hofft das Blatt "Argumenty Nedeli".

Früher beklagten sich Moskaus Politiker, Deutschland und die EU seien nur eine gehorsame Filiale des antirussischen Amerikas. Aber dann begann US-Präsident Donald Trump seinen Handelskrieg gegen den Rest der Welt und verspottete die Deutschen als "Gefangene Russlands", weil sie dort für Milliarden Euro Gas kauften. Seine Administration drohte auch bundesrepublikanischen Firmen mit Sanktionen gegen die Ostseepipeline "Nord Stream 2", die Deutsche und Russen gemeinsam bauen wollen. Das unfreundliche aber stabile Ost-West-Gegenüber hat sich plötzlich in ein unstetes Dreiecksverhältnis zwischen Europa, Russland und den USA verwandelt.

Einerseits gilt Merkel in Moskau seit Jahren als hartnäckige Gegnerin. "Sie verhindert gegen den Willen der deutschen Gesellschaft eine Wiederannäherung an Russland", sagt der kremlnahe Politologe Sergei Markow. Andererseits gebe es immer mehr Projekte, die Deutschland und Russland gemeinsam gegen die USA verteidigen müssten, von Nord Stream 2 bis zum Atomvertrag mit dem Iran, den Trump gekündigt hat.

Tatsächlich müssen sich Merkel und Putin jetzt in einem Chaos aus US-Strafzöllen, Ukraine-Sanktionen, ideologischen Widersprüchen und neuen Gemeininteressen zurechtfinden. "Das wird eine verrückte Teeparty", sagt Markow,, "wie bei Alice im Wunderland." Laut Markow decken sich die Interessen inzwischen auch in Syrien: "Je mehr Deutschland unseren Verbündeten Assad unterstützt, umso weniger Probleme hat es mit syrischen Flüchtlingen." Am 7. September ist in Istanbul ein Gipfel Merkels mit den Präsidenten Frankreichs, Russlands und der Türkei zu Syrien geplant, aber auch dort könnte über mehr gesprochen werden. Schon verweist der russische "Kommersant" auf eine künftige Achse Moskau-Ankara-Berlin, zusammengeschweißt von Trumps Strafpolitik.

Aber keineswegs alle Moskauer Experten glauben an neue Allianzen. "Deutschland bleibt ein Hauptverbündeter der USA", sagt der Politologe Alexei Muchin. Allerdings litten beide Länder unter Trumps Wirtschaftskrieg, Putin und Merkel müssten jetzt in vielen Punkten versuchen, ihre Politik zu koordinieren mit eigener Dialektik: "Politisch sind wir Gegner, wirtschaftlich aber natürliche Verbündete."

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1Kommentare
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  • 3
    2
    Freigeist14
    18.08.2018

    So überzeugend und sachlich Herr Cornelius das deutsch-russische Verhältnis analysiert umso mehr ist man enttäuscht vom konfrontativen Kurs der aktuellen SPD-Führung . Warum werden Stimmen mit Geschichtserfahrung und Besonnenheit nicht mehr gehört ? Er bleibt auch höflich,wenn übermotivierte Journalisten die arrogante und oberlehrerhafte Frage stellen,ob die Russen die Autokratie besonders mögen.



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