"Russland ist anders, aber wir gehören zusammen"

SPD-Politiker Matthias Platzeck fordert einen Neustart auf Augenhöhe in den Beziehungen zu Moskau

Berlin.

Seit Beginn der Ukraine-Krise im Jahr 2014 klafft ein tiefer Graben zwischen Russland und dem Westen. Aus Partnern wurden erstmals seit dem Ende des Kalten Krieges wieder Gegner. Der Vorsitzende des Deutsch-Russischen Forums, der ehemalige SPD-Vorsitzende und Ministerpräsident von Brandenburg, Matthias Platzeck, fordert eine Umkehr und mahnt den Westen zu einem respektvollen Dialog mit Russland. Alessandro Peduto hat mit dem ostdeutschen SPD-Politiker gesprochen.

Freie Presse: Vor 25 Jahren zerfiel die Sowjetunion. Hierzulande hofften damals viele darauf, dass sich Russland und die anderen Teilrepubliken zu Demokratien nach westlichem Vorbild entwickeln würden. War das aus heutiger Sicht naiv?

Matthias Platzeck: Wir hatten ein Bild vor Augen, das wenig mit der Realität zu tun hatte. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier hat erst kürzlich in seiner Rede in Jekaterinburg die Frage gestellt, ob Russland und der Westen sich gegenseitig lesen können, also ob wir Signale der anderen Seite verstehen und die richtigen Schlussfolgerungen daraus ziehen. Und wir müssen feststellen: Dem ist oft nicht so.

Wo gibt es Missverständnisse?

In unserer westlichen Wahrnehmung waren beispielsweise die 1990er eine Zeit, in der die feindselige Großmacht Sowjetunion verschwand und es Hoffnung auf eine friedliche Neuordnung gab. Wir meinten, dass in Russland und den anderen GUS-Staaten jetzt alle glücklich zu sein hätten. Das kam so nicht und die Perspektive vieler Russen ist eine ganz andere. Für sie waren es wirtschaftlich schreckliche Jahre, die sie niemals wieder haben wollen und die bis heute Traumata hinterlassen haben. Wenn wir im Westen heute den Russen sagen, sie hätten damals eine große Chance verspielt, schauen sie einen mit großen Augen an und fragen, ob man ernsthaft die grausamen 90er-Jahre meint. So unterschiedlich kann die Perspektive sein.

Hat der Westen die Stimmung in Russland falsch eingeschätzt?

Ja. Das hängt damit zusammen, dass wir im Westen in der festen Überzeugung leben, dass wir im Besitz der besten Werte und der besten Gesellschaftsordnung sind. Daher nehmen wir an, dass sich alle anderen uns zum Vorbild nehmen und uns nacheifern wollen. Doch jetzt erkennen wir, dass dies so einfach nicht funktioniert. Wir haben nicht hinreichend berücksichtigt, dass es zu Russland erhebliche Unterschiede in Geschichte, Tradition, Kultur und Mentalität gibt. Hinzu kommt die schiere Größe des Landes. Es dauert mehr als zehn Stunden, um es von West nach Ost zu überfliegen. Wir müssen begreifen, dass all dies aus russischer Perspektive durchaus zu anderen Schlussfolgerungen und Lösungen führen kann. Unsere bisherige Erwartung nach dem Motto "Ihr müsst so werden wie wir" hat sich zumindest nicht erfüllt.

Was müssten wir an der westlichen Haltung ändern?

Wir müssen uns der Mühe unterziehen, mit Respekt anzusehen, warum in Russland bestimmte Dinge anders sind, und uns fragen, wie wir trotzdem einen gemeinsamen Weg finden können. Das haben wir in der Vergangenheit kaum gemacht. Wer es dennoch versucht, wird in der deutschen Öffentlichkeit gerne als "Russlandversteher" eingeordnet, und das ist dann wahrlich nicht nett gemeint. Dabei hat das gegenseitige Verstehenwollen doch noch gar nichts damit zu tun, ob man etwas gut findet oder nicht.

Ist ein zentraler Unterschied auch, dass die Menschen in Russland Demokratie zunächst als gnadenlosen Kapitalismus kennengelernt haben und daher Vorbehalte gegenüber dem westlichen System haben?

Ja, denn es war damals ein entfesselter Raubtierkapitalismus ohne Regeln. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite geht es um Mentalität, Tradition und religiöse Identität des Landes. Beides greift Präsident Wladimir Putin mit seiner Politik gezielt auf. Er setzt auf die Säulen Sicherheit, Stärke und kulturelles Selbstverständnis. Letzteres wurde über Jahrhunderte durch die konservativen Werte der orthodoxen Kirche mitgeprägt. Sie wirkt für Russland wie eine identitätsstiftende Klammer.

Welche Facetten der russischen Mentalität hat der Westen unterschätzt?

Russland will in der Welt wieder etwas zu sagen haben. Das Bewusstsein von Stärke gehört zur Identität Russlands. Das illustrieren vielleicht auch die für uns archaisch anmutenden Fotos von Putin, die ihn bei seinen Sommerreisen mit nacktem Oberkörper bei der Jagd zeigen. In Russlands Öffentlichkeit kommen diese Bilder sehr gut an. Bei uns wäre ein solches Gebaren eines Spitzenpolitikers dagegen befremdlich. Aber wir haben das nicht zu bewerten. Wir müssen einfach anerkennen, dass es diese Unterschiede gibt. Das heißt ja nicht, dass wir bei der Achtung der Menschenrechte in Russland Abstriche akzeptieren müssten. Die Maßstäbe sollten aber die gleichen sein.

Wie meinen Sie das?

Wir im Westen sind in unserer Bewertung nicht konsequent. Arabische Ölscheichs, mit denen wir enge wirtschaftliche Beziehungen unterhalten, werden als Freunde begrüßt, obwohl in ihren Ländern Menschen gesteinigt, gefoltert und hingerichtet werden. Da sagen wir: Das ist bei denen eben so. Bei Russland legen wir dagegen andere, strengere Maßstäbe an. Das ist schon eigentümlich.

Hat der Westen erst jetzt begriffen, dass Russland nicht so sein will wie wir und mit sich selbst eigentlich ganz zufrieden ist?

Wir sind enttäuscht und sauer darüber, dass Russland nicht unseren Hoffnungen und Wünschen entspricht. Wenn wir überlegen, wann uns Russland am sympathischsten war, dann war es wohl die Ära Gorbatschow/Jelzin, als das Land schwach, destabilisiert und orientierungslos war und kaum eigene Interessen formulieren konnte. Das hat sich geändert. Jetzt sagt Russland wieder, was es will. Das sehen wir auch im Ukraine-Konflikt und in Syrien. Für uns bedeutet diese neue Haltung eine Umgewöhnung, denn wir hatten die Russen in der Weltpolitik ad acta gelegt. Wir müssen erst wieder lernen, damit umzugehen. In der Öffentlichkeit kippt es hingegen öfter in eine gefährliche Polarisierung, ähnlich wie im Kalten Krieg: Wir sehen uns als die Guten und die Russen als die Bösen.

Was wäre der richtige Ansatz?

Dass wir nicht vergessen: Russland ist im Kern ein europäisch geprägtes Land, auch in den geografisch asiatischen Gebieten. Die Russen sind zu Recht stolz darauf, dass sie die kulturelle Identität Europas mitgeprägt haben. Hier gibt es viele Anknüpfungspunkte. Das sollten wir für eine gemeinsame gedeihliche Zukunft immer wieder und trotz aller Probleme nutzen. Russland ist anders, aber wir gehören zusammen.

War die Sanktionspolitik gegen Russland ein Fehler, und unter welchen Voraussetzungen kann sie beendet werden?

Auf jeden Fall hat sie nicht die erwünschten Wirkungen gehabt, und ich bin froh, dass Außenminister Steinmeier die Strategie eines intelligenten Ausstiegs angeregt hat, gekoppelt an Fortschritte im Minsk-Prozess. Keine der derzeitigen Herausforderungen, vor denen wir stehen, ob Terrorismus oder Flüchtlingsbewegungen, ob Irak, Syrien, Libyen oder Afghanistan, ob Klimaschutz oder die Schaffung tragfähiger Sicherheitsarchitekturen, keine werden wir ohne oder gegen die Russen meistern können. Das sollten wir nicht vergessen.

Matthias Platzeck

Der 62-jährige gebürtige Potsdamer ist seit 2014 Vorsitzender des Deutsch-Russischen Forums, das sich für den politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Dialog zwischen beiden Ländern einsetzt. Der SPD-Politiker war von 2002 bis 2013 Ministerpräsident von Brandenburg. Zwischen November 2005 und April 2006 war Platzeck zudem SPD-Bundesvorsitzender. Beide Ämter legte der Protestant und studierte Ingenieur aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig nieder. (ape)

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13Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

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    ernstel1973
    14.09.2016

    Es ist erfrischend in diesen Tagen noch einen Politiker zu erleben, der noch in der Lage ist alle Ecken der Welt ohne eine Schwarzweiß-Scheuklappe zu durchleuchten.

    Egal auf welcher Seite die Herzen schlagen - wir alle sind den Spielchen eitler Kerle im Weltsandkasten ausgeliefert, ob wir uns popularisieren, lieben oder hassen lassen - eine Gemeinsamkeit gibt es für uns alle (ja auch die Russen und die Amis), nämlich die politische Sicherstellung der grundlegendsten Bedürfnisse: Frieden, frische Luft, funktionierende Infrastruktur, ein einheitliches Bildungssystem, gesunde Nahrung, Kleidung, Wohnraum und die Organisation sinnvoller Arbeit.

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    fp2012
    31.08.2016

    @DerWundePunkt:
    Wir sollten also auch fremde Ländereien annektieren? An was hätten Sie gedacht?

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    DerWundePunkt
    28.08.2016

    @fp2012 Er macht aber eine bessere Figur als manche(r) deutsche Politiker(in) im (Hosen)-Anzug.

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    fp2012
    28.08.2016

    Der Knüller ist ja folgende Aussage:
    "Das illustrieren vielleicht auch die für uns archaisch anmutenden Fotos von Putin, die ihn bei seinen Sommerreisen mit nacktem Oberkörper bei der Jagd zeigen. In Russlands Öffentlichkeit kommen diese Bilder sehr gut an."
    Das sagt viel über das "Selbstbewusstsein" des russischen Volkes aus.

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    aussaugerges
    27.08.2016

    Ob das in Zeitung "DieWelt" steht.

    Russische Amphibien Flugzeuge und B2OO Löschflugzeuge verhindern weitere Brände in Portugal.

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    aussaugerges
    27.08.2016

    Die Russen hätten in Liebyen den Amis Kontra geben sollen.
    Aber nur was in Schutt und Asche liegt kann man ausweiden.
    2 Billionen haben sie , geraubt.

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    fp2012
    26.08.2016

    @aussaugerges:
    Natürlich bin ich das. Die Saudis sind keinen Deut besser als die Russen in Syrien.

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    aussaugerges
    26.08.2016

    Heute MdR Info: gegen 4 Uhr.
    UNO ist entsetzt,fp 2012 bestimmt auch.
    Im Jemen werden gezielt Schulen Märkte und Krankenhäuser von den Saudis bombardiert.

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    1
    saxon1965
    24.08.2016

    Danke Herr Platzeck!
    Ein Realpolitiker ohne die amerikahörige Arroganz, die leider nur all zu viele unserer Regierungspolitiker an den Tag legen. Wir müssen uns fragen, wer Europa und Deutschland mehr nutzen kann, die USA oder Russland?
    Was die Krim betrifft ... was ist denn mit Afghanistan, Irak, Syrien, Vietnam ect. Wer immer noch glaubt, dass die USA westliche Werte und die s. g. Demokratie verteidigen bzw. exportieren wollte, der glaubt auch an den Weihnachtsmann und Osterhase!

  • 1
    16
    fp2012
    24.08.2016

    Oh je, ist das peinlich, wie der Platzeck dem Putin am Barte krault. Naja, er wird es ihm schon danken.

  • 12
    4
    berndischulzi
    24.08.2016

    Einer der wenigen Realisten. Geht ja, wenn man nicht absolut amerikahörig ist.

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    3
    Freigeist14
    24.08.2016

    Matthias Platzecks rationale Sicht auf den Umgang und Einschätzung Russlands ist im politischen Berlin nicht mehrheitsfähig.Vielleicht horten die Deutschen nun gehorsam Obst und Gemüse,was der Iwan den Landwirten nicht mehr abnimmt.

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    7
    aussaugerges
    24.08.2016

    In Russland ist schon eine Mobielmachung.
    Die USA will russische Flugzeuge abschießen.



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