Schüler auf der Barrikade

Chilenische Jugendliche kämpfen seit zehn Jahren für ein besseres Bildungssystem. Sie haben soziale Bewegungen in aller Welt inspiriert. Jetzt hat die Regierung erste Reformen auf den Weg gebracht. Der ersehnte große Wurf?

Santiago de Chile. Noch kurz vor der Räumung beharrt Felipe darauf, dass es richtig sei, die Schule zu besetzen. Doch die Zuversicht hat er verloren. Felipe - Bart, Rucksack - ist Ingenieursstudent, das Instituto Nacional seine ehemalige Schule. Am vorletzten Ferientag berät er mit anderen am Schultor, neben der Lautsprecherbox, aus der Musik von Pink Floyd über die Straße schallt.

Seit fast zwei Monaten halten Schüler den vorderen Teil des Instituts, wo die Klassenräume liegen, in Besitz. Den Lehrern bleiben die Verwaltungsräume im hinteren Sektor. Es ist Ende Juli, Winterferien auf der Südhalbkugel, und doch sind immer zwanzig Schüler da, auch zur Schlafenszeit. Es gibt zwei Listenbücher, erklärt Felipe, eins für die Schüler, eins für Besucher. Jeden Tag müssen 200 der 4000 Schüler des Instituts erscheinen, um die Besetzung aufrechtzuerhalten. Zur Motivation gibt es Diskussionen, Schachwettbewerbe, Filmnachmittage und "Tocatas", Konzerte von Rap-Musikern und Cumbiabands im Schulhaus.

Bisher fünf polizeiliche Räumungen blieben ohne Erfolg. Jedes Mal kehrten die Schüler ins Gebäude zurück. Kommt Polizei, fliehen manche Besetzer durch eine Lücke im Zaun in die benachbarte Universität, wo die Ordnungsmacht ihrer kaum habhaft wird. Die Carabineros stehen um die Ecke auf Posten.

"Das chilenische Bildungssystem ist unsozial und ungerecht", sagt Felipe. "Die Elite schickt ihre Kinder auf Privatschulen, die staatlichen sind von schlechter Qualität und unterfinanziert. Was wir brauchen, ist ein Systemwechsel, doch die Unterstützung der Gesellschaft fehlt." Die chilenische Öffentlichkeit sei nach der Diktatur entpolitisiert worden. "Reservierte Leute, konsumorientiert, ohne Interesse, manche sogar feindselig gegen uns. Sie werfen uns vor, wir würden Schulen und Universitäten besetzen, nur weil wir nicht lernen wollten."
Das Instituto Nacional ist ein Lyzeum, ein Gymnasium nur für Jungen, und die prominenteste Schule des Landes. "Das Glanzlicht der Nation", wie eine Zeile seiner Hymne heißt. Der Gebäudetrakt liegt hinter der Universidad de Chile in Sichtweite der Hauptstraße Santiagos, der Alameda. Nur ein paar Hundert Meter sind es von hier bis zum Palast La Moneda, in dem Michelle Bachelet in ihrer zweiten Amtszeit als Präsidentin residiert. Die Regierung wird von der Mitte-Links-Koalition Nueva Mayoria (Neue Mehrheit) gestellt, die unter wachsendem Reformdruck steht und von Korruptionsaffären erschüttert wird.

Chile gilt als stabile und wirtschaftlich robuste Demokratie. Sie zieht Migranten aus Haiti, Kolumbien und Peru, zunehmend auch aus Europa, vor allem aus Spanien an. Die Vergangenheit wirft Schatten über das Land. An eine Wand an der Alameda hat ein Kritiker gesprüht: "Das ist keine Regierung, das sind nur die Gesetze Pinochets!"

La Moneda war am 11. September 1973 von putschenden Militärs mit Kampfflugzeugen angegriffen worden. Der frei gewählte, sozialistisch gesinnte Staatschef Salvador Allende erschoss sich im Laufe dieses Überfalls. Allendes Denkmal auf dem Platz der Verfassung wird heute mehr fotografiert und häufiger mit Blumen geschmückt als alle anderen. Aber auch die Militärjunta unter General Augusto Pinochet hat noch Freunde und Bewunderer. Pinochets Herrschaft, die erst 1990 endete, hinterließ ein sozial gespaltenes, den Wirtschaftsinteressen einseitig ausgeliefertes Staatswesen. Während die Elite wie Gott in Frankreich residiert, kriecht Kälte in die Häuser der Armen.

Auch das Bildungssystem ist ein Erbe der Pinochet-Diktatur. Es wird vom Geld regiert. Die Vorauswahl für den sozialen Aufstieg beginnt im Kindergarten und setzt sich in den Schulen fort. Viele Eltern nehmen Schulden auf, um ihre Kinder auf private oder teilprivate Institute zu schicken. Staatliche Schulen haben einen schlechten Ruf. Ihre Absolventen schneiden bei den Prüfungen zur Universitätszulassung (PSU) unterdurchschnittlich ab.

Der erste Schüleraufstand gegen diese Verhältnisse begann vor zehn Jahren: die Revolution der Pinguine. Damals setzten sich die Schüler, "Pinguine" wegen ihrer Schuluniformen genannt, gegen höhere Gebühren für die PSU und höhere Fahrtkosten in Santiago zur Wehr. Ein landesweiter Streik legte 250 Bildungseinrichtungen lahm. Bis zu eine Million Demonstranten gingen auf die Straße. Die Autoritäten reagierten mit Härte. Hunderte Schüler wurden landesweit verhaftet.

Nach Zusagen der Regierung verlor die Bewegung an Schwung, aber nur, um fünf Jahre später wiederaufzuleben. Im Sommer 2011 wurden 17 Universitäten besetzt, Hunderttausende demonstrierten wochenlang. Camila Vallejo und Giorgio Jackson, die studentischen Anführer, wurden weltbekannt. Vallejo tourte 2012 durch Deutschland, trat bei einer Konferenz in Dresden auf. Ihr Gesicht war das Titelbild der "Zeit", und "Spiegel Online" flehte: "Lehr uns revoltieren, Comandante Camila!" Heute sitzen beide im Parlament - Vallejo für die Kommunisten, Jackson für die Revolución Democratica, eine Parteigründung der Studentenbewegung.

Auch Felipe demonstrierte schon 2011. Einmal kam er in Haft und verbrachte neun Stunden in Polizeigewahrsam. Das chilenische Bildungssystem, es überstand die Protestwelle so gut wie unverändert.

In Bachelets zweiter Amtszeit endlich nahm sich die Regierung der Schulmisere an. Im Januar 2015 passierte ein Gesetz den Kongress, das die teilprivaten Schulen abschafft. Es nimmt die Schulen aus der Obhut der Kommunen, um sie zentral nach landesweiten Standards zu führen. Qualitätsschulen in den Reichenvierteln, beinahe Klippschulen in den ärmsten - auch das war eine Hinterlassenschaft Pinochets. Seit März 2016 gibt es ein kostenfreies Hochschulstudium für Arme.

Schritte in die richtige Richtung? Felipe denkt, dass man der jetzigen Regierung nicht alles anlasten dürfe, was schiefgelaufen sei, das habe tiefere Wurzeln. Es gibt Hardliner, denen Reformen nicht genügen. Revolution und Umsturz aber, fühlt Felipe, seien nicht drin - nicht jetzt.
Der nächste Morgen, am letzten Ferientag in Chile, gibt ihm recht. Die Polizei räumt das Instituto Nacional zum sechsten Mal. Im internen Votum stimmen 62 Prozent der Schüler für die Wiederaufnahme des Unterrichts. Auch an zehn Universitäten beginnt wieder der Lehrbetrieb. Nur in einigen Küstenstädten - Viña del Mar, Valparaíso, Concepción - dauern die Proteste an.

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