Syrien droht letzte und blutigste Schlacht

Das Assad-Regime, Russland und Teheran wollen auf die letzte verbliebene Islamisten- und Rebellen-Hochburg eine Großoffensive starten

Russische Kampfflugzeuge sollen die von den Rebellen, Islamisten und Dschihadisten kontrollierte Provinz Idlib am Dienstag zum ersten Mal seit Wochen wieder angegriffen haben.
Russische Kampfflugzeuge sollen die von den Rebellen, Islamisten und Dschihadisten kontrollierte Provinz Idlib am Dienstag zum ersten Mal seit Wochen wieder angegriffen haben.

Eine Offensive der syrischen Armee auf Idlib scheint unausweichlich. Rund drei Millionen Zivilisten sitzen dann zwischen Regimetruppen und Aufständischen in der Falle. Morgen soll über ihr Schicksal entschieden werden. "Freie Presse"-Redakteur Jürgen Becker beantwortet die wichtigsten Fragen.

Wie ist die Lage in Idlib?

In dieser Provinz, die etwa dreimal so klein ist wie Sachsen, leben rund drei Millionen Menschen. Die Hälfte davon ist aus anderen Landesteilen vor dem Regime des syrischen Präsidenten geflohen und zum Großteil in erbärmlichen Lagern untergebracht. Über die Grenze zur Türkei flüchten können all diese Zivilisten bei einer Großoffensive der syrischen Armee nicht. Der Nachbar im Norden, der bereits 3,5 Millionen syrische Flüchtlinge beherbergt, hat sie dicht gemacht. Medienberichten zufolge hat Ankara diese Woche sogar noch zusätzliche Panzer geschickt, um eine mögliche Massenflucht ins eigene Land aufzuhalten.

Wer kontrolliert die Provinz?

Unterschiedlichen Angaben zufolge sind bis zu 70.000 bewaffnete Rebellen, Islamisten und Dschihadisten mit ihren Familien aus anderen Deeskalationszonen in Syrien, für die Russland und der Iran verantwortlich waren, nach Idlib geflohen, vertrieben oder transferiert worden. Knapp die Hälfte der Kämpfer gehört zum Al-Kaida-Ableger Hajat Tahrir al-Scham (HTS), der früheren Al-Nusra-Front. Diese Extremisten kontrollieren rund 60 Prozent der Provinz und lehnen jegliche Verhandlungen ab. Alle anderen Kämpfer - darunter auch zwei andere Al-Kaida-Ableger - haben sich unterdessen zur Nationalen Befreiungsfront (NLF) zusammengeschlossen, die von der Türkei unterstützt wird. Das Spektrum dieses Verbandes reicht dabei von der moderaten Freien Syrischen Armee über Muslimbrüderbrigaden bis hin zu nationalistischen Salafisten. Für all diese Rebellen, Islamisten und Dschihadisten ist Idlib der letzte Rückzugsraum in Syrien.

Wie verhält sich die Türkei?

Eigentlich ist die Provinz Idlib eine Deeskalationszone, in der nicht gekämpft werden darf. Die Türkei trägt dort die Verantwortung. Angesichts der geplanten Großoffensive hat sie ihre dortigen Beobachtungsposten massiv mit Luftabwehrsystemen bestückt. Zudem sind in der Provinz 1300 türkische Soldaten stationiert. Militärisch wird die Türkei gegen eine Offensive aber wenig ausrichten können. Ankara fürchtet daher ein "Massaker" und eine Massenflucht. Deshalb will es Russland abringen, die Kämpfe auf Gebiete einiger Extremistengruppen zu begrenzen. Der türkische Außenminister sagte kürzlich: "Die Kämpfer müssen von den Zivilisten getrennt und die Terroristen unschädlich gemacht werden." Wie das geschehen soll und wie die Türkei mit Extremisten verfahren will, die sie bislang unterstützt hat, ist offen.

Ab wann ist mit einer Offensive zu rechnen?

Russische Kriegsflugzeuge haben diese Woche bereites Dutzende Luftangriffe in Idlib geflogen. Moskau bestätigte das gestern. Die geplante Offensive begründen Damaskus, Russland und Teheran ebenfalls mit dem Hinweis auf "Terroristen", die nicht geschont werden dürften. Ein Datum für die Offensive nannte ein Kremlsprecher nicht. Russland hat aber bereits zehn Kriegsschiffe und zwei U-Boote ins östliche Mittelmeer verlegt, mit deren Raketen jeder Ort in der Provinz Idlib getroffen werden kann. Das Assad-Regime verlagert seit Wochen Panzer, Geschütze und Munition nach Norden und drängt auf den Beginn der Großoffensive.

Wie reagiert der Westen?

Der Westen ist aufgrund der früheren blutigen Offensiven der Assad-Truppen auf Rebellen- und Islamistengebiete in Aleppo oder Ost-Ghuta alarmiert. US-Präsident Donald Trump warnte Russland und den Iran, im Falle einer Schlacht in die Kämpfe einzugreifen. Die Vereinten Nationen sprechen von der "größten humanitären Katastrophe im 21. Jahrhundert", die in Idlib drohe. Der UN-Sicherheitsrat soll sich morgen mit der Lage befassen. Vorab haben die USA aber schon dem Assad-Regime mit einer "angemessenen" Reaktion gedroht, sollte es erneut Chemiewaffen einsetzen.

Ist eine Katastrophe noch zu verhindern?

Nach Angaben Moskaus wird sich das Schicksal Idlibs morgen nach einem Treffen der Präsidenten Russlands, des Irans und der Türkei entscheiden. Wahrscheinlich ist, dass abgesteckt wird, in welchen Etappen und in welchen Zeiträumen dieses letzte Gefecht des Syrienkrieges ablaufen wird. Eine Karte kann die Türkei dabei ausspielen, um doch noch eigene Interessen durchzusetzen: Russlands Präsident braucht sie nämlich, um seine Pläne, den Krieg möglichst bald zu beenden, Assad im Amt zu halten und sich als Ordnungsmacht in Nahost zu etablieren. Denn sollte es zu einem Großangriff kommen, will sich Ankara aus den Verhandlungen über eine Nachkriegsordnung zwischen der syrischen Regierung und Oppositionsvertretern, über die die Türkei, Russland und der Iran gemeinsam wachen, zurückziehen. Ohne Ankara als Garantiemacht würden aber auch die meisten Oppositionellen die Verhandlungen abbrechen: Russlands Strategie für die Nachkriegszeit in Syrien wäre dann gescheitert. (mit dpa)

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