USA halten an Afghanistan-Abzug bis Ende August fest

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Tausende Afghanen wollen noch das Land verlassen. Doch die Zeit für militärisch gesicherte Evakuierungsflüge läuft ab. US-Präsident Biden sieht bei einem Verbleib der US-Truppen eine erhöhte Terrorgefahr.

Washington/Berlin/Kabul (dpa) - Das Zeitfenster für die vom Militär gesicherten Evakuierungen aus Afghanistan schließt sich schnell: Präsident Joe Biden will vorerst am Abzug der US-Truppen bis kommenden Dienstag festhalten, obwohl noch viele Tausend Afghanen auf eine Ausreise hoffen.

Auch Bitten europäischer Verbündeter, noch länger Evakuierungen am Flughafen Kabul zu ermöglichen, stimmten Biden nicht um. Nach einer Videoschalte der G7-Staats- und Regierungschefs erklärte Biden zumindest, er habe das Außen- und Verteidigungsministerium angewiesen, Alternativpläne zu erarbeiten, «um den Zeitplan anzupassen, falls das nötig sein sollte».

Bei der Evakuierungsmission am Flughafen der Hauptstadt Kabul haben die USA zuletzt innerhalb von 24 Stunden mehr als 11.000 Menschen außer Landes gebracht. Zwischen dem frühen Dienstagmorgen und dem frühen Mittwochmorgen hätten 42 Flugzeuge des US-Militärs rund 11.200 Menschen ausgeflogen, teilte das Weiße Haus am Mittwoch in Washington mit. Im gleichen Zeitraum hätten außerdem 48 Maschinen internationaler Partner rund 7800 Menschen evakuiert. Insgesamt waren es innerhalb der 24-Stunden-Spanne also etwa 19.000 Menschen.

Unter den bislang Evakuierten sind auch Dutzende Medienvertreter: Mexiko hat 124 Journalisten und örtliche Mitarbeiter internationaler Medien aus Afghanistan sowie deren Familien aufgenommen. «Alle Menschenleben sind wichtig, aber ich möchte heute betonen, dass diese Gruppe, die nach Mexiko gekommen ist, auch für die Pressefreiheit steht», sagte Außenminister Marcelo Ebrard nach der Ankunft der Gruppe am frühen Mittwochmorgen (Ortszeit) in Mexiko-Stadt.

Unter den Flüchtlingen waren unter anderem Ortskräfte der US-Zeitung «The New York Times». Die mexikanischen Behörden hätten wesentlich unbürokratischer als die US-Verwaltung gehandelt und die Aufnahme möglich gemacht, hieß es in einem Bericht der renommierten Zeitung.

Biden warnt vor Terrorgefahr

Der Militäreinsatz zur Evakuierung westlicher Staatsbürger, afghanischer Ortskräfte und anderer Schutzbedürftiger ist von der Präsenz der aktuell mehr als 5000 US-Truppen abhängig. Biden warnte jedoch vor einer wachsenden Terrorgefahr am Flughafen in Kabul. Jeder Tag, den man wegen der Evakuierungen länger vor Ort bleibe, sei ein weiterer Tag, an dem ein örtlicher Ableger der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) versuche, den Flughafen anzugreifen, sagte Biden. Es gebe die «akute und wachsende Gefahr eines Anschlags». Mit Blick auf die Evakuierungen sagte Biden: «Je früher wir es abschließen, desto besser.»

Der IS-Ableger sei ein erklärter Feind der Taliban, sagte Biden. Mit einem Anschlag auf den Flughafen könnten die Terroristen die Glaubwürdigkeit der Taliban als neue Machthaber erschüttern und auch ausländische Truppen treffen, die der Gruppe verhasst sind, so die Logik. Die Taliban kontrollieren das Gebiet rund um den Flughafen. Die Islamisten hatten Mitte August die Macht in Afghanistan an sich gerissen. Biden ordnete daher für die Evakuierungen eine zeitlich begrenzte Verstärkung der US-Truppen am Flughafen Kabul an.

Taliban pochen auf Abzug bis Ende August

Die Taliban, die fast alle Landesteile Afghanistans sowie die Hauptstadt Kabul - bis auf den Flughafen - kontrollieren, pochen darauf, dass die Amerikaner wie geplant abziehen. Am Dienstag sagte Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid: «Wir wollen, dass alle Ausländer bis zum 31. August evakuiert werden.» Er sprach sich zugleich dagegen aus, dass nun viele gebildete Afghanen das Land verließen. Man brauche diese, um Afghanistan wieder aufzubauen.

Das US-Militär hat seine Truppenpräsenz bereits um «mehrere Hundert» Soldatinnen und Soldaten reduziert, wie der Sprecher des Verteidigungsministeriums, John Kirby, erklärte. Es handle sich dabei aber nicht um einen Beginn des Abzugs, sondern um eine normale Fluktuation, da einige Kräfte, die zu anfangs gebraucht worden seien, ihren Einsatz am Flughafen bereits abgeschlossen hätten, sagte er.

Das Zeitfenster für die Evakuierungen dürfte sich allerdings noch weiter verkürzen, da die Amerikaner selbst noch ihre Soldaten und Ausrüstung außer Landes schaffen müssen. Kirby zufolge werde das «mindestens mehrere Tage» dauern. US-Medien berichteten, notfalls könne das Militär Teile seiner Ausrüstung auch beim Abschluss des Einsatzes sprengen, um den Taliban nichts zu hinterlassen.

Merkel hatte betont, dass man auch nach Ende des von den USA abgesicherten Militäreinsatzes versuchen wolle, Menschen aus Afghanistan auszufliegen. Deswegen gebe es jetzt «sehr intensive» Gespräche über den Weiterbetrieb des Flughafens. Außenminister Maas hatte gesagt, darüber werde auch mit den Taliban gesprochen. «Die Vorstellungen der Taliban spielen natürlich eine Rolle, weil sie Kabul kontrollieren», sagte Merkel.