Wenn die Straßenbahnfahrt nichts kostet

Die estnische Hauptstadt Tallinn gilt als europäischer Vorreiter beim kostenlosen Nahverkehr. Doch längst gibt es Nachahmer. Auch in Deutschland tut sich was.

Tallinn.

Besucher aus Deutschland hat Allan Alaküla schon oft empfangen. Er ist Chef des EU-Büros in Tallinn und Sprecher für den kostenlosen Nahverkehr in der estnischen Hauptstadt. Seit 2013 können die gut 450.000 Einwohner Tallinns die 500 Busse, Trolleybusse und Trams gratis nutzen. Zahlen müssen nur Auswärtige. Ein Projekt, das außerhalb des Landes mit Interesse verfolgt wird. Auch aus Leipzig, Dresden, Erfurt und Weimar seien schon Besucher da gewesen, sagt Alaküla. Die Debatte darüber, wie man den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) attraktiver machen kann, hat auch in Deutschland Fahrt aufgenommen. Denn Luftverschmutzung, verstopfte Straßen und Lärm sind in größeren Städten längst zu einem Problem geworden.

Die Stadt gilt als europäischer Vorreiter. Zwar gibt es in der EU eine Reihe von Kommunen mit Gratis-ÖPNV, doch Tallinn ist bislang die einzige Hauptstadt, die ein solches Modell eingeführt hat. 2012 konnten die Einwohner in einem Referendum darüber entscheiden. "Es war keine Überraschung, dass die Mehrheit dafür war", sagt Alaküla.

Im Zuge der Einführung wurden die Busspuren von 15 auf 23 Kilometer ausgedehnt. Um den Autoverkehr aus der City zu verdrängen, hob man die Parkgebühren an - von 2,50 Euro pro Stunde in der Altstadt auf sechs Euro. Und was hat das gebracht? Laut Alaküla sind die Fahrgastzahlen um zehn Prozent gestiegen, wobei Rentner ab 65 Jahren auch schon vorher umsonst fahren konnten. Der Autoverkehr ging um sechs Prozent zurück. Bei der Verteilung des Verkehrsaufkommens auf die Verkehrsmittel kommt der ÖPNV auf einen Anteil von 40 Prozent. "Nach westeuropäischen Maßstäben ist das ein ganz gutes Ergebnis", meint Alaküla. Für die Stadt standen ihm zufolge aber ohnehin soziale Überlegungen im Vordergrund. Man habe Mobilität für alle schaffen wollen. Dazu kommt: Auch vorher war der Nahverkehr schon zu über 70 Prozent bezuschusst. "Wir mussten etwas verändern, sonst wäre das eine Verschwendung öffentlicher Gelder."

Zwölf Millionen Euro musste die Stadt zusätzlich aus dem Haushalt zur Finanzierung aufbringen, weil die Ticketeinnahmen wegfielen. Für Tallinn stellte das aber kein Problem dar. Die Lücke wurde über Steuermehreinnahmen ausgeglichen. Tallinns Lösung: die Einkommenssteuer. Weil nur kostenlos fahren darf, wer hier seinen Wohnsitz hat, stieg auf einmal die Einwohnerzahl. Innerhalb von sechs Jahren wuchs Tallinn um rund 25.000 Einwohner - und bescherte der Hauptstadt so Mehreinnahmen von im Schnitt mehr als 20 Millionen Euro.

Inzwischen gibt es den Gratis-ÖPNV nicht mehr nur dort, sondern auch in anderen Teilen des Landes. Seit knapp einem Jahr ist in elf von 15 Landkreisen das Busfahren kostenlos. Für Alaküla ist es nur eine Frage der Zeit, bis ganz Estland gratis fährt. Taavi Aas, Tallinns früherer Bürgermeister, der für Einführung des Modells mitverantwortlich war, ist inzwischen Estlands neuer Minister für Verkehr. "Es ist davon auszugehen, dass der kostenlose ÖPNV ausgebaut wird", glaubt Alaküla.

Tallinn steht bei dem Thema aber längst nicht allein da: In Frankreich gibt es einige vornehmlich kleinere Städte wie Dünkirchen oder Aubagne, wo der ÖPNV gratis ist. In Polen hätten mehrere Kommunen das Konzept schon vor Tallinn umgesetzt, weiß Judith Dellheim, Referentin für solidarische Ökonomie bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung. "Aber weil die Projekte kleiner waren, interessierte sich die Welt nicht dafür. Erst Tallinn sorgte für öffentliches Interesse", fügt sie hinzu.

Laut Dellheim gibt es schon in fast 60 europäischen Kommunen Stadtverkehr zum Nulltarif. Tallinn wird nicht die einzige Hauptstadt bleiben. Luxemburg wird ab März 2020 noch einen Schritt weiter gehen: Das Land will als erstes der Welt den gesamten öffentlichen Nahverkehr kostenlos machen, also auch den per Eisenbahn. Kein Wunder: Luxemburg City hat eine der höchsten Verkehrsdichten der Welt.

"Es ist ja die kostengünstigere Variante, statt neue Straßen für einen zunehmenden Autoverkehr zu bauen", sagt Dellheim. Auch hierzulande tue sich etwas. Die bayerische Stadt Pfaffenhofen will - zunächst befristet - in sieben von acht Buslinien keine Tickets mehr verlangen. In Aschaffenburg können die Menschen zumindest an Samstagen kostenlos Bus und Bahn nutzen. Augsburg plant die Gratisnutzung in der Innenstadtzone. Andere Städte führten schrittweise Vergünstigungen ein, erklärt sie. In Dresden und Leipzig läuft gerade eine Debatte über die Einführung eines Jahrestickets für nur 365 Euro - das sogenannte Wiener Modell. Für Dellheim sind das alles Mosaiksteinchen, die letztlich in Richtung Nulltarif zielen.

Das Tallinner Konzept hält sie aber nicht für verallgemeinerbar. Denn hierzulande hätten Kommunen nicht das Recht, Abgaben für den kostenlosen Nahverkehr einzuführen. Daran sei auch das Modellprojekt in Templin (Brandenburg) gescheitert. Zwei Jahre lang bekam demnach die Stadt die Erlaubnis zum Test und auch eine Finanzierungsmöglichkeit gewährt. Als letztere wegfiel, war Schluss. Für Sachsens Verkehrsminister Martin Dulig (SPD), der sich kürzlich in Tallinn über das Modell informierte, ist die Kostenfreiheit jedoch "nicht der alleinige Ansatz". "Wenn der Nahverkehr von der Frequenz her zu unattraktiv ist und zu wenig Bahnen da sind, nützt ein kostenloses Angebot gar nichts", sagt er.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...