Wo die Gondeln Trauer tragen

Nur wenige Tage nach dem verheerenden Hochwasser scheint in Venedig die Welt wieder in Ordnung zu sein. Doch viele Venezianer sorgen sich - und das nicht nur um ihre nun fehlenden Kühlschränke.

Venedig.

Sauber aufgereiht lehnen die Regalbretter an der Hauswand - fast so, als gehörten sie zur Ware, die drinnen im Geschäft verkauft wird. Auch ein paar Schubladen stehen in Reih und Glied, daneben fein säuberlich der Putzeimer. "Wir haben einfach alles rausgestellt und hoffen auf ein bisschen Sonne", sagt Laura Memo und blinzelt in die Strahlen, die sich gerade tatsächlich ihren Weg durch die Wolken bahnen.

Zusammen mit ihren zwei Schwestern betreibt die 45-Jährige den kleinen Laden nur wenige Gehminuten entfernt vom berühmten Markusplatz in Venedig. Claudia Memo kniet derweil am Boden vor den Regalen und wischt ein Taschenmesser nach dem anderen mit einem Tuch ab. Ein beißender Geruch wabert um sie herum. "Essig, Spiritus - nur damit wird man das Salz wirklich los", erklärt Claudia.

In dem Souvenirgeschäft sind venezianische Masken neben Postkarten ausgestellt, Gummistiefel und T-Shirts mit Venedig-Schriftzug zu haben, genauso wie Taschenmesser und Schlüsselanhänger. Wie groß der Schaden ist, den die extremen Hochwasser der vergangenen Woche in ihrem Laden angerichtet haben, können die Schwestern nicht sagen. Eines wissen sie aber mit Sicherheit: Der Kühlschrank, der im Lager stand, ist hin.

Hochwasser, das immer wiederkehrende Acqua alta, sind die Venezianer gewohnt. Über eine App werden sie von der Stadt über die Pegelstände informiert - steigt das Wasser, räumen sie ihre Sachen vom Boden weg. Aber mit dem Acqua alta hatten die Fluten der vergangenen Woche nichts mehr zu tun.

Am 12. November wird der höchste Pegelstand seit 53 Jahren gemessen: 187 Zentimeter über dem normalen Meeresspiegel. In den Tagen darauf steigt das Wasser zwei weitere Male über 150 Zentimeter. Eine solche Häufung hat bislang keiner der heute noch rund 50.000 Einwohner der Lagunenstadt erlebt.

Wie es nun weitergeht, auch das wissen die Schwestern nicht. "Im Moment putzen wir einfach, was sollen wir sonst machen", sagt Claudia. Die Regierung in Rom hatte den Notstand für Venedig ausgerufen und Soforthilfen von 20.000 Euro für Geschäftsleute und 5000 Euro für Privatleute versprochen.

Geld, das die Memos dringend brauchen. "Gegen Hochwasser versichert einen hier niemand. Und wenn, dann ist es so teuer, dass es unmöglich ist, das zu bezahlen." Italiens Ministerpräsident Giuseppe Conte hatte versprochen, das Geld werde "subito" - also "sofort" bezahlt. "Ich glaube, es wird nie bei uns ankommen", sagt Claudia.

Steigt das Wasser über einen Pegel von 1,40 Metern, dringt es auch in die Bar von Lorenzo Zambon ein. Am Sonntag war dies zum dritten Mal innerhalb weniger Tage der Fall. Zwei Tage später steht Zambon hinter seiner Theke, als wäre nichts geschehen. "Man macht alles sauber - dann geht es einfach weiter", sagt der gebürtige Venezianer.

Das Café in der Strada Nova im Stadtteil Cannaregio wurde 1982 von seinem Vater eröffnet. Am Abend der ersten Flut hat er es noch geschafft, die Eismaschine hochzustellen. "Der Kühlschrank hat es aber nicht geschafft - der ist im Eimer", sagt der 47-Jährige. Eine Barriere vor seiner Tür, wie sie an vielen Häusern in Venedig vor den Eingängen bei Hochwasser angebracht werden, will sich Zambon nicht anschaffen. "Wenn man das Wasser draußen halten will, drängt es durch die Abflüsse rein - was alles nur noch schlimmer macht", sagt er.

An die Theorie von Bürgermeister Luigi Brugnaro, die Ereignisse der vergangenen Woche hingen mit dem Klimawandel zusammen, will Zambon nicht glauben. "So etwas passiert halt. Wie auch schon die Flut von 1966. Wenn der Mond und der Wind zusammenarbeiten, sieht es für uns schlecht aus."

Für ihn ist das Problem Venedigs eher ein anderes. Irgendwann, so ist Zambon überzeugt, werde hier leider alles in sich zusammenfallen. "Als Venedig entstand, haben sich die Menschen mit Holzbooten und Rudern fortbewegt. Heute blasen die ganzen Motorboote ihre Abgase in die Lagune - von den Tankern und den Kreuzfahrtschiffen ganz zu schweigen. Das nagt an unserem Fundament. Nicht bei Hochwasser, nein, wenn wir Niedrigwasser haben sieht man erst die wahren Schäden." Aber Zambon denkt lieber erst einmal kurzfristig. Eine neue Spülmaschine werde er wohl in den nächsten Tagen bekommen können, sagt er. "Auf den neuen Kühlschrank werde ich aber noch warten müssen." Die Geräte sind derzeit Mangelware in Venedig.

Piero Dri konnte seinen Kühlschrank retten. Nachdem der Handwerker in seiner Werkstatt alles, so gut es ging, in Sicherheit gebracht hatte, machte er sich sofort auf den Heimweg, um den Stecker zu ziehen und so das Gerät vor dem Kurzschluss zu bewahren. Dri ist ein Forcolaio - er stellt die Gabeln her, die als Halterung und Stabilisierung der Ruder der Gondoliere dienen. An dem Dienstagabend, an dem das Wasser später auf bis zu 1,87 Metern stieg, war er mit Freuden unterwegs - es war sein 36. Geburtstag. Als die Warnungen kamen, ist er sofort in seine Werkstatt gerannt. Doch am Ende konnte er nur abwarten.

Das Wasser stieg in den Räumen auf 40 Zentimeter. "Wären es nur zwei mehr gewesen, wären die Motoren meiner Maschinen kaputtgegangen - das wäre ein Desaster gewesen. Aber die Fräsen und Sägen sind so schwer, ich hätte sie in der Kürze der Zeit nicht retten können."

Seiner Kundschaft, den Gondolieri von Venedig, haben die Hochwasser schwerer zugesetzt. 80 der 433 Gondeln, die in der Lagune in Betrieb sind, wurden derart zerstört, dass sie nicht mehr fahrtüchtig sind, erzählt Andrea Balbi, der Präsident der Gondolieri, an der Anlegestelle am Markusplatz. "Dutzende andere haben leichtere Schäden", ergänzt er noch. "Wir sind aber noch dabei, alles zu protokollieren." Er geht von einem Schaden von mehreren hunderttausend Euro aus. Die Gondeln sind versichert. Doch das Problem ist ein anderes. "Es gibt in Venedig ohnehin nur vier Werkstätten, die Gondeln restaurieren und reparieren", so Balbi. "Aber die haben alle selbst Schäden zu beklagen, an ihren Geräten und in ihren Räumen."

Zehn Tage musste Piero Dri seine Werkstatt schließen. Jetzt ist er froh, dass er seine Arbeit wiederaufnehmen kann. Aber er habe Angst, sagt er. Angst davor, dass solche Ereignisse immer öfter passieren werden. Die Kanäle der Lagune waren einst nur 1,50 Meter tief. Nach Ausgrabungen für größere Schiffe beträgt die Tiefe mancherorts mehr als 50 Meter. Dri ist wütend. "Man kann nicht alles haben: das Geld der Kreuzfahrtschiffe und den Schutz der Lagune. Irgendwer muss einfach mal eine mutige Entscheidung treffen." Die Stadt sei krank und verheimliche es aus Gewinnsucht, schrieb schon der deutsche Schriftsteller Thomas Mann in seinem Roman "Tod in Venedig".

Klar, auf den ersten Blick sei die Stadt wieder sauber. "So sind die Venezianer", sagt Dri. "Sie halten zusammen, helfen sich gegenseitig und schaffen damit fast Unmögliches." Gegenüber seiner Werkstatt steht die Pforte zur Kirche Santa Sofia offen. Die Holzbänke, die normalerweise im Kirchenschiff für die Gläubigen bereitstehen, türmen sich vor dem Altar.

Die Kirche ist leer, nur eine Frau ist so eifrig am Putzen, dass sie die Rufe vom Eingang her kaum wahrnimmt. "Bitte, kommen Sie nicht herein", sagt sie freundlich, während sie zur Türe eilt. Sie könne nicht lange erzählen, es sei einfach noch so viel zu tun. Das Wasser stand auch hier etwa bis zum Knie. Das Salz müsse nun so schnell wie möglich vom Boden und den Säulen abgewaschen werden. Seit ein paar Stunden sei sie schon hier, andere hätten aber eine gute Vorarbeit geleistet. Nein, sie arbeite nicht in der Gemeinde. "Dies ist meine Kirche, ich komme immer hierher zum Beten. Ich bin aber einfach nur eine Frau aus der Nachbarschaft", sagt sie noch und macht sich wieder an die Arbeit.

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