Wo Europa spricht und schweigt

Wie kann ein Europa der zwei Dutzend politischen Kulturen mit einer Stimme sprechen? Im Parlament, das am 26. Mai gewählt wird, baut ein Heer von Übersetzern die Sprachbarrieren ab. Doch wie verständigen sich Europas Bürger miteinander?

Straßburg.

Yves Tychon nennt es seinen "Traumberuf": Dolmetscher beim Europäischen Parlament. Bei den großen Debatten ist sein Platz oberhalb der Arena, in einer der abgedunkelten Sprecherkabinen, die über dem Plenarsaal thronen wie die Kapitänsbrücke über dem Containerschiff. Der Wortwechsel der Abgeordneten wird simultan gedolmetscht. Bis zu drei Personen kann Tychon auf Reisen über die Schulter "beflüstern". Die Königsdisziplin und hohe Schule: zehn-, zwölfminütige Vorträge im Ganzen und auf das Wesentliche reduziert in der Zielsprache wiederzugeben. Das geht nur mit Hilfe von Notizen - und massiver Konzentration.

Sprachen sollen im EU-Europa bei aller kulturellen Vielfalt keine Barriere sein, getreu dem Wahlspruch: "In varietate concordia", in Vielfalt vereint. Als die Europäische Gemeinschaft aus der Taufe gehoben wurde, hatten ihre Gründer durchaus "Vereinigte Staaten von Europa" im Sinn. Der Nationalstaat, eine Erfindung der Neuzeit und nach dem Zweiten Weltkrieg in Trümmern liegend, hatte sich selbst verdächtig gemacht, einem dauerhaften Frieden auf dem Kontinent im Wege zu stehen. 70 Jahre später stellt sich zusätzlich die Frage, wie kleinere Nationalstaaten einer Weltwirtschaftsordnung widerstehen sollen, die nach Ansicht des Philosophen Jürgen Habermas nicht dem sozialen Werteverständnis der meisten Europäer entspricht.

Habermas brachte 2001 die Idee einer Europäischen Verfassung ins Spiel, um die "großen Errungenschaften des europäischen Nationalstaates über dessen nationale Grenzen hinaus in einem anderen Format" zu bewahren. Ist es nun "gesunder Realismus", der solche Utopien verstummen lässt, oder sind es politischer Kleinmut und Schwarzmalerei? Im aktuellen Wahlkampf jedenfalls erhebt sich kaum eine Stimme, die konkrete Visionen für ein besseres, nach vorn entwickeltes Europa formulieren würde.

Oder ist der ganze Laden doch zu kompliziert? Zu viele Sprachen, zu krasse Unterschiede? Seit 1992 - seit den Maastrichter Verträgen - gibt es die europäische Staatsbürgerschaft. Auf jedem deutschen Reisepass, mit dem man 188 Länder visafrei bereisen kann, steht "Europäische Union". Hat diese Identität tatsächlich Substanz im Denken und Fühlen der EU-Bürger angenommen?

"Okay, die Habermas-Frage also!" sagt Stephen Clark in Straßburg, lehnt sich im Sessel zurück und faltet die Hände. Der gebürtige Brite steuert als Direktor am EU-Parlament die Verbindungsbüros in den 28 Mitgliedsländern. "Es ist schwierig mit der europäischen Öffentlichkeit. Aber ich glaube, dass es funktioniert." So bieten die Kontaktbüros des EU-Parlaments eine Anlaufstelle für Bürger von Riga bis Madrid, von Dublin bis Berlin. Es gibt pralle Web- und Social-Media-Angebote in 24 Sprachen und einen Presseservice, der Europa erklärt und übersetzt. "Wir spüren starkes Interesse", sagt Clark. Im Februar 2019 seien doppelt so viele Presseartikel über das EU-Parlament erschienen wie im Februar vor der letzten Wahl.

Für die europäische Demokratie, so hatte Jürgen Habermas gewarnt, sei eine ungeteilte europäische Öffentlichkeit entscheidend, in der gemeinsame Anliegen debattiert und verhandelt werden können. Die nationalen Massenmedien erfüllen diese Aufgabe nur begrenzt. Das Projekt europäischer TV-Sender (Euronews, Eurosport) gilt als gescheitert - vom einstigen Anspruch blieben nur die Namen. Der Kulturkanal Arte, der in der Nähe der Parlamentsgebäude residiert, bedient bislang sechs von 24 EU-Sprachen und ist faktisch ein Elitenangebot - so wie die "Financial Times", der "Economist" und das Magazin "Politico", die eine gewisse europaweite Relevanz für sich beanspruchen können.

Als Begründung dafür, dass eine europäische Öffentlichkeit fehle, hält immer wieder die Sprachenvielfalt her. Nun zeigen die Beispiele Kanadas, der Schweiz oder Spaniens, dass eine nationale Öffentlichkeit über Sprachbarrieren hinweg entstehen kann. Südafrika, nach dem Ende der Rassentrennung, operiert heute mit elf Amtssprachen. "Indien schafft es, eine Demokratie mit 29 Landessprachen, 17 Schriftsprachen und einer hohen Analphabetenquote zu organisieren", schreibt die Politologin Ulrike Guérot. "Da können wir uns nicht ernsthaft auf ein Sprachenproblem berufen."

Von Anfang an gehörte Vielsprachigkeit zum Markenkern der EU. Dokumente werden in den 24 Amts- und Arbeitssprachen ausgereicht. Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) als EU-Vorläuferin regelte die Sprachpolitik ihre Organe gleich in der ersten Verordnung. 1958 ging es mit vier Amtssprachen los: Deutsch, Französisch, Italienisch, Niederländisch. 1973 kamen Dänisch und Englisch dazu, 1981 Griechisch, 1986 Portugiesisch und Spanisch, 1995 Finnisch und Schwedisch. Die Erweiterung 2004 brachte Estnisch, Lettisch, Litauisch, Maltesisch, Polnisch, Slowakisch, Slowenisch, Tschechisch und Ungarisch an Bord. Seit 2007 wird in Brüssel und Straßburg auch Bulgarisch, Irisch und Rumänisch gesprochen, seit 2013 Kroatisch.

Im Arbeitsalltag der EU-Institutionen sorgt ein Heer von Übersetzern und Dolmetschern für fließendes Verständnis. Die Übersetzungsarbeit für Schriftliches - Berge an Papier - wird zumeist in Luxemburg erledigt. Dort residiert die Parlamentsverwaltung, ziemlich genau in der Mitte zwischen den EU-Städten Brüssel und Straßburg. Im EU-Parlament selbst ist jeder Abgeordneten- und Besucherplatz mit einer Konsole und Kopfhörern ausgestattet, auf denen der Originalton und zusätzlich und simultan jede einzelne EU-Amtssprache anliegt.

Debatten im Europäischen Parlament sind häufig ein munterer Schlagabtausch. Die Emotionen teilen sich auch über die Audiowellen des Kopfhörers mit. "Wir sind dazu angehalten, lebhaft zu sein, aber nie aufgeregter als der Redner selbst", sagt Dolmetscher Yves Tychon. "Man darf niemals den Ton durch zu hektischen Vortrag verfälschen!"

Der im deutschsprachigen Teil Belgiens geborene Tychon, der in Luxemburg lebt und wie alle EU-Parlamentsdolmetscher seinen Dienstort in Brüssel hat, zählt sechs Sprachen zu seinem Portfolio: Er dolmetscht aus dem Französischen, Englischen, Niederländischen, Italienischen und, seltener nachgefragt, dem Luxemburgischen ins Deutsche. Als er 1981 bei der EU in Brüssel anfing, wurde viel weniger Englisch gesprochen als heute. Das Französische stand als Verkehrssprache hoch im Kurs. Heute sprechen viele Abgeordnete Englisch. Im kleinen Kreis wird deshalb nicht mehr zwingend gedolmetscht.

Bei 24 Amtssprachen gibt es in Plenardebatten 552 mögliche Paarungen - aus dem Irischen ins Niederländische, aus dem Italienischen ins Lettische und so weiter. Ein einzelner Dolmetscher deckt durchschnittlich vier Idiome ab, die er zumeist in die eigene Muttersprache überträgt. Die Zahl der Paarungen wird mittels "Relaissprachen" reduziert: Ist eine Kombination gerade nicht verfügbar, nutzt der Dolmetscher einen anderen Sprachkanal als Quelle, zum Beispiel Englisch. Es kursiert dazu die Anekdote, über jeden Witz werde in drei Wellen gelacht: Erst lachen die, die den Abgeordneten selbst verstehen, danach die, die der direkten Übertragung lauschen. Zuletzt lachen jene, die auf die vermittelte Übertragung angewiesen sind.

In der Kabine bilden drei Dolmetscher, die sich etwa stündlich abwechseln, ein Team. Zwei bis drei Teams sind bei Plenardebatten im Einsatz - etwa 300 Dolmetscher pro Straßburger Sitzungswoche.

Zu den Sprachfähigkeiten der Abgeordneten selbst, der EU-Beschäftigten wie auch der Unionsbürger, gibt es Anhaltspunkte in EU-Berichten. Bei den Institutionen werden Englisch, Französisch und Deutsch am meisten verwendet. Eine Erhebung 2013 ergab, dass 92 von 100 EU-Mitarbeitern Englisch können, 84 Französisch und 56 Deutsch. Die Mitglieder des Europäischen Parlamentes wurden 2014 befragt: Demnach verstanden 97 Prozent von ihnen Englisch, 61 Prozent Französisch und 37 Prozent Deutsch. Besonders im Englischen traue sich mancher recht viel zu, verrät Fachmann Tychon: "Aber Akzente können manchmal grausam sein!"

Zur Sprachmacht der europäischen Bürger hat die EU-Kommission 2012 Stichproben erheben lassen. Etwas mehr als die Hälfte der Befragten gab an, neben der Muttersprache mindestens eine zusätzliche Sprache zu sprechen. Bei Akademikern lag der Wert bei über 75 Prozent. "Die vielen Sprachen Europas sind schon ein Problem", sagt EU-Direktor Stephen Clark. Die wirklich grenzüberschreitenden Debatten, glaubt er, finden heute vor allem in den sozialen Medien statt.

Deutschland und Frankreich haben im Vertrag von Aachen im Januar den Aufbau einer gemeinsamen digitalen Plattform vereinbart, um ihre kulturellen Beziehungen zu stärken. Längst geht es nicht mehr nur um das Funktionieren der Europäischen Union, sondern um die demokratische Öffentlichkeit überhaupt. "Skandalisierung und Verbreitung von Unwahrheiten sind ein machtvolles Geschäftsmodell geworden", sagte MDR-Intendantin Karola Wille im Frühjahr bei einer Europakonferenz ihres Senders. "Algorithmen tragen zur Verbreitung gleichgerichteter Meinung bei." Wer ein besseres Europa will, muss nicht nur die eigene Meinung, sondern auch die Essenz von Debatten in den anderen Mitgliedsländern zu europäischen Problemen zur Kenntnis nehmen. Habermas bleibt aktuell.

Die Recherche zu diesem Beitrag in Straßburg wurde vom Europäischen Parlament unterstützt.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...