Zwei Satiriker und keine Satire

Der EU-Abgeordnete Nico Semsrott hat der Satire-"Partei"den Rücken gekehrt. Warum?

Brüssel.

Um diesen Vorgang als Eklat bezeichnen zu können, fehlt ihm vermutlich das politische Gewicht. Schließlich geht es um "Die Partei", eine der kleinsten Parteien im Europäischen Parlament, der gerade mal zwei deutsche Abgeordnete angehören - seit Mittwoch nur noch einer. Was war passiert?

Nach dem Angriff von Trump-Anhängern auf das Kapitol hatte der Satiriker und EU-Abgeordnete Martin Sonneborn (55) ein Foto veröffentlicht, auf dem er ein T-Shirt mit dem Aufdruck trug: "Au Widelsehern, Amlerika! Habem Sie Guter Frlug runtel! Plinted in China. Fü Die PALTEI." Nur wenige erkannten den Witz und noch weniger die satirische Zuspitzung: Es sollte eine Anspielung auf Trump-Fanartikel sein, die trotz dessen antichinesischer Politik in China hergestellt wurden. Der Tweet sei rassistisch und beleidigend, befanden dagegen etliche Leser, weil er die vermeintliche Unfähigkeit der Chinesen, kein "R" aussprechen zu können, verspottete.

Sonneborn legte trotz der heftigen Vorwürfe noch einmal nach und stellte die Kritiker als "nur zu doof hin, um seine Kunst zu verstehen". So empfand es sein bisheriger Parteifreund, der Kabarettist Nico Semsrott (34), den diese Reaktion auf die Palme brachte: "Wenn sich Menschen von seinen Postings rassistisch angegriffen fühlen, muss er nicht viel tun. Es reichen Mitgefühl und Respekt vor den Betroffenen, um das eigene Verhalten zu korrigieren." Semsrott zog Konsequenzen und verließ die Partei. Erst danach entschuldigte sich Sonneborn öffentlich und bezeichnete seinen Witz als "misslungen".

Sonneborn, einst Chefredakteur des Satiremagazins "Titanic" und Gründer sowie Vorsitzender der Antipartei "Die Partei", sitzt seit 2014 als Fraktionsloser im Europäischen Parlament. 2019 bekam er dort Verstärkung von Semsrott, unter anderem bekannt aus der ZDF-"Heute-Show". Semsrott trat aber schon damals der Grünen-Fraktion bei, wo er auch bleiben und sein Mandat zu Ende bringen will.

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