Wie es den Opfern nach dem Anschlag in Halle geht

Schlafstörungen, Trauer und Bestürzung. Die Opfer und Augenzeugen des rechtsextremen Terroranschlags von Halle kämpfen mit der Bewältigung des Erlebten. Die Hilfe ist groß, aber die seelischen Wunden sind tief. Auch auf den ersten Blick Unbeteiligte können betroffen sein.

Halle (dpa) - Kerzenlichter flackern zwischen welken Blumen, Herbstlaub hat sich zwischen dem Meer aus Mitleidsbekundungen und Fotos der Opfer angesammelt.

Auch neun Tage nach dem rechtsextremen Terroranschlag von Halle halten immer wieder Menschen vor den Gedenkorten in der Stadt inne - legen frische Blumen neben alte Sträuße.

Für die Opfer sind diese Orte wichtig, um sich über das Erlebte auszutauschen, berichtet etwa Anwohner Andreas Splett. Er hat am Tag des rechtsextremen Terroranschlags Stephan B. gefilmt, wie er auf die Polizei geschossen hat. «Ich bin krankgeschrieben und kann nicht mehr schlafen», erzählt er.

Am 9. Oktober hatte der Attentäter schwer bewaffnet erst versucht, in eine Synagoge einzudringen. Als sein Plan misslang, erschoss er auf der Straße eine 40 Jahre alte Frau und kurz darauf einen 20-jährigen Mann in einemDöner-Imbiss.

Auch die Mitarbeiter des Geschäfts stehen noch unter Schock: «Ismet, der ist noch Okay, der ist stark. Aber der Jüngere, der leidet immer noch darunter», sagt der Betreiber der Imbissbude, Izzet Cagac mit Blick auf seinen Mitarbeiter Ismet und seinen jüngeren Bruder. «Sowas darf nie wieder passieren.»

Heute hattne Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) und der Opferbeauftragte der Bundesregierung Egbert Franke (SPD) den Dönerladen besucht. Beide haben dem Besitzer und seinen Mitarbeitern Unterstützung zugesichert, wie Cagac nach dem Gespräch sagte.

Aber auch die Zivilgesellschaft steht an der Seite der Opfer. «Das war wirklich Wahnsinn», sagt Max Privorozki der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Halle. Insbesondere sei ihm eine Lichterkette im Gedächtnis geblieben. Vor einer Woche hatten Hunderte Menschen vor der Synagoge einen symbolischen Schutzschild vor dem Gotteshaus gebildet, während im Inneren eine Sabbat-Feier stattfand.

Bis jetzt lasse sich die Gemeinde nicht von der Gewalttat einschüchtern. Bei der Feier hätten auch viele junge Menschen teilgenommen, die sonst nicht an dem Ritual teilnähmen. Einige seien sogar extra nach Halle gekommen, etwa aus dem knapp 100 Kilometer entfernten Magdeburg.

Aus der jüdischen Gemeinde Mannheim hätten Kinder extra Geschenke für die Kinder der Gemeinde aus Halle gebastelt. Privorozki hofft, dass auch in den kommenden Monaten viele Menschen die Synagoge besuchen. «Ich bin jemand, der sich Nachhaltigkeit wünscht.»

Insgesamt brauche die Gemeinde jetzt aber Ruhe - auch er. «Ich selber wünsche mir einen Tag, an dem ich von früh bis spät keinen Anruf bekomme», sagt Privorozki. Diesen Tag würde er gerne im Wald oder an einer Seeufer verbringen, lesen oder Schach spielen.

In die Trauer und Bestürzung mischt sich bei einigen aber auch Wut: «Die rechte Propaganda, dass 'ja keine Juden zu Schaden gekommen sind' ist ein Schlag mit dreckigen braunen Händen ins Gesicht aller Betroffenen», sagt Augenzeuge Splett.

Von den Geschehnissen können zudem auf den ersten Blick Unbeteiligte betroffen sein, sagt Jörg Fegert, der Geschäftsführende Sprecher des Zentrums für Traumaforschung. Alleine das Geschehen in der Heimatstadt in den Medien verfolgt zu haben, könne zu Belastungen führen.

Das sei vermutlich auch der Grund dafür, dass bei der Telefonseelsorge Halle zahlreiche Anrufe eingegangen sind. «Die Nähe zu uns hier in Halle macht den Menschen Angst. Sie erkennen die Orte wieder, die sie in den Medien oder im Internet zu sehen bekommen», teilte die Stellenleiterin der Telefonseelsorge Halle, Dorothee Herfurth-Rogge mit. «Manche können die Bilder einfach nicht vergessen und rufen dann bei uns an.»

Am Freitagnachmittag war zudem eine Trauerfeier für den getöteten 20-Jährigen in Merseburg geplant. Neun Tage nach dem Terroranschlag wollten Angehörige und Freunde Abschied nehmen. Zu der Trauerfeier in der Stadtkirche St. Maximi wurde neben Haseloff auch Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) in der Heimatstadt des Opfers erwartet.

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