Adam Smith und die Kaufmannsmoral

Die USA und die Europäische Union planen einen Handelsvertrag, der die Öffentlichkeit mobilisiert. Die erhofften Vorteile sind umstritten, die konkreten Verhandlungspositionen unter Verschluss. Was kann man dennoch wissen? Heute: Nachhilfe für die "unsichtbare Hand"

Chemnitz.

Wenn es einen Schutzheiligen der Ökonomen gibt, einen Albert Einstein oder Isaac Newton der Wirtschaftswissenschaft, dann ist es Adam Smith. In seinem Hauptwerk "Der Wohlstand der Nationen" schrieb der schottische Moralphilosoph, dass "ein Handel ohne Zwang oder Beschränkung, den zwei Orte frei und regelmäßig miteinander betreiben, für beide stets vorteilhaft, wenn auch nicht immer im selben Ausmaß" sei. Ein Vertrag wie TTIP, der Handelsmauern schleift, könnte die Mühe also durchaus lohnen.

Smith hält nicht nur in der Ökonomie, sondern auch in der Ahnentafel des Liberalismus eine prominente Position. Das liegt an seiner "unsichtbaren Hand", dem Leitbild, wonach jeder dem Ganzen am besten diene, wenn er unbeirrt nur seinen eigenen Vorteil suche. Ein solcher Mensch werde "von einer unsichtbaren Hand geleitet, um einen Zweck zu fördern, den zu erfüllen er in keiner Weise beabsichtigt hat": das Wohlergehen der Gesellschaft.

Das Wirken der "unsichtbaren Hand" ist die zum Bild verdichtete Version des Arguments, warum der Staat bei Eingriffen ins Wirtschaftsleben zurückhaltend agieren soll. Angela Merkels Redensart von der "marktkonformen Demokratie" folgt demselben Muster. Perfekte Märkte, rationale Akteure, unbeeinflussten Wettbewerb hat es freilich nie gegeben. Vermachtung, Lobbyismus und Interessenpolitik bestimmen schon immer die wirtschafts- und handelspolitische Realität.

Wenn es um die eigenen Interessen geht, verlassen sich auch Wirtschafts- und Konzernvertreter auf nichts weniger als die "unsichtbare Hand". Die USA schützen die heimische Stahlindustrie. Europa schottet seine Landwirtschaft vor Importen aus dem Süden ab. Die traditionellen Handelsverträge, die zwischen Nord- und Südländern abgeschlossen wurden, tragen den Stempel der Interessen der reichen, mächtigeren Länder. Das entwicklungspolitische Netzwerk Eurodad schrieb im jüngsten Jahresbericht, der Mitte Juni erschienen ist, dass noch immer etwa doppelt so viel Geld aus den Entwicklungsländern in die Industrienationen des Nordens fließt, als die armen Staaten aus der klassischen Entwicklungshilfe bekommen. Eurodad gehören 47 Entwicklungsorganisationen aus 20 Ländern an. Der Jahresreport nutzt offizielle Quellen.

In globaler Hinsicht fürchten TTIP-Kritiker, dass eine nordatlantische Einigung den Abbau von Handelsschranken weltweit sabotieren könnte. Die Bertelsmann Stiftung geht von Nachteilen für Drittländer in Asien, Afrika und Lateinamerika aus, wenn TTIP abgeschlossen wird. Inländische Klein- und mittelständische Betriebe, die sich in diesen Ländern engagieren, könnten darunter zu leiden haben, warnen die Globalisierungskritiker von Attac.

Wird im "freien Handel" also ein Rechtsrahmen gesetzt, der einseitig die Interessen einer weltwirtschaftlichen Elite bedient? Und sollten deren Gewinninteressen gegenüber anderen politisch-sozialen Zielen vorrangig sein? Adam Smith war nicht dieser Meinung. Die "Aufgabe des Souveräns" sei nicht bloß "ein Anhängsel zu den Pflichten des Kaufmanns, etwas, was diesem untergeordnet werden sollte." Seinem Hauptwerk "Der Wohlstand der Nationen" schrieb der Ökonom den Merksatz ein: "Die Herrschaft einer privilegierten Gesellschaft von Kaufleuten ist wohl die schlimmste aller Regierungen für jedes Land."

TTIP verdient die Aufmerksamkeit einer kritischen Öffentlichkeit, weil der geplante Handelspakt fast alle Politikfelder berührt. Handelshemmnisse - das sind letzlich politisch legitimierte Kompromisse. Ihre Abschaffung muss auch im Lichte anderer gesellschaftlicher Ziele demokratisch zu legitimieren sein.

Ende der Serie

Die vorangegangenen Teile sind seit dem 29. Juli 2015 erschienen.

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