Bei VW wird das E-Auto zum digitalen Endgerät auf Rädern

Die Automobilbranche steckt im Umbruch. Die Digitalisierung und die E-Mobilität verändern die Geschäftsmodelle. Das hat Folgen für Volkswagen, VW-Händler und Kunden.

Berlin/Zwickau.

Das Jahr 2020 soll zu einem Wendepunkt für die Marke Volkswagen werden. Von da an vernetzt VW seine gesamt Flotte. Jedes Jahr werden dann mehr als fünf Millionen Volkswagen Teil des "Internets der Dinge". Um das Online-System so offen wie möglich zu halten, hat der Autohersteller auch sein Vertriebsmodell umgestellt.

Die neuen Händlerverträge ermöglichen es Volkswagen zum ersten Mal, über den gesamten Lebenszyklus des Autos mit den Kunden in direkten Kontakt zu treten, sagte Jürgen Stackmann, Vertriebsvorstand der Marke Volkswagen, gestern bei einer Pressekonferenz in Berlin. Auf diese Weise könnten die Kunden mit maßgeschneiderten Angeboten versorgt werden, ohne in die Werkstatt kommen zu müssen.

Volkswagen taucht damit tief in die digitale Welt von Apple und Google ein: Mit Milliarden-Investitionen in die Vernetzung seiner Autos will der Hersteller künftig am Megatrend Digitalisierung verdienen. Dazu soll das bisherige Kerngeschäft um Lade- und Abrechnungsdienste für E-Autos, Carsharing oder E-Commerce-Angebote ergänzt werden.

Bis 2025 sollten 3,5 Milliarden Euro investiert werden, sagte Stackmann. Die Autos sollten sich zu digitalen Endgeräten auf Rädern wandeln. Technisches Rückgrat für das Online-System "Volkswagen We" solle eine neue digitale Plattform werden. VW peilt mindestens eine Milliarde Euro Umsatz bis 2025 an, wie Stackmann ankündigte. Er sprach von einem "Mega-Start-up". Dafür seien neben Kooperationen auch Übernahmen geplant. Details wurden zunächst nicht bekannt. Auch will VW unter der Submarke "We Share" ein rein elektrisches Carsharing-Angebot an den Start bringen.

Der Auftakt dazu soll im zweiten Quartal 2019 in Berlin sein - mit einer Flotte aus 1500 E-Golf, später kommen 500 E-Up-Kleinwagen dazu. Danach sollten weitere große Städte mit mindestens einer Million Einwohner in Deutschland folgen. Ab 2020 soll das VW-Carsharing auf europäische Märkte sowie ausgewählte Städte in den USA und Kanada ausgeweitet werden. Die E-Golfs werden unter anderem in der Gläsernen Manufaktur von Volkswagen Sachsen in Dresden produziert.Auf dem Weg zur digitalen Transformation muss sich VW vor allem mit Internet-Riesen wie Google und Apple auseinandersetzen. Beide bieten mit den Smartphone-Integrationen Android Auto und Car-Play eine Alternative zu den Angeboten, die auch die deutschen Hersteller - darunter VW - mit Start-up-Übernahmen und eigener Software aufbauen. VW-Marken-Strategiechef Michael Jost erklärte: "Um diese Entwicklung zu meistern, müssen wir das Auto ein Stück weit neu erfinden."

Es sei eine "Riesen-Herausforderung für einen ehemaligen Hardware-Hersteller", sagte Stackmann. Mit nur einem Zugang und der neuen Internet-Plattform sollten sich alle Dienste erschließen: "Ich brauche nicht mehr 50 Apps", sagte er.

Dazu will Volkswagen eine deutlich einfachere IT-Architektur im Auto an den Start bringen - und zwar ab 2020 in der vollelektrischen ID-Modellfamilie, die in Zwickau produziert wird. Damit sollten die heute bis zu 70 verschiedenen Steuergeräte im Auto verzichtbar werden, stattdessen solle es wenige Zentralrechner geben, auf denen das neue Betriebssystem "vw.OS" läuft. Auf diese Weise seien kontinuierliche Upgrades und Updates möglich - auch ohne Werkstattbesuch.

Die neue digitale Plattform lasse sich mit jedem Endgerät - ob Smartphone, Tablet, Laptop oder Infotainment-System im Auto - bedienen. Zu den möglichen Services gehörten beispielsweise Park- oder Lieferdienstangebote. Der Kofferraum des Autos könnte so zu einem Ablageplatz für Post und Pakete werden. Dazu liefen bereits Gespräche. Die Plattform solle aber auch offen für Partner und ihre Software-Lösungen sein.

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6Kommentare
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  • 1
    0
    kartracer
    25.08.2018

    Mich würde mal interessieren was in den Köpfen der ROTEN, bei Deluxe und Hankman, so vorgeht? Kann natürlich auch sein, daß sich hier schon einer der neuen VW heimlich mit eigeloggt hat, so als Testmodell, echt gruselig.

  • 4
    2
    Hankman
    24.08.2018

    Manches, was VW da verspricht, klingt eher wie eine Drohung. Ich für meinen Teil möchte gar nicht, dass der Hersteller meines Autos während dessen gesamtem Lebenszyklus mit mir in Verbindung bleibt. Ich möchte auch nicht, dass mein Auto ständig mit dem Hersteller telefoniert und heimlich Daten weitergibt. Bisher ist überhaupt nicht geregelt, was mit diesen Daten geschieht. Der Hersteller könnte irgendwann auch auf die Idee kommen, Autos mit einem Fahr-Abo zu verkaufen: Wenn man nicht mehr zahlt, legt er es per Steuerbefehl lahm. Nein, ich möchte ein Auto, das einfach nur fährt - möglichst umweltfreundlich, möglichst komfortabel und zuverlässig. Das war's.

    Mein jetziges Auto hat bereits eine ganze Reihe digitaler Steuerteile. Da reicht dann ein einziger Kabelbruch, um gleich ein halbes Dutzend wichtige Funktionen lahmzulegen. Gerade erst wieder erlebt. Und da hilft dann kein Softwareupdate aus der Ferne. @Deluxe hat zudem völlig Recht: Ein System mit einem Zentralrechner, das ständig online ist, ist auch anfällig für Angriffe von außen. Also bei manchem Fortschritt vermag ich den Fortschritt nicht so recht zu erkennen ...

  • 5
    0
    Freigeist14
    24.08.2018

    Individuelle E- Automobile helfen bestimmt,den Verkehrskollaps zu verhindern. Da bin ich ganz sicher. Nicht das jemand auf den Trichter kommt,den O-Bus zu nehmen oder die Bahn.

  • 9
    1
    Deluxe
    24.08.2018

    Irgendwie finde ich die Vorstellung gruselig, daß mein Auto ohne Rücksprache mit mir mit seinem Hersteller kommuniziert und dieser Hersteller nicht nur alles über mein Auto, sondern auch alles über mich weiß.

    Hinzu kommt die Gefahr von Fehlfunktionen. Steuersysteme, die über einen Zentralrechner laufen, bergen ganz neue Gefahren. Cyberkriminalität, Übernahme der Steuerung durch Unberechtigte und vieles mehr.

    Ich glaube, meine Oldtimer ohne jegliche Elektronik haben auch ihre Vorteile...

  • 7
    0
    Zeitungss
    24.08.2018

    Darf es auch mal etwas sein, womit man ganz einfach von A nach B kommt???? cn3bjOO hat es auf den Punkt gebracht.

  • 11
    0
    cn3boj00
    24.08.2018

    Dass sich die Elektromobilität auf dem Niveau der ersten Benzinwagen zur Zeit der Pferdedroschken befindet will ich gerne glauben, und dass diese Technologie daher ein Riesenpotenzial hat und wir in 20, 30 Jahren die heutigen Anfänge belächeln auch.
    Aber ein Auto wird wohl auch dann noch vorrangig zum Fahren da sein und nicht als Briefkasten mit Internetanbindung. Und die größte Herausforderung bei Milliarden von Autos auf dem Planeten wird auch dann die Umwelt sein.



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