Das Geld aus dem Nichts

Binnen eines Jahres hat sich der Kurs des Bitcoins verzehnfacht und die Zahl der Kryptowährungen verdoppelt. Experten der Bundesbank sehen deren Zukunft gleichwohl in der Nische - und basteln an einem eigenen Prototyp, als "Lerninstrument".

Frankfurt/Mittweida.

Je schneller ihr Wert steigt, umso stärker befeuert die Kryptowährung Bitcoin die Phantasie. Träume von märchenhaftem Reichtum locken Unternehmer und produzieren Schlagzeilen rund um die Welt. Viele Sachkundige sehen vor allem in der zugrunde liegenden Technologie, der Blockchain, unendliches Potenzial.

Skeptiker üben sich in abwartender Beobachtung, die sie gern mit dunklen Prognosen garnieren. Ein in der Finanzwelt tätiger Praktiker wie Martin Diehl sagt nüchtern: "Wer wirklich weiß, wo das Gold liegt, sitzt nicht auf Konferenzen und redet darüber. Der buddelt!" Die Idee, die alte Welt auf Blockchain-Basis neu zu erschaffen, sei zwar faszinierend, aber keineswegs trivial.

Diehl ist Bereichsleiter bei der Deutschen Bundesbank, wo er den Zahlungsverkehr und die Abwicklungssysteme analysiert. Bei einer Fachtagung der Volksbank Mittweida und der Akademie Deutscher Genossenschaftsbanken (ADG) sprach Diehl über die Sicht der Bundesbank auf die Chancen der Blockchain. Bitcoin als Ursprungsanwendung der Blockchain sei weder für den allgemeinen Zahlungsverkehr noch zur Wertaufbewahrung geeignet, glaubt Diehl. Es sei denn, man wolle spekulieren. Der Kurs des Bitcoins entwickelt sich seit Jahren wild, stürmisch, unberechenbar. Hinter der jüngsten Sternenfahrt auf über 10.000 Dollar soll ein plötzlicher Nachfrageschub aus Japan stehen. So wirklich scheint das keiner ganz genau zu wissen.

Der innere Wert des herkömmlichen Geldes, etwa des Euros, leite sich aus der Bonität und der Integrität der europäischen Zentralbanken ab, heißt es bei der Bundesbank. Demgegenüber stünden Schöpfer von Kryptogeld für nichts gerade, und virtuelle Währungen wie der Bitcoin hätten keinen inneren Wert. Dem Zentralbanker jagt das einen Schauer über den Rücken. Für Bitcoin-Missionare allerdings liegt in dieser Autonomie die Sprengkraft des Systems: Es existiert allein in Rechnernetzen und stützt sich auf keinerlei Autorität oder Institution.

Satoshi Nakamoto schrieb 2008 im Bitcoin-Gründungsmanifest, es solle ein Zahlungssystem entstehen, das auf Kryptographie statt auf Vertrauen baue. Das System solle zwei beliebigen Akteuren erlauben, sicher zu interagieren, ohne einen Dritten als Garanten. Kein Notar, keine Bank, kein Staat. Im ersten (dem Genesis-)Block der Bitcoin-Blockchain platzierte Nakamoto eine Nachricht, die auf die Finanzkrise von 2007 Bezug nahm. Bis heute ist unklar, wer Nakamoto ist. Ein japanischer Finanzfachmann gleichen Namens hat genauso dementiert, der Bitcoin-Schöpfer zu sein, wie Tesla-Gründer Elon Musk.

Martin Diehl interpretiert das Manifest auf eigene Weise: "Nakamoto hat mit diesen Worten nicht gemeint, dass es immer schlecht ist, vertrauenswürdige Institutionen zu haben." Zentrale Geldfunktionen erfülle Bitcoin nicht, hier sei das klassische Geld überlegen. Seinen Platz habe Kryptogeld in den Nischen.

Zu den zentralen Aufgaben der Bundesbank gehört es, im Netz der europäischen Zentralbanken für Preisstabilität zu sorgen. Das setzt eine Kontrolle der Geldmenge voraus. Gemeinsam mit der Deutschen Börse in Frankfurt analysiert die Bundesbank die Vor- und Nachteile von Kryptowährungen und den dahinter wirkenden Technologien. Könnte die Grundkonzeption der Blockchain eines Tages zum Beispiel jene Zahlungsverkehrssysteme ablösen, die heute Bankdienstleistungen erst möglich machen? In ihrem September-Monatsbericht, der im Internet frei zugänglich ist, listet die Bundesbank Potenziale und Risiken auf.

Den wenigsten Menschen, die Einkäufe per Karte bezahlen oder Miete überweisen, ist bewusst, wie komplex die unterliegenden Systeme sind. Im internationalen Zahlungsverkehr wirkt eine Schar von Intermediären, die zwischen Sendern und Empfängern vermitteln.

Sind Sender und Empfänger einer Zahlung Kunden bei derselben Bank, dann ist die der einzige Vermittler. Haben sie Konten bei verschiedenen Banken, gibt es mindestens zwei Intermediäre. Besteht keine direkte Kontoverbindung zwischen den Banken, kommt ein Clearinghaus ins Spiel. Für größere Beträge werden andere Zahlungssysteme genutzt. Der währungsübergreifende Verkehr verkompliziert die Struktur noch einmal erheblich.

Überweisungen ins Ausland sind deshalb teuer und brauchen Zeit. Zum Beispiel hier spielen Kryptowährungen auf Blockchain-Basis ihre Vorteile aus: Mit dem Bitcoin-Konto eines zugelassenen Anbieters und einer simplen App auf dem Smartphone lassen sich Geldbeträge schon heute binnen Minuten zu geringen Kosten überweisen. Banken sind an dieser Möglichkeit interessiert, es laufen entsprechende Projekte. Für ausgeschlossen hält es Diehl allerdings für den Moment, dass Blockchain eine Rolle im großvolumigen, europäischen Zahlungsverkehr spielen kann. Vielleicht sei die Zeit noch nicht reif - momentan aber wäre das undenkbar.

Blockchains sind an dezentrale Rechnernetze gebunden, eine Struktur, die sich zum Beispiel vom Internet unterscheidet, in dem es eine deutliche Zentralisierung gibt. Bei Bitcoin sind es schätzungsweise 6000 bis 7000 Knoten ("nodes"), auf denen jeweils die Blockchain liegt. In der Blockkette wird jede einzelne Transaktion gespeichert, dadurch nimmt sie permanent an Umfang zu. Ein definierter Konsens-Mechanismus unter den Teilnehmern sorgt dafür, dass Transaktionen als gültig anerkannt und unveränderlich - quasi mit der Beweiskraft eines Dokuments - verbucht werden.

Die Blockchain ist von jedermann im Netzwerk einsehbar, der über die nötige Expertise und Software verfügt. Alle Transaktionen finden vor aller Augen statt, während die Identität dessen, der hinter einer Transaktion steht, verborgen bleibt. Namen oder Email-Adressen werden weder erfragt noch in der Datenkette gespeichert. Sie sind irrelevant, wie es der ursprünglichen Idee von Nakamoto entspricht: Zwei, die sich weder kennen noch trauen, verkehren dennoch ohne Dritte geschäftlich miteinander.

Für Martin Diehl widerspricht dieser Ansatz mehreren Prinzipien, wie sie die Bundesbank bei ihren Zahlungssystemen pflegt. Zum einen gelte dort das Prinzip strikter Vertraulichkeit: Jeder sehe nur das, was er sehen muss, und nicht jeder alles. Anonyme Transaktionen liefen zudem den regulatorischen Aufgaben der Bank zuwider. Der jahrzehntelange Kampf gegen Geldwäsche und die Finanziers des internationalen Terrorismus wäre wohl beendet, wenn man das mit Blockchain machen würde.

Das Leistungsvermögen der Blockchain ist im Moment noch technisch limitiert. Während es bei Bitcoin 300.000 Transaktionen täglich gibt, wickelt die Bundesbank am Tag rund elf Millionen Transaktionen ab - und versteht sich dabei noch als "kleinen Player". Ein Blockchain-System wie Bitcoin erheblich zu skalieren, also für größere Transaktionszahlen aufzublasen, stoße an derzeit unüberwindliche Grenzen. Mit dem Verbrauch an Rechnerkapazität und Energie steigen die Kosten. Dazu trage auch der Konsens-Mechanismus zum "Abnicken" der Transaktionen im Netzwerk bei.

Dass die unklare Betreiberverantwortung bei Bitcoin das Misstrauen gelernter Banker weckt, bedarf keiner Erläuterung. Im August hat es eine Abspaltung bei Bitcoin gegeben, über die am Ende eine kleine Nutzergruppe entschied. "Nur wenige machen eine solche Abstimmung mit, die meisten folgen", sagte Martin Diehl. Hier sehe er Probleme der Legitimation. Schließlich birgt das spezielle Konsens-System die Gefahr sogenannter Mehrheitsattacken. Der vergleichsweise große Anteil chinesischer Serverparks an der Gesamtrechenleistung der Bitcoin-Blockchain wird seit längerem thematisiert. Erfahrungen liegen angesichts der kurzen Bitcoin-Geschichte nicht vor. Experten gehen aber davon aus, dass dezentrale Netze durch eine solche Mehrheit kompromittiert werden könnten.

Der Zentralbanker Diehl wollte seine Einwände zum Kryptogeld auf Blockchain-Basis beim Forum in Mittweida nicht als grundsätzliche Kritik an der Technologie verstanden wissen. Im eigenen Haus treibe er das Thema mit voran. Die Bundesbank und die Deutsche Börse entwickeln einen Blockchain-Prototyp als "Lerninstrument".

Auch Experten aus Geschäftsbanken wie Dirk Elsner und Gerrit Pecksen halten Kryptowährungen noch nicht für "reif für eine weitreichende Umsetzung", wie letztere im aktuellen "ifo-Schnelldienst" schreiben. Der Meinungsbildungsprozess im Bankensystem sei noch nicht abgeschlossen: "Kunden, die heute mit Kryptowährungen bezahlen oder sie in der Hoffnung auf Wertsteigerung erwerben und halten wollen, finden zumindest in Deutschland bisher keine Bank, über die sie solche Geschäfte abwickeln können."

Blockchain und Bitcoin: Eine Technologie und ihre älteste Anwendung

Die geräteseitige Grundlage der Blockchain-Technologie ist ein Netz aus einzelnen Rechnern (Knoten, "nodes"), die zu einem Peer-to-peer-Netzwerk verbunden sind. Ein solches dezentrales Netzwerk ist extrem robust. Um es auszuschalten, müsste jeder einzelne Rechner abgeschaltet werden. Es gibt keine Zentrale und damit keinen "single point of failure", also keinen (Zentral-)Rechner mit herausgehobenem Ausfallrisiko.

Alle Teilnehmer im Netzwerk haben dieselben Rechte und folgen demselben Protokoll. Es gibt keinen Ansprechpartner und keinen "Passwort-vergessen"-Knopf, wie es Christoph Jentzsch ausdrückt, Blockchain-Pionier aus Mittweida und Gründer von Slock.it. Die Knoten können von Menschen, aber auch Maschinen gesteuert werden.

Die Zugangsberechtigung zur Blockchain ergibt sich aus einem "Key"-Paar, einem öffentlichen und einem privaten Schlüssel. Während der öffentliche Schlüssel ("public key") als eine Art "Kontonummer" verstanden werden kann, dient der "private key" dazu, Datenpakete (die eigentlichen Transaktionen/Überweisungen) zu signieren. Eine Blockchain ist eine verkettete Liste solcher signierter Datenpakete, deren Gültigkeiten mit den "public keys" überprüft werden kann. Ein Konto zu generieren ist kostenlos, man kann unzählige haben. Daten werden nicht auf Dauer hinterlegt.

Die Unveränderlichkeit eines Datenpakets wird durch einen Hash-Wert garantiert. Der Hash-Wert liefert eine eindeutige Identifikation. Ändert sich der Inhalt des Pakets, ändert sich der Hash-Wert, was im Netzwerk sofort auffallen würde. Jeder Block, der eine definierte Zahl an Transaktionen aufnimmt, ist über den Hash-Wert kryptographisch (also verschlüsselt) mit seinem Vorgänger verbunden. So entsteht die Blockchain, die alle Transaktionen sicher verbrieft.

Transaktionen kosten Geld, das jene bekommen, die sie abwickeln. Die sogenannten "Miner" im Bitcoin-Netzwerk werden mit Bitcoins dafür belohnt, dass sie Hash-Werte ermitteln und das System am Laufen halten. Zu Beginn der Bitcoin-Blockchain konnten herkömmliche PCs den erforderlichen Rechenaufwand bewältigen. Das geht heute nicht mehr. Im Bitcoin-Netzwerk gibt es Serverparks, die zum Beispiel in China stehen, wo das Klima gemäßigt-günstig und der Strom vergleichsweise billig ist.

Hacker beißen sich die Zähne aus, sagt Christoph Jentzsch, zumindest was die unterliegende Blockchain betrifft. Zwar hat es geglückte Angriffe auf Applikationen gegeben. Die Blockchain als eigentliche Basis erwies sich bisher als uneinnehmbar. Visionäre wie Jentzsch sehen in der Blockchain deshalb große Möglichkeiten - die Basis eines neuen Internets 3.0. (ros)

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