Das Stromnetz als Nadelöhr

Folge 5: Der Netzausbau

Chemnitz. Die Energiewende in Deutschland erfordert nicht nur immense Investitionen in neue Kraftwerkskapazitäten, auch in die Stromnetze muss kräftig investiert werden. Denn das Stromnetz ist bisher nur unzureichend auf die Einspeisung aus Anlagen mit erneuerbarer Energie eingerichtet. Eine Studie der Deutschen Energie-Agentur (Dena) geht davon aus, dass die Stromverteilnetze in Deutschland bis 2030 auf einer Länge bis zu 193.000 Kilometer ausgebaut werden müssen. Weitere 25.000 Kilometer müssen umgebaut werden. "Nur wenn wir die Netzinfrastruktur entsprechend erweitern, werden wir den Strom aus dezentralen regenerativen Erzeugungsanlagen auch tatsächlich verteilen und verbrauchen können", sagte Dena-Chef Stephan Kohler. Dieser Ausbau kostet nach Berechnungen der Dena je nach Szenario zwischen 27,5 Milliarden und 42,5 Milliarden Euro.

Das Stromsystem in Deutschland stammt noch aus der Zeit der großen Versorgungsmonopole, als fast ausschließlich Großkraftwerke die Energie erzeugten. Mit dem zunehmenden Anteil von Strom aus dezentralen Windkraft- und Solaranlagen steigen die Anforderungen an das Stromnetz, auch weil diese Anlagen stark schwankende Mengen in das Stromnetz abgeben. Hinzu kommt, dass der Strom oft dort erzeugt wird, wo er gar nicht gebraucht wird. So muss beispielsweise der Strom, der künftig per Windkraft auf dem offenen Meer erzeugt wird, in die süddeutschen Wirtschaftszentren transportiert werden.

Der Netzausbau, der bisher wenig koordiniert betrieben wurde, hat sich inzwischen zu einer Schlüsselfrage der Energiewende entwickelt. Das liegt auch daran, dass die Energieunternehmen seit der Liberalisierung des Strommarktes im Jahre 1998 viele Jahre lang zu wenig in die Stromnetze investiert hatten. Es ist ein regelrechter Modernisierungsstau entstanden. Allein bei den Hochspannungstrassen müssen nach dem im Dezember vergangenen Jahres beschlossenen Netzentwicklungsplan neue Leitungen mit einer Länge von 2800 Kilometern errichtet werden. Weiter 2900 Kilometer sollen optimiert werden. Bisher kam der Trassenbau im Hochspannungsnetz allerdings wenig voran. Im vergangenen Jahr wurden nur 35 Kilometer fertig. Die Investitionen im Hochspannungsnetz sollen rund zehn Milliarden Euro kosten.

Die Dena-Studie hat gezeigt, dass nicht nur die Hochspannungstrassen für das Gelingen der Energiewende gebraucht werden, sondern auch das Verteilnetz mit der Einspeisung erneuerbarer Energie zu kämpfen hat. "Vor allem im regionalen Verteilnetz besteht im Zuge der Energiewende ein hoher Ausbaubedarf. Über 90 Prozent der installierten Leistung aus erneuerbaren Energien sind schon heute an das Verteilnetz angeschlossen. Dies betrifft vorrangig den ländlichen Raum in Ostdeutschland", machte Carl-Ernst Giesting, Vorstandsvorsitzender des Energieversorgers Envia M, die Probleme deutlich. Nach seinen Angaben lag die installierte Leistung bei erneuerbaren Energien im Netzgebiet von Envia M doppelt so hoch wie der gesamte Leistungsbedarf in der Region.

Der Envia-Netzbetreiber Mitnetz-Strom wird in den nächsten zehn Jahren bis zu 3,5 Milliarden Euro in den Ausbau des Stromnetzes stecken. Doch Giesting warnt gleichzeitig vor einem ungebremsten Ausbau von Solar- und Windkraftanlagen. Künftig sei darauf zu achten, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien im Gleichklang mit dem Netzausbau erfolgt. "Der Ausbau der erneuerbaren Energien bedarf einer besseren Steuerung, um Netzengpässe zu vermeiden", meinte der Envia-Vorstandschef. Das Netzgebiet von Envia M erstreckt sich über Teile der Bundesländer Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Dort sollen 70 Umspannwerke, 1000 Kilometer Hochspannungsleitungen sowie rund 10.000 Kilometer im Verteilnetz aus- oder neu gebaut werden.

Beispiel Vogtland: Dort hat Mitnetz-Strom bereits ein Konzept für den Ausbau des Hochspannungsnetzes vorgelegt. Es sieht einen Ringschluss der bestehenden Hochspannungsleitungen im Vogtland vor, durch den die Sicherheit der Stromversorgung entscheidend verbessert wird. "Die bestehenden Hochspannungsleitungen arbeiten schon heute am Rande ihrer Kapazität. Neuanschlüsse sind kaum noch möglich", sagte Projektleiter Uwe Kramer. Die geplanten neuen Trassen sollen mit Erdkabeln ausgerüstet werden. Im zweiten Quartal dieses Jahres soll das Planungsverfahren bei der Landesdirektion Chemnitz eingeleitet werden.

Während die Stromversorger wegen des bisher schleppenden Netzausbaus vor einem forcierten Ausbau der erneuerbaren Energien warnen, sehen die Lobbyisten für erneuerbare Energien die großen Stromkonzerne in der Pflicht. "Die erneuerbaren Energien sind ein wichtiger Treiber für die Anpassung der Netzinfrastruktur. Gerne vergessen wird dabei allerdings, dass schon vor der Energiewende 2011 erheblicher Investitionsbedarf bestand", sagte Philipp Vohrer, Geschäftsführer der Agentur für Erneuerbare Energien. Die Zahlen sprechen für diese These. Auch der jüngste Monitoring-Bericht der Bundesnetzagentur geht davon aus, dass die meisten der derzeit 24 Leitungsprojekte später als erwartet in Betrieb gehen. Im 2009 verabschiedeten Energieleitungsausbaugesetz waren 1834 neue Leitungskilometer vorgesehen. Realisiert wurden davon erst 214 Kilometer. Für Vohrer ist deshalb jetzt die Zeit reif, die Stromnetze auf die Energiewende auszurichten. "Damit schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe: Modernisierung und Systemwechsel. Beides in einem Zuge zu realisieren, ist volkswirtschaftlich viel günstiger als ein isoliertes Vorgehen", sagte Vohrer.

Lange krankte der zügige Ausbau der Stromtrassen an den unterschiedlichen Konzepten in den einzelnen Bundesländern. Doch im Dezember vergangenen Jahres erklärten sich die Ministerpräsidenten bereit, die Planung der großen Stromautobahnen an den Bund abzugeben. Damit könnte sich der Netzausbau im Zuge der Energiewende beschleunigen. Denn noch sind die Stromnetze in Deutschland ein Nadelöhr der Energiewende.

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