Ein Burger für die Bürger

Auf der Grünen Woche wird nicht nur gegessen, sondern auch über die Ausrichtung der Landwirtschaft geredet. Im Fokus stehen Tier- und Umweltschutz. Antreiber ist dabei nicht die Politik.

Berlin.

Wieder wandern zwei Scheiben in die Pfanne. Es knistert, während die Burger-Pattys im Öl brutzeln. Kurz darauf liegen sie - zwischen Brötchenhälften gepackt, mit Beilagen versehen und geteilt in Probierhälften - auf dem Tresen von Stand 180 in Halle 22a. Hier auf der Grünen Woche in Berlin hat sich der Lebensmittelkonzern Nestlé einquartiert - zwischen McDonald's und einer Münchner Nachwuchsfirma, die eine neue Porridge-Mischung präsentiert. Es wirkt ein wenig wie verkehrte Welt: Am McDonald's-Stand kann man zwar eine virtuelle Restauranttour unternehmen und sich einen Eindruck verschaffen, wie sich die Kette eine nachhaltigere Rinderhaltung vorstellt. Doch zu essen gibt es nichts, abgesehen von Gummibärchen und abgepackten Apfelscheiben. Nebenan bei Nestlé darf dagegen gefuttert werden. Doch die Burgerhälften, die ausgeteilt werden, haben mit dem, was die einschlägigen Fastfoodketten sonst auf die Tisch bringen, außer dem Namen nicht viel gemein.

Der Konzern rührt die Werbetrommel für sein neuestes Erzeugnis: einen veganen Burger. Ein Jahr haben die Produktentwickler daran getüftelt, im April soll er in den Handel kommen. Der "incredible Burger" - der unglaubliche Burger - besteht aus Soja- und Weizeneiweiß, pflanzlichen Ölen und Saftkonzen-traten von Roten Beeten, Karotten und Paprika. Ungebraten schaut er aus wie das Original aus Rindfleisch, in der Pfanne verfärbt er sich braun.

"Wir wollen damit Flexitarier ansprechen - Verbraucher, die ihren Fleischverzehr reduzieren wollen", erklärt Christian Adams, Marketingleiter der Nestlé-Tochter Garden Gourmet. Die Listungsgespräche mit dem Handel liefen gerade, das Interesse sei groß. Doch schmeckt er auch? Nicken in der Runde. Es fühlt sich im Mund an wie richtiges Beef.

Sepp Garnreiter mundet es. "Das kann man schon essen. Zusammen mit Brötchen, Salat, Tomate, Gurke und Soße schmeckt's wie ein richtiger Burger", meint der Mann mit dem Filzhut, ein Rinderzüchter aus Bayern. Ihm wäre ein Burger mit Rindfleisch zwar lieber, doch die Alternative sei auch okay: "Das passt schon." So ändern sich die Dinge.

Auf der Grünen Woche sind die Zeiten, in denen Hersteller marktschreierisch ihre Würste tütenweise unters Volk brachten, ohnehin lange vorbei. Auf der "globalen Marktübersicht der Ernährungswirtschaft mit dem größten Angebot regionaler Spezialitäten", wie die Veranstalter betonen, geht es vielmehr um den Genuss. Und dazu gehört natürlich auch das eine oder andere Stück Fleisch. Carsten Kempe kann davon ein Lied singen. Am Stand der Oederaner Fleischerei Richter sind Haxen und Bratwürste der Renner. Kempe erzählt von Stammgästen aus der Bayern-Halle, die kommen, weil es dort nur Weißwürste gibt. Aber der Bayer wolle halt auch eine richtige Haxe haben, sagt er. Schon am Tag vor dem Messebeginn kommen Bauarbeiter zum Essen. "Es läuft."

Aber Haxe hin oder her - in den Hallen unterm Funkturm geht es natürlich auch um neue Trends. Die Art und Weise, wie Lebensmittel erzeugt werden, wie gut sie sind und wo sie herkommen, scheinen eine immer wichtigere Rolle zu spielen.

Die Grüne Woche bietet dafür die entsprechende Plattform. Die Messe ist schließlich nicht nur die Verbraucherschau, auf der sich die Welt einmal querbeet kulinarisch verkosten lässt, sie ist auch das politische Forum für die Land- und Ernährungswirtschaft. Tradition hat dabei inzwischen auch eine Parallelveranstaltung, die immer am zweiten Messetag in der Stadt über die Bühne geht. Unter dem Motto "Wir haben Agrarindustrie satt" zogen auch an diesem Samstag mehrere Zehntausend Menschen für eine Wende zu mehr Umwelt- und Tierschutz in der Landwirtschaft durch das Berliner Regierungsviertel.

Es sind die gleichen Themen, die auch auf der weltgrößten Agrarschau im Fokus stehen. Die Debatte über die Ausrichtung der Landwirtschaft, hier wird sie geführt - hinter den Kulissen, auf Fachpodien, aber auch auf den Bühnen in den Hallen. So kann man als Besucher eintauchen in die Diskussionen.

Im Erlebnisbauernhof in Halle 3.2, den das Forum "Moderne Landwirtschaft" gemeinsam mit Firmen, Organisationen und Verbänden aus der Agrarbranche auf die Beine gestellt hat, um vor allem für die herkömmliche Landwirtschaft zu werben, ist das Thema einer Podiumsdiskussion: Wie lässt sich das Tierwohl in der konventionellen Landwirtschaft stärken?

Ralph Dausch, Geschäftsleiter Fleischwaren bei Kaufland, hat darauf eine Antwort. Die Handelskette arbeitet inzwischen selbst mit Landwirten zusammen, die wiederum für die Einhaltung bestimmter Tierwohlkriterien mehr Geld bekommen. Kaufland vertreibt die Produkte unter der Marke "Wertschätze". 40 Prozent mehr Stallfläche, mehr Stroh und Auslauf für die Tiere sowie Ställe mit offener Front gehörten zu den Kriterien, berichtet Dausch. Damit das in der Praxis funktioniert, schickt die Kette eigene Mitarbeiter auf die Höfe.

So gut das für die Tiere sein mag - Walter Heidl, Vizepräsident des Deutschen Bauernverbandes, hat dennoch ein Problem mit dem Kaufland-Vorstoß: "Es passt doch nicht zusammen, dass man die Wertigkeit von Fleisch verbessern will und zugleich jede Woche Schleuderangebote macht", wirft Heidl in die Runde. Dausch kontert: "Wir befinden uns im Wettbewerb und haben verschiedene Angebotsformen. Aber wir wollen Schritt für Schritt mehr schaffen in Sachen Tierwohl", sagt er. Der Kunde frage höherwertiges Fleisch konsequent nach, aus Tierschutz-, aber auch aus Genussgründen. Das sei ein klarer Trend, meint der Manager und fügt hinzu: "Das geht aber nicht von heute auf morgen." Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, schimpft derweil auf die Bundesregierung: "Das Ordnungsrecht ist so schlecht, dass der Handel allein für das Tierwohl losziehen muss."

Vor zwei Jahren hatte der damalige Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt die Pläne für ein staatliches Tierwohllabel vorgelegt. Es sollte freiwillig für Landwirte sein, die ihre Investitionen entsprechend honoriert bekommen. Vor einem Jahr erklärte der CSU-Politiker, dass der Entwurf dafür in der Schublade liege. Seine Nachfolgerin Julia Klöckner (CDU) muss nun weiter um Geduld bitten: Ein Gesetzentwurf für ein dreistufiges Kennzeichen ist gerade zur Notifizierung nach Brüssel gegangen. Die genauen Kriterien müssten aber erst noch erarbeitet werden. 2020 sollen die ersten Produkte mit dem staatlichen Siegel im Handel liegen, lautet die Zielvorstellung im Hause Klöckner.

Manager Dausch will bis dahin das Tierwohl-Angebot bei Kaufland längst weiter ausgebaut haben. Und er steht damit in der Branche nicht allein da. Der Discounter Aldi hat gerade erst eine Kooperation mit der Bauernvereinigung Neuland, einem Pionier in Sachen Tierwohl, vereinbart. Aldi und Lidl arbeiten seit Jahren mit dem Tierschutzbund zusammen, vermarkten Produkte mit dessen zweistufigem Tierwohllabel. Der Einzelhandel hat mittlerweile eine treibende Rolle eingenommen. Auf der Grünen Woche lässt sich das nachvollziehen: Kaufland ist zum ersten Mal mit einem eigenen Stand vertreten. Unter dem Slogan "Schon probiert" werden Kostproben der neuen Marke "Wertschätze" verteilt: Rind und Schwein vom Grill, Wiener Würstchen und Knacker. Doch den Handelsunternehmen geht es nicht nur ums Tierwohl, sondern insgesamt um eine bessere, naturnähere Landwirtschaft.

Kein Wunder also, dass Jan Bock, Einkaufsleiter bei Lidl, gemeinsam mit Bioland-Chef Jan Plagge und Bio-Bauer Konrad Stöger auf dem Podium sitzt. Der Discounter vermarktet seit Oktober Produkte mit dem Siegel des Anbauverbandes, der von seinen Landwirten deutlich mehr verlangt, als das EU-weite Biosiegel vorschreibt. 50 verschiedene Artikel sind bereits gelistet. In den nächsten Monaten sollen weitere folgen. Apfelmus und Apfelsaft etwa. Lidl hat sich dabei verpflichtet, die Erzeugnisse nicht als Angebotsware zu verkaufen. "Wir sind damit Schritte gegangen, die nicht einfach waren für uns", sagt Bock. "Doch mit Bioland sind wir deutlich näher am Verbraucher dran."

In der Öko-Bewegung fremdelt noch so mancher mit derartigen Kooperationen. In den Diskussionen wird nachgehakt, ob das denn wirklich richtig sei. Von Tierschutzbund-Chef Thomas Schröder kommt ein klares Ja: "Wenn man in die Breite will, braucht man starke Handelspartner." Auch Bio-Bauer Stöger hat damit kein Problem: "Es gibt Käufergruppen, die gehen nur in den Discounter, und die dürfen wir nicht ausschließen."

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