IG Metall will im Osten endlich die 35-Stunden-Woche

14 Jahre nach einem verlorenen Arbeitskampf wagt die Gewerkschaft einen neuen Anlauf. Seit damals hat sich vieles geändert.

Chemnitz.

Olivier Höbel hat eine nicht gerade leichte Aufgabe vor sich. Der Leiter des IG-Metall-Bezirkes Berlin-Brandenburg-Sachsen will bei den Tarifverhandlungen im kommenden Jahr erreichen, dass die Arbeitszeit in den ostdeutschen Betrieben von derzeit 38 auf 35 Wochenstunden sinkt. Damit beschäftigt sich auch eine Arbeitszeitkonferenz der IG Metall heute im baden-württembergischen Mannheim.

Die 35-Stunden-Woche hat eine lange Biografie in der Metall- und Elektroindustrie. Im Westen Deutschlands wurde darüber erstmals in den 1970er-Jahren debattiert, 1995 wurde sie schließlich eingeführt. Im Osten hatte sich die Gewerkschaft 2003 daran versucht - und war nach vierwöchigem Streik gescheitert. Es war die bitterste Niederlage, die die Gewerkschaft in einem knappen halben Jahrhundert erlitten hat. Die Funktionäre waren ratlos und auch die Basis. Konnte man einfach so weitermachen? Wie sollte man mit Kollegen umgehen, die noch vor kurzem als Streikbrecher attackiert worden und nun recht behalten hatten? Der damalige Bundeschef Klaus Zwickel trat wegen des verlorenen Arbeitskampfes - und aus internen Personalquerelen - zurück.

Olivier Höbel aber ist entspannt. "Die Zeiten haben sich geändert", sagte der 60-Jährige. Er ist weniger kämpferisch als in früheren Zeiten, thematisiert stattdessen die Chance durch eine Arbeitszeitverkürzung - für Arbeitgeber und Arbeitnehmer. 2003 war die Arbeitslosigkeit hierzulande noch hoch; wer Arbeit hatte, war froh darüber und wollte sie sich nicht verscherzen. Außerdem gab es damals nur wenige mit IG-Metall-Mitgliedsbuch. Mittlerweile sind die Belegschaften selbstbewusster geworden. Sie wissen um die niedrige Arbeitslosigkeit, ihre hohe Produktivität und die Demografie. Schon junge Leute in der Lehre oder nach dem Studium legen Wert auf Mitbestimmung.

Deutlich anspruchsvoller sind aber auch die Arbeitsbedingungen in Werkhallen und Büros geworden: Arbeitsverdichtung, größerer Erfolgsdruck, viele Überstunden, Wochenendarbeit, Rollende Woche. "Älter werdende Belegschaften halten diesen harten Rhythmus nicht mehr so durch", meint Höbel. Denn neben dem Job stehen noch Weiterbildungen an, Pflege von Familienmitgliedern oder die Erziehung kleiner Kinder. Für viele junge Leute ist nicht mehr ein Top-Gehalt, sondern sind die weichen Faktoren eines Jobs maßgeblich. "In unserem Bezirk haben wir die Arbeitszeitdebatte in den letzten fünf Jahren intensiv geführt", meint Höbel. Heißt: Von der Basis kommt Druck! Ein schneller Erfolg ist aber nicht in Sicht. "Man kann den Hebel nicht von heute von 38 auf morgen 35 Stunden umlegen", meint der Bezirkschef. Angestrebt werden deshalb unterschiedliche Geschwindigkeiten der Einführung und auch Öffnungsklauseln. "Wir stellen uns das so vor, dass man im Modell der unterschiedlichen Geschwindigkeiten einen Rahmen vorgibt." Die Gewerkschaft will deshalb mit den Arbeitgebern "vernünftige Regelungen zur Differenziertheit" finden.

Diese halten sich ob des frühen Zeitpunktes der Debatte noch bedeckt. "Angesichts wachsender Herausforderungen gilt es für die Tarifpartner die richtigen Antworten zu finden, um Arbeitsplätze sicher zu gestalten und den soliden Beschäftigungsaufbau der vergangenen Jahre nicht zu gefährden", heißt es beim Verband der Sächsischen Metall- und Elektroindustrie. Dazu gehöre auch ein entsprechendes Arbeitszeitvolumen, das die internationale Wettbewerbsfähigkeit mitsichere.

Für den Wirtschaftswissenschaftler und Arbeitsökonomen Heinz-J. Bontrup geht die IG Metall allerdings nicht weit genug. Er fordert eine generelle Arbeitszeit von 30 Stunden: "Mit einer 30-Stunden-Woche bei vollem Lohn- und Personalausgleich könnte die Massenarbeitslosigkeit beseitigt werden." Die Gesellschaft spare damit jährlich rund 50 Milliarden Euro.

 

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2Kommentare
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    Zeitungss
    27.06.2017

    Arbeitgeber haben auch einen Leitsatz, welcher lautet, selber fressen macht dick. Ich fürchte, in der "sozialen" Marktwirtschaft ist es genau das, was diese Leute am Leben erhält und ist im Osten besonders ausgeprägt. In den gebrauchten Bundesländern hat der AN nun einmal bessere Karten, was sich in absehbarer Zeit nicht ändern wird (darf).

  • 1
    2
    gelöschter Nutzer
    27.06.2017

    Ja gut und schön! Wenn ich aber drei Stunden weniger arbeite (pro Woche), habe ich weniger Lohn. Auf Lohnausgleich würde ich mich da nicht verlassen. Die Arbeitgeber finden mit Sicherheit eine Begründung, um diese 3 Stunden nicht bezahlen zu müssen, und wenn es um Geld geht hört bekanntlich die Freundschaft auf. Da werden eben Nacharbeit etc. ERFUNDEN um die Stunden zu ergänzen. Die Gewerkschaft freut sich dann über den (imaginären) Lohnabschluß, und der kleine Mann an der Werkbank hat im Endeffekt weder mehr Geld in der Tasche, noch mehr Freizeit. Wir im sogenannten Osten waren, sind und bleiben die Angeschissnen der Nation. Egal ob mit oder ohne Gewerkschaft.



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