Insolvenz überrascht Germania-Kunden

Die Zahlungsunfähigkeit der Fluggesellschaft reißt am Flughafen Dresden eine kaum zu schließende Lücke. Leipzig, Prag und Berlin könnten von der Pleite profitieren.

Dresden.

Flugnummer ST 3167 landete am Montagabend überpünktlich um 22.15 Uhr. Was die Passagiere der Germania, die aus dem ägyptischen Badeort Sharm El Sheik nach Dresden heimkehrten, nicht wissen konnten: Es war der letzte Flug, den diese Gesellschaft vorläufig in die sächsische Landeshauptstadt durchführte. Urlauber, die gestern um 12.35 Uhr nach Hurghada oder um 13.20 Uhr nach Funchal (Madeira) starten wollten, hatten weniger Glück. Sie erhielten um 5.21 Uhr eine Mitteilung über die "ersatzlose Stornierung" ihrer Flüge. Die Germania hatte in der Nacht auf Dienstag ihren Flugbetrieb eingestellt und beim Amtsgericht Berlin-Charlottenburg den Antrag auf die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens gestellt.

Dresden zählt zu den Standorten, die von der Airline-Pleite am stärksten betroffen sind. Nach dem Ausfall der Air Berlin und früheren Kurzgastspielen der Cirrus, OLT Express, Etihad Regional oder Jet Air wuchs die Berliner Airline zu einer stabilen Größe. Germania hatte in Klotzsche drei Maschinen stationiert, im Sommerflugplan sollte eine vierte hinzu kommen. Im Winterflugplan bediente die Germania mit 23 wöchentlichen Starts elf Ziele rund um das Mittelmeer, Kanaren und Azoren, im Sommer dieses Jahres sollten 21 Ziele mit 47 Starts pro Woche angesteuert werden.

Neben der Liniengesellschaft Lufthansa war die Germania im Touristikbereich zum wichtigsten Anbieter in Dresden aufgestiegen. Reiseveranstalter und Kunden lobten Pünktlichkeit und Service. Die grün-weißen Jets ließen in Deutschland kaum einen Regionalflughafen aus, scheuten nicht exotische Ziele wie Erbil im Irak, Kittilä (Finnland), Beirut (Libanon) oder Teheran (Iran), verbanden Dresden nonstop mit Keflavik (Island), Bastia (Korsika) oder St. Petersburg. Doch ungünstige mitternächtliche Flugzeiten wie nach St. Petersburg kamen bei der Kundschaft nicht an. Schwache Auslastung und hohe Kerosinkosten auf langen Strecken wie nach Ägypten trieben die Kosten hoch. Die finanzielle Überforderung in einem hart umkämpften Umfeld war absehbar, doch am Tag der Pleite zeigten sich die Flughafen-Manager stark betroffen. Für die Mitarbeiter sei die Insolvenz ein "schwerer Schlag" sagte Götz Ahmelmann, Chef der Mitteldeutschen Flughafen AG. Mit Germania verliert Dresden den letzten großen mittelständischen Anbieter, der nur schwer ersetzt werden kann. Leipzig, Sitz der Flughafen AG, bleibt dagegen von den Folgen verschont. In der Messestadt ist die Germania nicht vertreten und Condor mit drei stationierten Airbus A321 der größte Ferienflieger. Auch TUI Fly startet nach Ägypten und auf die Kanaren.

Hektische Aktivitäten löste das Germania-Ende bei den Reiseveranstaltern aus. "Wir wollen unseren Kunden Alternativen anbieten, aber die gehen richtig ins Geld", sagt Uwe Lorenz, Geschäftsführer von Eberhardt Travel. Umbuchen: das heißt Flüge von Leipzig, Berlin oder Prag anzubieten, inklusive Transfer. Bis Oktober hatte der Dresdner Gruppenreise-Veranstalter 600 Tickets bei Germania gebucht, hinzu kommen drei Charterflüge mit 450 Passagieren nach Rom und Sardinien, für die nun neue Airlines gefunden werden müssen.

Dresden setzt nun auf die Bemühungen der Reisebranche, die die Folgen der Pleite für betroffene Pauschalurlauber abmildern können. Die Hoffnung auf Ersatz für die Germania ist gering. Die Lufthansa beherrscht mit ihrer Tochter Eurowings den Markt und stellt mit fünf täglichen Flügen zu den Drehkreuzen Frankfurt und München die Verbindungen auch in touristische Ziele her. Easyjet kann die Lücke nicht schließen. Der Billiganbieter startet von Dresden nur nach Basel. Noch schwerer hat es ein Flughafen wie Erfurt. Hier wird es künftig sehr ruhig zugehen, denn die Germania deckte 70 Prozent des Flugverkehrs ab. "Das ist ein erheblicher Einschnitt", beschreibt Pressesprecher Hans-Holm Bühl die Folgen auch für die Airport-Besitzer, das Land Thüringen (90 Prozent) und die Stadt Erfurt. Hart sind die Einschnitte auch für Rostock und Nürnberg, wo die Germania 29 Ziele im Angebot hatte. In Rostock-Laage hatte die Gesellschaft einen Passagieranteil von 46 Prozent.

Kommentar: Die Verlierer des Wachstumsmarktes

Von Klaus Dieter Oehler

Wieder einmal sind für tausende Flugreisende die Urlaubsträume geplatzt. Besonders schlimm hat es die Urlauber getroffen, die am Dienstagmorgen noch mit der Fluggesellschaft Germania in den Süden fliegen wollten - nichts geht mehr bei den Berlinern. Diejenigen, die ihre Tickets direkt bei der Fluggesellschaft gekauft haben, werden leer ausgehen, Urlaub ade. Aber auch für diejenigen, die einen Reiseveranstalter eingeschaltet haben, ist die Urlaubsfreude zumindest getrübt. Einige von ihnen werden Ersatz bekommen, andere müssen mit dem heimischen Schmuddelwetter klarkommen. Die Konkurrenten sind bemüht, das durch die Streiks und Verspätungen angekratzte Image der Branche nicht noch mehr leiden zu lassen und bieten den Reisenden Hilfe an.

Die Pleite von Germania zeigt darüber hinaus, dass auch im Wachstumsmarkt Luftfahrt nicht alle nur Gewinner sein können. Welche Fehler bei der Berliner Fluggesellschaft begangen wurden, muss noch genau analysiert werden. Der Hinweis auf steigende Kerosinkosten oder die Schwäche des Euro gegenüber dem US-Dollar, den die Gesellschaft jetzt präsentiert, kann die Misere allein nicht erklären. Ähnlich wie Air Berlin, die 2017 in die Pleite stürzte, wollte offenbar auch Germania zu schnell zu viel. Natürlich war durch das Verschwinden der Nummer Zwei in Deutschland eine Lücke frei geworden. Doch da hatten sich schon andere schneller breitgemacht, die Lufthansa mit ihren Ablegern oder Easyjet und Ryanair von der Insel.

Natürlich ist die Insolvenz von Germania auch ein Verlust für die Beschäftigten, für viele von ihnen ist es die zweite Insolvenz hintereinander, da sie von Air Berlin zu Germania gezogen waren. Der Wegfall der letzten von großen Konzernen unabhängigen Gesellschaft ist auch ein Tiefschlag für einige der "kleineren" Flughäfen wie Münster/Osnabrück, Bremen, Dresden oder Erfurt, die dadurch den direkten Zugang zu den großen Drehkreuzen in Frankfurt oder München verlieren oder ihn nur noch eingeschränkt haben werden. Gerade die regionale Verteilung macht auch in einem so dicht besiedelten Land wie Deutschland Sinn, wenn das Flugzeug eine Alternative zum Straßenverkehr sein soll.

Air-Berlin-Gründer Joachim Hunold, so heißt es, wollte Germania in letzter Minute noch retten, angeblich, um die Konkurrenzsituation zum Vorteil der Kunden zu sichern. Konkurrenz aber gibt es genug. Die Preisspirale nach unten hat nur auf den ersten Blick Vorteile für die Kunden. Nur gesunde und gut aufgestellte Anbieter können da auf Dauer mithalten. Zwei Wochen Mallorca für 99 Euro inklusive Hotel und Flug sind selbst in der Nebensaison für die Anbieter nicht kostendeckend. Daran sollte man denken, bevor man sich auf das neueste Superschnäppchen stürzt - sonst sitzt man im Zweifel am Ende auf gepackten Koffern und schaut in die Röhre.

Was Germania-Kunden jetzt beachten müssen

Stefanie Siegert ist Juristin und arbeitet als Referentin für Recht der Verbraucherzentrale Sachsen. Mit ihr hat Susanne Plecher gesprochen.

Was müssen Germania-Kunden jetzt machen, die ihren Flug mit einem Pauschalreiseanbieter gebucht haben?

Sie sollten sich schnellstmöglich an ihn wenden und ihre Ansprüche geltend machen. Im Falle einer Insolvenz des Reiseveranstalters ist der Verbraucher durch einen Sicherungsschein abgesichert. Einen solchen Insolvenzschutz gibt es bei einer separaten Flugbuchung nicht. Der Kunde genießt demnach keinen Insolvenzschutz. Hat der Verbraucher eine Pauschalreise gebucht ist der Reiseveranstalter für die Ersatzbeförderung verantwortlich.

Was ist dabei konkret zu beachten?

Kunden machen ihre Ansprüche am besten nachweislich geltend, das heißt mit Einwurfeinschreiben oder Einschreiben mit Rückschein. Sie teilen darin mit, dass sie von der Zahlungsunfähigkeit betroffen sind, und setzen ihrem Anbieter eine Frist, innerhalb derer sie sich eine Information erbeten.

Was raten Sie Passagieren, die ihren Flug direkt bei der Germania gebucht haben?

Das ist leider die ungünstigste Variante, denn bei Individualreisen gibt es diesen gesetzlich vorgeschriebenen Sicherungsschein nicht. Diese Kunden sind also nicht gegen den Ausfall des Fluges abgesichert. Wir hatten das schon bei der Pleite von Niki-Air und Air-Berlin. Kunden stehen immer wieder vor diesem Problem.

Das heißt, sie bleiben auf den Kosten ersatzlos sitzen?

Nicht direkt. Insofern das Insolvenzverfahren eröffnet wird, können Verbraucher Ihre Forderungen zur Insolvenztabelle anmelden. Im Vorhinein wird der Ticketpreis sehr wahrscheinlich nicht erstattet. Ob und wann betroffene Passagiere ihr Geld bekommen, steht also in den Sternen.

Wird ihr Anspruch automatisch auf der Insolvenztabelle eingetragen oder müssen sie sich selbst darum kümmern?

Das müssen sie aus eigenen Stücken tun. Üblicherweise findet man auf der Website des insolventen Unternehmens ein Schreiben des Insolvenzverwalters zum weiteren Vorgehen. Dort erfahren Kunden, wann, wo und wie sie ihre Forderung anmelden können.

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