VW erwartet nach gutem Jahr harte Belastung

Die Unsicherheit ist groß, die Produktion wird heruntergefahren: VW muss auch in Europa wegen der Coronakrise vorerst die Notbremse ziehen. Dabei soll 2020 das große Jahr des Durchbruchs in der E-Mobilität werden. Lässt sich der Plan noch durchziehen?

Wolfsburg (dpa) - Die Coronakrise wird für die Hauptmarke des VW-Konzerns inmitten des Hochlaufs der E-Mobilität in diesem Jahr zu einer schweren Belastungsprobe.

2019 konnten die Geschäftszahlen weiter verbessert werden. Neben den geplanten Milliardeninvestitionen in neue Elektromodelle muss sich der Hersteller nun aber parallel auf drohende Belastungen durch die Folgen der Pandemie einstellen.

«Wir werden alles tun, um unsere Mitarbeiter zu schützen und unser Geschäft zu stabilisieren», erklärte Finanzvorstand Alexander Seitz am Mittwoch in Wolfsburg. «Wie groß die Auswirkungen sind, können wir heute noch nicht abschätzen.» Auch für die Volkswagen-Kernsparte sei jedoch schon absehbar: «Die Coronakrise ist beispiellos und wird ohne Zweifel einen Einfluss auf die Geschäftsentwicklung haben.»

Alle deutschen sowie zahlreiche weitere europäische Fabriken von VW-Pkw und auch Standorte der konzerninternen Zuliefersparte sollen ab Donnerstagabend vorsichtshalber für zunächst mindestens zehn Tage schließen. Ziel ist es, die Gefahr weiterer Ansteckungen mit dem Sars-CoV-2-Virus zu senken. Es gibt inzwischen auch Infektionen von Mitarbeitern. Hinzu kommen mögliche Engpässe bei Zulieferern, nachdem die Lieferketten bislang noch relativ stabil waren.

Einen genaueren Ausblick auf die kommenden Monate wagt VW nicht. Am Dienstag hatte Konzernfinanzchef Frank Witter für die gesamte Gruppe erklärt: «Wir wissen nicht, was von der Prognose 2020 übrig bleibt.» Man wolle das Jahr «aber nicht komplett abschreiben». Die Werke in China seien auf einem guten Weg, doch eine verlässliche Vorhersage sei dazu «aktuell schlichtweg unmöglich». Konzernchef Herbert Diess sagte, die finanziellen Risiken ließen sich noch nicht abschätzen. Bei der Lkw-Tochter MAN wurde Kurzarbeit in Deutschland beantragt.

Auch andere Autobauer zogen die Reißleine, um ihre Beschäftigten vor möglichen Infektionen zu bewahren. Daimler setzt den Großteil seiner Produktion in Europa für zuerst einmal zwei Wochen aus, BMW für vier Wochen. Opel fährt die Fertigung bereits kontrolliert herunter.

Das vergangene Geschäftsjahr war für die Autos mit dem VW-Emblem noch gut verlaufen. Trotz Konjunkturabkühlung in vielen Ländern legte der Betriebsgewinn vor Sondereinflüssen wie Diesel-Altlasten von 3,2 auf 3,8 Milliarden Euro zu. Der Umsatz stieg um 4,5 Prozent auf 88,4 Milliarden Euro, die Marke verkaufte knapp 6,3 Millionen Fahrzeuge.

Geschäftsführer Ralf Brandstätter erwartet nun schwierigere Zeiten: «2020 stehen wir vor großen Herausforderungen, insbesondere vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie.»

Die Aussichten für Europas Auto-Gesamtmarkt schätzen Branchenexperten derzeit als düster ein. Nach zwei starken Rückgängen der EU-weiten Neuzulassungen um 7,5 Prozent im Januar und noch einmal 7,4 Prozent im Februar geht etwa die Beratungsfirma EY von drastischen Rückgängen auch in naher Zukunft aus. «Der März wird sehr schwach werden, im April wird der Neuwagenmarkt praktisch zum Erliegen kommen», hieß es.

Ungeachtet der Unsicherheit will VW den Ausbau der E-Flotte in diesem Jahr vorantreiben. Neben dem ID.3, der trotz Software-Verzögerungen ab dem Sommer an die Kunden gehen soll, steht der Elektro-SUV ID.4 als direktes Folgemodell im Zeitplan. In fünf Jahren sollen mindestens 1,5 Millionen E-Autos abgesetzt werden. Die massiven Investitionen sind auch nötig, um die verschärften EU-Grenzwerte für CO2-Emissionen einhalten zu können.

Der Anteil von SUVs ist bei den VW-Verkäufen in Europa auf über 37 Prozent gewachsen, Autohersteller verdienen viel Geld mit den oft auch kritisch gesehenen Stadtgeländewagen. Gut lief zuletzt vor allem aber der kleinere Tiguan. Es sind auch weitere Hybridmodelle geplant.

Bei seinem Spar- und Umbauprogramm «Zukunftspakt» erreichte VW bis Ende 2019 nun 2,7 von den insgesamt 3 Milliarden Euro an geplanter Kostensenkung. Rund 10 900 Stellen wurden abgebaut, 4500 neue in Zukunftsbereichen wie E-Antrieben und Digitalisierung aufgebaut. Vor allem IT-Experten haben gute Chancen.


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