Siemens im Kreuzfeuer der Kritik wegen Bergwerks-Lieferung

Der Münchner Industriekonzern will trotz aller Kritik an einem Auftrag für ein riesiges Kohlebergwerk festhalten. Klimaaktivisten lassen nicht locker und protestieren - auch für das Aktionärstreffen Anfang Februar sind Demonstrationen geplant.

München (dpa) - Umweltschützer laufen weiter Sturm gegen die Entscheidung von Siemens, an der Lieferung einer Zugsignalanlage für ein umstrittenes Kohlebergwerk in Australien festzuhalten.

Die Klimaaktivisten von Fridays for Future demonstrierten am Montag in zahlreichen Städten. Zudem kündigten sie Proteste für die Siemens-Hauptversammlung am 5. Februar an. Bis Montagabend waren einer Sprecherin zufolge insgesamt 15 Demonstrationen gegen das Dax-Unternehmen geplant.

Vor der Münchner Siemens-Zentrale trafen sich rund 100 Demonstranten - unter anderem zu einem sogenannten «Die-in», bei dem sich die Protestierenden wie tot auf den Boden legten. Die Aktionen waren laut Fridays for Future nach der Siemens-Entscheidung kurzfristig organisiert worden.

Grünen-Chefin Annalena Baerbock sagte, sie habe sich ein anderes Signal erhofft - auch, weil das Auftragsvolumen für Siemens relativ gering sei. Der Konzern hätte sich «rausverhandeln» oder Vertragsstrafen in Kauf nehmen können, «weil der Rufschaden, der jetzt mit dieser Entscheidung einhergeht, wesentlich größer ausfallen dürfte».

Siemens-Chef Joe Kaeser hatte am Sonntagabend nach einer erneuten Prüfung verkündet, am Auftrag des Industriekonzerns Adani festhalten zu wollen - trotz heftiger Kritik. Er begründete dies unter anderem damit, dass Siemens zu seinen vertraglichen Pflichten stehen müsse. Siemens will als Konsequenz aus der Debatte ein Nachhaltigkeits-Komitee einrichten, das problematische Projekte stoppen soll.

Noch am Freitag hatte sich der Spitzenmanager mit der Fridays-for-Future-Aktivistin Luisa Neubauer getroffen. Diese kritisierte die Entscheidung am späten Sonntagabend als «unentschuldbaren Fehler». «Auf diesen Vertrag zu pochen, während Australien brennt und alle Konsequenzen für Mensch und Umwelt bekannt sind, ist Wahnsinn», sagte sie.

Das Bundesumweltministerium wollte den konkreten Fall nicht kommentieren. Die Unternehmenswelt könne und müsse aber daraus lernen, dass es ein Frühwarnsystem brauche, sagte ein Sprecher. «Wer mit dem Wissen von heute in fossile Infrastruktur investiert, riskiert, morgen zu den Verlierern zu gehören.»

Die Gesellschaft für bedrohte Völker widersprach der Darstellung von Siemens-Chef Kaeser, dass die indigenen Wangan und Jagalingou, deren Land vom Projekt betroffen ist, zugestimmt hätten. «Da scheint Herr Kaeser schlecht informiert worden zu sein», sagte Yvonne Bangert von der Gesellschaft: «Eine Zustimmung, die der UN-Deklaration über die Rechte indigener Völker genügt, liegt unseres Wissens nicht vor.» Auch aus Australien kam Kritik: Der «schändliche» Beschluss ruiniere das Image von Siemens, kritisierte die Australian Conservation Foundation.

«Siemens steckt in einem Konflikt, der nur schwer aufzulösen ist», sagte Hagen Reimer, IG-Metall-Vertreter im Siemens-Aufsichtsrat. «Neben der Verantwortung gegenüber den Beschäftigten muss der Konzern auch verantwortungsvoll in gesellschaftlichen Fragen handeln.» Hier müsse die richtige Balance gefunden werden. «Wir begrüßen deshalb den Vorschlag von Siemens-Chef Kaeser, ein eigenes Gremium zur Abwägung von Nachhaltigkeitsfragen zu schaffen.»

Ein Stück weit in Schutz genommen wurde Kaeser von Aktionärsschützerin Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). «Nachdem der Auftrag unterschrieben wurde, muss sich der Konzern daran halten und vertragstreu bleiben», sagte sie der «Rheinischen Post» (Dienstagsausgabe). Allerdings hätte der Konzern bereits bei der Vertragsunterzeichnung «eine kritischere Haltung zu den Umweltfragen haben können.»

Grundsätzlich müssten sich alle Betriebe ansehen, wozu ihre Produkte verwendet würden, sagte Bergdolt. «Das kann für die deutsche Wirtschaft international zu Einbußen führen, da die Aufträge dann vermutlich von Konkurrenten übernommen werden. Andererseits ist die deutsche Industrie innovativ genug, um Lösungen anzubieten, die den Umwelt- und Klimaschutz integrieren.»

Der indische Energiekonzern Adani will in Australien eines der größten Kohlebergwerke der Welt errichten und hält daran ungeachtet der seit langem anhaltenden Proteste fest. Der Bau sei voll im Gange, sagte eine Sprecherin. «Wir lassen uns nicht einschüchtern oder davon abhalten, unsere Versprechen einzulösen - für die Menschen in Queensland, die Australier und die Menschen in Entwicklungsländern, die dringend bezahlbare Energie brauchen, um ihnen zu helfen, der Armut zu entkommen.»

7Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 2
    0
    Zeitungss
    15.01.2020

    GRÜN und Realität passen nun einmal nicht zusammen, was die roten Däumchen zum Ausdruck bringen. Was die Ausrüstung der Strecke (Hafenzubringer) durch Siemens mit Sicherungstechnik in manchen grünen Hirn auslöst, zeigt die Münchner Aktion eindeutig. Ein klarer Blick auf die Realität ist dank der Medien nicht immer möglich, was gehegt und gepflegt wird. Diese Strecke dient nicht nur dem Kohletransport, was allerdings hier nicht ins Konzept der allgemeinen Klimahysterie passt.
    Es gibt genug europäische und weltweite Hersteller, welche den Siemensauftrag gerne erledigen.

  • 4
    2
    OlafF
    14.01.2020

    Wie weit reichen diese Übertreibungen eigentlich noch? Damit schafft man das wirkliche neue Unwort des Jahres: "Made in Germany" !
    Hier droht das selbe finanzielle Chaos wie in rot/grün regierten Städten, nun für die Industrie. Mit Ökonomie oder sozialer Marktwirtschaft hat das nichts mehr zu tun...Von welcher Wertschöpfung sollen den eigentlich die Umgestaltung der Wirtschaft zu mehr Ökologie finanziert werden, wenn nicht einmal der Aufbau moderner Steuer und Regeltechnik gestattet sei. Mit welcher Arroganz setzen sich diese doppelmoralischen Vielflieger eigentlich darüber hinweg, dass den Menschen in den Entwicklungsländern zumindest ein Bruchteil ihrer Lebensqualität zusteht.

  • 2
    2
    Lesemuffel
    14.01.2020

    Die Hiebe gegen die deutschen Schlüsselindustrien gehen leider munter weiter. Einstellung Kernenergie - Forschung, Abbau Braunkohleverdtromung, Schlag gegen Daimler, nun ist Siemens an der Reihe. Wie lange hält der Wirtschaftsstandort Deutschland das durch? Man muss aber wissen, wenn die deutsche Industrie wankt, fließt auch weniger Geld in die EU. Welches Land kann dann für GB und D in die Bresche springen? Ansonsten wird es knapp mit den Finanzen zur Verteilung.

  • 4
    2
    Zeitungss
    14.01.2020

    Was kommt hier noch. Die Fa. Siemens rüstet eine Bahnstrecke mit Signaltechnik aus, auf welcher a u c h Kohletransporte durchgeführt werden. Kontrollieren diese Phantasten auch was auf deutschen und europäischen Stecken transportiert wird ? Es sind nicht wenige Kohletransporte dabei. Hersteller für Signalanlagen gibt es in Europa viele, wenn diese jetzt den Zustimmungssegen der Grünen brauchen um ihr Geschäft zu erledigen, läuft etwas gewaltig schief, von Normalität sind wir bekanntlich weit entfernt. Den Protestlern kann ich nur wünschen, dass wenigstens die benutzten Klebestreifen halten, was ein Klebestreifen an Haltbarkeit verspricht. Die vorhergehenden Kommentare gehen etwa in die gleiche Richtung, was nicht verwunderlich ist.

  • 6
    1
    Nixnuzz
    13.01.2020

    Man muss ja Hrn. Kaeser nicht unbedingt mögen, aber er hat es in dieser Situation richtig gemacht. Sicherlich wäre der Wert des austr. Auftrages von weniger als 20Millionen € beim Gesamtwirtschaftsvolumen von 80Milliarden € für die Firma verschmerzbar. Aber zum einen wurde Hr. K. erst von aussen auf diesen Auftrag aufmerksam, der von dem produzierenden Fachbereich in üblicher Eigenregie und dieser Betriebsebene abgeschlossen wurde. Keine Ahnung was hinter den Kulissen nachbereitet wurde und welche flankierenden Regeln für zukünftige Projekte aufgestellt wurden. Zum anderen war die Vertragstreue für die Gesamtfirma gegenüber diesem und anderen, zukünftigen Vertragspartnern und damit Auftragsgebern entscheidend. Von ökologisch-abgelehnten Aufträgen werden wir über die Medien wohl dann nix mehr erfahren...

  • 12
    5
    Freigeist14
    13.01.2020

    So verschiebt sich der Kompass : Anstatt gegen die deutschen Rekordausfuhren an Rüstungsgütern in alle Krisenregionen der Welt zu protestieren ( Siemens vielleicht auch ?) werden bei der friedlichen Nutzung der Kohle alle Register gezogen . Die Ressourcen - Verschwendung für Militärtechnik scheint nicht zu interessieren .

  • 10
    5
    Lesemuffel
    13.01.2020

    Hr. Kaeser hat alles richtig gemacht. Wenn Siemens die Steuerung nicht liefert, springt ein anderer Lieferant an. Es ist heute nicht mehr einfach, in Deutschland Unternehmer zu sein. Selbst diese Göre, noch nie gearbeitet, sich nicht fragen müssen, ob am Monatsende noch genügend Geld für die Familie da ist, aber durch die ganze Welt jetten, maßt sich an, in der Wirtschaft und im fernen Australien mitreden zu müssen. Der Klimawandel war, ist und wird nicht dadurch gestoppt, indem man D. deindustrialisiert und den Markt der ausländischen Konkurrenz überlässt. Er geht weiter, wie seit Existenz unserer Erde. Seit die Menschen die Erde allergings bewohnen, hat der Umweltschutz, der Schutz des Regenwaldes Priorität. CO2 gehört zur Erde, wie der Sauerstoff. Die ausl. Konkurrenz wartet einfach, welche Lücken der Wahn in Deutschland reißt, um dann sofort einzuspringen. Zu Lasten unseres Wohlstands und unserer Zukunft.



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