Studie: Bürokratie größte Hürde bei Start in die Selbstständigkeit

In Deutschland eine eigene Firma zu gründen kostet Zeit und Nerven. Gesetzliche Vorgaben sind dabei nicht das einzige Hindernis, das es zu überwinden gilt.

Chemnitz.

Mehr als 29 Jahre hat Peter Luthe seinen Fachbetrieb für Bauwerkstrockenlegung geführt. Doch jetzt wollte der 64-Jährige etwas kürzer treten und seine Nachfolge regeln. Für das kleine Chemnitzer Unternehmen mit fünf Beschäftigten keine einfache Sache. "Ohne die Akzeptanz der Mitarbeiter funktioniert solch ein Übergang nicht", ist Luthe überzeugt. Nach reichlicher Überlegung entschied er sich für seinen Mitarbeiter Nils Schwäbe, der immer einen guten Draht zur Kundschaft entwickelt hatte.

Für den 35-jährigen Schwäbe war dieser Schritt wie eine Neugründung. "Die Bürokratie, die damit verbunden ist, hat schon sehr viel Zeit gekostet", erzählt der Jungunternehmer. Man müsse sehr, sehr viele Formulare ausfüllen, bis alles geregelt ist. Geholfen hat dem Alt- und dem Neuinhaber der Firma ein ausführliches Beratungsgespräch bei der Chemnitzer Handwerkskammer. Mit den Experten wurde ein Leitfaden für die Nachfolge zusammengestellt. "Für mich steht ganz oben auf der Agenda, dass der Übergang gelingt", versichert Peter Luthe, denn das Unternehmen soll auch künftig weiter unter seinem Namen firmieren, weil er sich in der Region als Qualitätsmarke etabliert hat. Der aktive Einsatz des Vorbesitzers war auch für die Commerzbank, die den Deal finanziert, ein wichtiges Entscheidungskriterium. "Wir achten darauf, dass jemand noch mit Rat und Tat zur Seite steht", sagt Dirk Wetzig, Leiter der Unternehmerkundenberatung bei der Commerzbank in Chemnitz.

Wer ein Unternehmen gründen oder erwerben will, hat es nicht einfach. Die größte Hürde bei der Gründung ist für 40 Prozent der Befragten aus der Region Chemnitz die Bürokratie. Zahlreiche Regulierungen, Vorschriften und gesetzliche Vorgaben sowie die damit verbundenen Behördengänge machen Gründern das Leben schwer. Bundesweit nannten sogar 45 Prozent der Befragten die Bürokratie als größte Hürde beim Start in die Selbstständigkeit. Im Auftrag der Commerzbank hat das Hamburger Meinungsforschungsinstitut Ipsos rund 3000 Interviews mit Gründern durchgeführt, davon 50 in Südwestsachsen. Basierend auf einer Zufallsstichprobe sei die Befragung repräsentativ für die Region, erklärte die Commerzbank. Teilnehmer der Studie sind Gründer, die ihr Unternehmen innerhalb der letzten sechs Jahre gegründet haben und einen Jahresumsatz von maximal 15 Millionen Euro erreichen.

Neben der Bürokratie sind vor allem die Kundengewinnung und auch die Personalrekrutierung größere Herausforderungen bei der Unternehmensgründung. Jeweils gut ein Viertel der Gründer in der Region sah das als größere Hürde an. Allerdings suchen sich die Gründer oft professionelle Hilfe. 57 Prozent gaben an, dass ihre Gründung durch einen Unternehmensberater unterstützt wurde, bundesweit gaben das nur 22 Prozent an.

Die Motivation der Gründer ist ein innerer Antrieb: sie wollen sich etwas Eigenes aufbauen und ihr eigener Chef sein. Das gaben mehr als die Hälfte der Gründer in der Region als Grund für den Sprung in die Selbstständigkeit an. 42 Prozent gaben zudem an, dass sie eine spezielle Geschäftsidee umsetzen wollen, bundesweit waren es 39 Prozent.

Bei der Finanzierung ihres neuen Unternehmens greifen viele Gründer auf ihre Ersparnisse oder Zuwendungen aus dem Familienkreis zurück. Die Folge: Gut drei Viertel der Gründer - regional wie bundesweit - starten nur mit Eigenkapital in die Selbstständigkeit. "Knapp jeder dritte Gründer nutzt in der Region Chemnitz zudem öffentliche Fördermittel. Das sind fast doppelt so viele wie im bundesweiten Vergleich", sagte Commerzbankexperte Wetzig.

Rund ein Drittel aller Unternehmensgründer startet mit weniger als 20.000 Euro. Ein weiteres Drittel hat maximal 50.000 Euro für die Firmengründung zur Verfügung, da gibt es praktisch keine Unterschiede zwischen der bundesweiten und der regionalen Erhebung. Allerdings ist bei sechs von zehn Gründern in der Region Chemnitz das Startkapital bereits innerhalb der ersten sechs Monate aufgebraucht.

Nach einer Studie des Beratungsunternehmens EY erhielten in den ersten drei Quartalen dieses Jahres deutsche Start-ups rund fünf Milliarden Euro als Risikokapital von Investoren. In Sachsen wurden von internationalen Kapitalgebern in 17 Deals rund 76 Millionen Euro an Gründerunternehmen ausgereicht. Der größte Teil des Finanzvolumens floss zu Start-ups in Berlin und in München.

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