Studie: Jeder Zweite muss als Rentner Lebensstandard senken

Wer nur mit der gesetzlichen Rente auskommen muss, hat ein besonders hohes Risiko. Das trifft vor allem auf den Osten zu.

Berlin/Dresden.

Ein Großteil der Menschen in Deutschland wird sich mit Eintritt in den Ruhestand aus finanziellen Gründen erheblich einschränken müssen. Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin, die von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung finanziert wurde.

Ausgewertet wurden dazu die vorliegenden Daten von 55- bis 64-jährigen Erwerbstätigen, deren Rentenanwartschaften durch ihre bereits länger gezahlten Beiträge im Wesentlichen feststehen. Würden sie jetzt in den Ruhestand wechseln, könnten 58 Prozent ihren bisherigen Konsum weder durch ihre gesetzliche und private Altersvorsorge noch durch eine Beamtenpension decken. Ihre "potenzielle Versorgungslücke" würde pro Monat im Durchschnitt bei 700 Euro liegen.

"Eine potenzielle Versorgungslücke haben vor allem diejenigen, die nur Anwartschaften aus der gesetzlichen Rentenversicherung haben", sagte Studienautorin Anita Tiefensee. 69 Prozent von ihnen wären nicht in der Lage, ihren aktuellen Konsum vollständig zu decken. Bestehen auch Ansprüche aus Betriebsrenten, so sinke der Anteil auf 50 Prozent. Bei Beamten fällt der Anteil mit weniger als einem Fünftel deutlich geringer aus. Private Versicherungen, zu denen auch Rürup- oder Riester-Rente zählen, reduzierten die Lücke auf durchschnittlich 650 Euro im Monat, schafften aber keine wirkliche Entlastung.

Laut Studienautor Markus Grabka konnten die untersuchten Geburtsjahrgänge 1948 bis 1957 ihre Versicherungen noch mit hoher Verzinsung abschließen. Für jüngere Altersgruppen seien "die Aussichten schlechter". Auch unter Hinzuziehung des privaten Vermögens - das laut Studie im untersuchten Jahr 2012 pro Kopf 150.000 Euro betragen haben soll - würden immer noch mehr als 40 Prozent der rentennahen Jahrgänge ihren aktuellen Konsum nicht decken können.

Um den Lebensstandard auch im Alter zu erhalten, wäre nach Ansicht der Wissenschaftler eine Reform des Rentensystems nötig. Sie schlagen neben einer stärkeren Fokussierung auf die gesetzliche Rentenversicherung bessere Anreize zur Bildung von privatem Vermögen vor, etwa durch eine Umleitung der staatlichen "Riester"-Zuschüsse hin zu einer kapitalgedeckten Zusatzrente nach schwedischem Vorbild.

Regionale Unterschiede wurden in der Studie nicht ermittelt. Von einer größeren Betroffenheit der Ostdeutschen geht indes nicht nur Sachsens DGB-Chef Markus Schlimbach aus. Sie hätten "wesentlich weniger Vermögen als die Westdeutschen". Nicht nur die betriebliche Altersvorsorge sei hier weniger ausgeprägt, sondern wegen der niedrigeren Einkommen "auch die private Altersvorsorge weniger verbreitet und im Durchschnitt niedriger".

Die Linke-Bundestagsabgeordnete Sabine Zimmermann gab an, dass jeder dritte Vollzeitbeschäftigte in Sachsen weniger als 2000 Euro brutto verdiene, bundesweit trifft das in etwa auf jeden fünften zu. Es sei unmöglich, damit "Vermögen oder eine nennenswerte private Altersvorsorge zu bilden". Sie verwies auch auf die häufig durch Arbeitslosigkeit unterbrochenen Erwerbsbiografien, die "große Lücken in die Rentenansprüche reißen". Auch ohne private Zusatzversicherung müsse man von der gesetzlichen Rente leben können.

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