Tschechische Läden müssen abgelaufene Waren spenden

Die Verschwendung von Lebensmitteln ist längst nicht mehr nur ein Thema im reichen Westeuropa. Ein Gesetz verpflichtet Supermarkt-Ketten nun auch in Tschechien zum Umdenken im Umgang mit der Ware.

Prag.

Im neuen nationalen Logistikzentrum der tschechischen Lebensmittelbanken herrscht reger Betrieb. Alin Pirvulescu fährt mit einem Lagerwagen die Regale ab, um eine Lieferung für eine karitative Einrichtung zusammenzustellen. Er packt Reis, Konserven und Küchenrollen, aber auch Pralinen und Schokoriegel in mehrere große Bananenkisten. Hinzu kommen Kindernahrung, Teebeutel und Kaffeepulver. Die Lebensmittelbanken sind das Pendant zur deutschen "Tafel"-Bewegung.

Die allermeisten der Lebensmittel in der Halle in Modletice bei Prag sind abgelaufen, kurz vor dem Ablaufdatum oder stammen aus Überproduktion. Seit rund einem Jahr müssen große Supermärkte in Tschechien Waren, die sie nicht mehr verkaufen wollen oder können, Hilfsorganisationen kostenlos zur Verfügung stellen. So will es ein Gesetz, das für Geschäfte mit einer Verkaufsfläche von mehr als 400 Quadratmetern gilt. Denn Lebensmittelverschwendung findet längst nicht mehr nur im reichen Westen Europas statt.

"Wenn Sie zu Hause Spaghetti haben, die das Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht haben, dann werfen Sie die Packung ja auch nicht weg, wenn sie noch gut ist", sagt Veronika Lachova, die Leiterin der Föderation tschechischer Lebensmittelbanken. Die abgelaufenen Waren werden bei den Supermärkten eingesammelt, um sie dann zu prüfen, einzulagern, zu sortieren und weiterzuverteilen.

Seitdem die neue Abgabepflicht in Kraft sei, habe sich der Warenumlauf mehr als verdoppelt, berichtet Lachova. Im vorigen Jahr verteilte ihre Organisation rund 4000 Tonnen Lebensmittel im Wert von mehr als neun Millionen Euro an 700 Partnerorganisationen. "Das Spektrum reicht über alle Altersklassen", sagt Lachova. Von der Hilfe profitierten mehr als 100.000 Menschen etwa in Alters-, Kinder- und Behindertenheimen, Mütter- und Familienzentren sowie Unterkünften für Veteranen.

Lange war befürchtet worden, dass das tschechische Verfassungsgericht die Abgabepflicht wieder kippen könnte. Gegen die Regelung hatten 25 Senatsabgeordnete geklagt, die darin einen unzulässigen Eingriff in die Eigentumsrechte und eine Rückkehr zu kommunistischen Praktiken der Enteignung sahen. Doch Anfang Januar stellten sich die Verfassungshüter auf die Seite der Bedürftigen. Sie stützten ihr Urteil auf die tschechische Grundrechte-Charta von 1993, in der es heißt, dass "Eigentum verpflichtet".

Bei Verstößen gegen das neue Gesetz drohen Geldstrafen von bis zu umgerechnet 390.000 Euro. Auch in Frankreich dürfen Händler nach einem im Februar 2016 beschlossenen Gesetz unverkaufte Nahrungsmittel nicht mehr einfach wegschmeißen. In Deutschland ist eine gesetzliche Regelung nicht geplant - das Ernährungsministerium sieht dafür keine Notwendigkeit, wie eine Sprecherin sagte: "Was Frankreich per Gesetz verordnet hat, ist in Deutschland längst gang und gäbe." Ab Februar soll es "Dialogforen" geben für alle Beteiligten, um Ziele und Maßnahmen zu vereinbaren.

Auch der Dachverband der deutschen Tafeln, die Essen an Bedürftige verteilen, sieht vorerst keinen Handlungsbedarf. "Aus Sicht der Tafeln benötigen wir in Deutschland kein Lebensmittelgesetz wie es andere europäische Länder eingeführt haben", teilte der Vorsitzende Jochen Brühl auf Anfrage mit. Man setze seit mehr als 25 Jahren auf Freiwilligkeit. "So können wir pro Jahr gemeinsam mit Supermärkten über 260.000 Tonnen Lebensmittel retten." Auch Veronika Lachova will in ihrem Büro bei Prag den Nutzen des neuen Gesetzes nicht überbewerten. "Diejenigen, die vor dem Inkrafttreten des Gesetzes nicht spenden wollten, spenden im Grunde auch weiterhin nicht", sagt sie. Die Regelung ließe sich sehr leicht umgehen - wie, will sie lieber nicht verraten. Doch zu den meisten Supermarkt- und Discounterketten in Tschechien pflegt sie ohnehin gute Beziehungen, darunter zahlreiche Konzerne aus Deutschland wie Kaufland, Penny, Lidl, Makro und Rewe.

Um nicht allein von den Resten der Supermärkte abhängig zu sein, veranstalten die Lebensmittelbanken in Tschechien regelmäßig eine Sammlung. Freiwillige stehen dann an den Ausgängen von mehr als 600 Einzelhandelsgeschäften, um Sachspenden entgegenzunehmen. Anfang November kamen auf diese Weise 280 Tonnen Lebensmittel und 41 Tonnen Drogerieartikel für einen guten Zweck zusammen. Denn auch wenn die Wirtschaft boomt: Fast eine Million Tschechen leben laut der dortigen Statistikbehörde CSU dennoch unter der Armutsgrenze.dpa

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