Verfahrener Streit um Unkrautvernichter

Glyphosat ist das meistverwendete Pestizid - Unabhängige Debatte ist kaum noch möglich - Objektiveres Zulassungsverfahren gefordert

Es geht um einen Milliardenmarkt und um die Gesundheit von Menschen, Tieren und Ökosystemen: Glyphosat ist umstritten. Doch warum eigentlich?

Worum geht es?

Glyphosat ist sehr wirksam, gilt als preiswert und wird weltweit in der Landwirtschaft genutzt - nicht nur, um alle unerwünschten Pflanzen auf den Feldern zu beseitigen, es wird auch angewendet, um die Reifung von Getreide zu beschleunigen. Entwickelt wurde der Wirkstoff vom US-Konzern Monsanto - den der deutsche Konkurrent Bayer übernehmen will. Das Mittel wird aber auch von 40 weiteren Herstellern vertrieben. In den letzten Jahren wurden hierzulande jeweils zwischen 5000 und 6000 Tonnen ausgebracht. Es ist das meistverwendete Pestizid und wird seit mehr als 30 Jahren eingesetzt. Ein gutes Drittel aller Pflanzenschutzmittel entfällt auf den Wirkstoff Glyphosat.

Wenn es schon so lange eingesetzt wird, weshalb dann jetzt die Aufregung?

Die Diskussion um Glyphosat wird schon seit etlichen Jahren geführt. Dass der Wirkstoff seinen Teil dazu beiträgt, dass die Artenvielfalt schrumpft, gilt inzwischen in der Wissenschaft als unstrittig. Glyphosat steht zwar im Ruf, verträglicher gegenüber Vögeln und Insekten zu sein, weil es einen Stoffwechselweg blockiert, der bei Mensch und Tier nicht vorkommt. Doch mit der Beseitigung der Wildflora gehen großflächig Nahrungsquellen und Lebensräume für Insekten und andere Tierarten verloren. Befeuert wird der Streit aber vor allem durch Hinweise, dass das Mittel dem Menschen schaden könnte. Es kam der Verdacht auf, dass Glyphosat Krebs auslösen könnte. Rückstände von Glyphosat wurden auch immer wieder in Lebensmitteln gefunden, etwa in Brot, Haferflocken, Bier und Eis. Selbst im Urin von Großstadtbewohnern wurde das Pflanzengift nachgewiesen.

Wie ist der aktuelle Stand?

Sehr diffus. Die Internationale Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation stufte das Herbizid im März 2015 als "wahrscheinlich krebserregend" für den Menschen ein. Allerdings sehen die EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit Efsa, die Chemikalienagentur Echa und das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) keine ausreichenden Belege für ein solches Risiko. Auch andere Behörden, etwa in Kanada, den USA, in Australien oder Japan teilen diese Einschätzung. Es liegen weltweit Hunderte von Studien vor, die zu dem Ergebnis kommen, dass von Glyphosat keine Gefahr für den Menschen ausgeht. Es gibt aber eben auch Untersuchungen, die an Ratten und Mäusen einen Zusammenhang zwischen dem Auftreten von Krebs und Glyphosat belegt sehen. Kurzum: Es ist bis heute nicht eindeutig geklärt, ob Glyphosat krebserregend ist oder nicht.

Wie kommt es zu diesen gegensätzlichen Aussagen?

Schwer zu sagen. Ein Punkt ist sicher die Herangehensweise. Die EU prüft etwa nur den Wirkstoff Glyphosat, in den am Markt erhältlichen Produkten sind aber noch Beimischungen wie Netzmittel enthalten, die in der Kombination andere Wirkungen entfalten könnten. Entscheidend ist auch, ob man untersucht, ab welchen Mengen der Wirkstoff schädlich ist oder ob man nur auf die grundsätzliche Gefahr, dass der Stoff Krebs auslösen könnte, abzielt. Hinzu kommt, dass sich die Bewertungen der Behörden auf Studien stützen, die von der Industrie selbst in Auftrag gegeben wurden. Das ist in den Erstzulassungsverfahren ausdrücklich so geregelt, um den Steuerzahler nicht mit den Kosten dafür zu belasten. Hat aber den Nachteil, dass sich die Firmen die Wissenschaftler aussuchen können. Dass Konzerne wie Monsanto versucht haben sollen, Einfluss auf Wissenschaftler zu nehmen, sorgt für weitere Bedenken. Eine unabhängige Diskussion über das Thema Glyphosat war zuletzt kaum noch möglich.

Was müsste getan werden, damit die EU in fünf Jahren nicht wieder vor dem gleichen Dilemma steht?

Das Zulassungsverfahren müsste geändert werden, um zu unabhängigen Experimenten zu kommen, die der Staat bzw. die EU in Auftrag gibt. Diese Untersuchungen könnten dann auch öffentlich zugänglich gemacht werden und wären so transparent - eine wichtige Voraussetzung für eine Versachlichung der Debatte. Über einen Fonds, in den die Hersteller einzahlen, könnte man sicherstellen, dass die Industrie weiter für die Zulassung ihrer Produkte zahlt. (jdf)

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