Volkswagen verkauft ein Auto, das es noch gar nicht gibt

Bereits ein Jahr vor der Markteinführung des ID. rührt Volkswagen die Werbetrommel. Für das in Zwickau gebaute E-Auto bietet VW Frühbuchern eine limitierte Sonderedition. Die Vorserienfertigung ist dort problemlos angelaufen. An anderer Stelle klemmt es dagegen.

Berlin.

Der Vorhang fällt erst im September. Bei der IAA in Frankfurt will Volkswagen sein neues E-Auto-Modell ID enthüllen und gleichzeitig einen komplett neuen Markenauftritt präsentieren. Doch mit der Vermarktung beginnt der Konzern schon jetzt. Am Mittwoch gab VW in Berlin den Startschuss dazu. Das Zauberwort heißt Pre-Booking. Kunden, die zum Start der vollelektrischen ID-Familie dabei sein wollen, können sich gegen einen Betrag von 1000 Euro online registrieren. Die Sonderedition ist auf 30.000 Fahrzeuge limitiert und mit der mittleren der drei angebotenen Batterien mit einer Reichweite von 420 Kilometern ausgestattet.

Volkswagen setzt beim Umstieg auf die Elektromobilität alles auf eine Karte. Entsprechend groß ist der Druck, möglichst frühzeitig Interesse für den ID zu wecken. Es gehe nicht um die Einführung eines neuen Produkts, "sondern um eine neue Haltung, um den Beginn einer neuen Bewegung" für das der ID ein Symbol sei, rührte Vertriebsvorstand Jürgen Stackmann die Werbetrommel und erklärte, warum das erste Mitglied der ID-Familie nicht die 1 sondern die Zahl 3 trägt. Die 3 stehe in der VW-Nomenklatur für Kompaktklasse. Und mit dem ID beginne nach dem Käfer und Golf, mit denen VW Massenmobilität ermöglicht habe, das dritte große Kapitel in der Geschichte der Marke.

Außen so groß wie ein Golf, innen mit dem Platzangebot eines Mittelklassewagens - in dieser Kombination will der ID punkten. Den Zweifeln über spärliche Ladesäulen und unerschwingliche Preise tritt Verkaufschef Stackmann offensiv entgegen. Der Basispreis soll bei unter 30.000 Euro liegen. Staatliche Prämien, im Ausland höher als hierzulande, Befreiung von der Kfz-Steuer und niedrigere Wartungskosten sollen Kaufhemmnisse überwinden. Und das Thema Ladesäulen: Bis Ende 2020 sollen die Hauptachsen der europäischen Autobahnen mit einer Schnelllade-Infrastruktur versehen sein, die 400 Stationen im Abstand von 120 Kilometern umfasst. Im ID wird eine Schnellladefunktion mit maximal 100 bis 125 kW Gleichstrom integriert sein, die innerhalb von 30 Minuten Kraft für 260 Kilometer "tanken" kann. Frühbucher eines ID3 werden mit kostenlosen Strom bis maximal 2000 Kilowattstunden geködert.

"100 Prozent grün" prangte es in Berlin minutenlang von der Riesenleinwand, und darunter "Fahrzeugwerk Zwickau". Der ID-Standort rückt durch die Nachfrage, die sich VW vor allem aus Ländern wie Frankreich, Holland, Norwegen, England, aber auch den USA verspricht, ins Rampenlicht. Der Diesel-Sünder Volkswagen pflegt beim Umsteuern neue Demut. Das Bekenntnis zum Pariser Klimaabkommen, die Verpflichtung gegenüber "unseren Kindern und Enkeln", wie Stackmann sagt - das gehört zur Verkaufsstrategie rund um den ID. Bis 2023 will die Marke rund neun Milliarden Euro in die E-Mobilität investieren und in den nächsten zehn Jahren mehr als zehn Millionen E-Autos herstellen. Rund 20 Modelle, unter anderem der höher gelegte ID Cross sind in der Planung.

In Zwickau sind inzwischen mehr als 200 Vorserien-Fahrzeuge gebaut worden - "problemlos", wie es bei VW heißt. 100.000 sollen es im ersten kompletten Verkaufsjahr werden. Parallel läuft in Dresden die Produktion des E-Golf, der Elektrovariante des bisherigen Kompaktklassemodells. 42 Autos verlassen täglich die Montagebänder, zusammen mit dem Werk Wolfsburg sind es 200 statt bisher 160 Fahrzeuge in der alten Architektur, die vor allem in Norwegen lebhafte Nachfrage finden. Bis weit in das nächste Jahr wird der E-Golf gebaut werden.

Dann ist auch der Golf 8 mit Verbrennungsmotor im Straßenbild eine vertraute Erscheinung. Statt der geplanten 80.000 werden in diesem Jahr nur 10.000 Exemplare des Bestsellers vom Band laufen. Elektronikprobleme sind dafür verantwortlich. VW will den neuen Golf unbedingt in diesem Jahr auf den Markt bringen, weil ab 2020 verschärfte Bedingungen für den Euro-NCAP-Sicherheitstest gelten. Die "abgeflachte" Anlaufkurve relativiert das Unternehmen. Die 70.000 nicht produzierten Autos entsprächen der Produktionsmenge von vier Wochen.

Bewertung des Artikels: Ø 3.7 Sterne bei 3 Bewertungen
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...