VWs riskanter Aufbruch

Volkswagen hat sein Elektroauto ID.3 auf der Internationalen Automobilausstellung vorgestellt. Für den Automobilhersteller bedeutet das einen Wendepunkt. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Zwickau wurden in einem speziellen Ausbildungszentrum auf die Produktion vorbereitet.

Frankfurt am Main.

In Halle 3 des Frankfurter Messegeländes herrscht hektische Betriebsamkeit. Hier residiert der Volkswagenkonzern mit seinen Automarken auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA). Diesmal ist eine ungewöhnliche Nervosität zu spüren. Die Präsentation beginnt mit Verspätung - ungewöhnlich bei Volkswagen. Vier Jahre hat es gedauert, von der ersten Skizze auf Papier bis zum fertigen Auto. Es soll der Aufbruch in eine neue Ära werden, vergleichbar mit dem ersten Käfer und dem ersten Golf. Wird das klappen? Werden die Kunden das Auto annehmen?

"Es wird eine spannende Woche, danach wissen wir mehr über die Akzeptanz des ID.3", sagt Thomas Ulbrich, Chef von Volkswagen Sachsen und zuständig für das Thema Elektromobilität im Markenvorstand von Volkswagen. Die Vorstellung des neuen Elektroautos überlässt Konzernchef Herbert Diess den Fachleuten. "Der ID.3 ist ein alltagstauglicher Allrounder. Er ist kompakt, dabei wendig wie ein Kleinwagen und bietet den Innenraum eines Mittelklassewagens", stellt Silke Bagschik das Auto vor, mit dem Volkswagen in die neue Ära der klimafreundlichen Mobilität startet. Bagschik ist die Leiterin für Vertrieb und Marketing für die neue ID-Familie, die mit dem ID-Cross schon bald Nachwuchs bekommen soll. Im Werk Zwickau hat die Montage des noch geheimen Modells bereits begonnen.

Auf die große Show verzichtet Volkswagen. Dafür darf Chefdesigner Klaus Bischoff die Philosophie des ID-Designs erklären. "Wir wollen elektrisches Fahren zelebrieren", erklärt er. Dazu gehören ruhige, saubere Linien, eine sehr nachhaltige Gestaltung und moderne Materialien. Bischoff: "Die natürliche Formensprache und das absolut intuitive Fahrerlebnis zeigen eine neue, elektrische Denkweise."

Dann tritt Herbert Diess doch noch auf die Bühne. "Für uns ist dieser Abend ein entscheidender Moment", versichert der Konzernchef. "Das ist das Auto, das von uns erwartet wird. Das Auto, das wir selbst von uns erwarten. Ein Volkswagen, der das Elektroauto von der Nische in die Mitte der Gesellschaft bringt und für jeden erreichbar macht", zeigt sich Diess am Montagabend überzeugt. Am Dienstag bei der offiziellen Präsentation vor der Weltpresse beschwört Ralf Brandstätter, zuständig für das operative Geschäft der Marke Volkswagen, den neuen Geist bei VW. "Volkswagen verändert sich grundlegend. Der ID.3 ist dafür das Schlüsselprodukt und markiert einen Wendepunkt", erklärt er den rund 1000 Journalisten aus aller Welt. Und Vertriebschef Jürgen Stackmann setzt noch einen drauf: "Wir besinnen uns auf unsere Wurzeln. Menschen und Kunden kommen wieder in den Mittelpunkt." Selbst das neue VW-Logo soll dabei helfen. Es sei klarer und einfacher und prägnant, meint Stackmann. "Jedes Kind kann es zeichnen", erklärt er den neuen Markenauftritt, der aus VW-eigener Feder stammt.

Für die Marke Volkswagen ist der ID.3, der in Zwickau gebaut wird, der Auftakt einer großen Elektro-Offensive, die inzwischen den ganzen Konzern erfasst hat. Entsprechend hoch ist das Risiko. Bei Audi ist bereits der "e-tron" gestartet. Bei Porsche gab es vor wenigen Tagen die Weltpremiere des Taycan, nach Porsche-Angaben das sportlichste Elektroauto der Welt. Bis 2028 will der Volkswagenkonzern fast 70 neue Elektroautos auf den Markt bringen. Dann wird in Europa und China fast jedes zweite Konzernfahrzeug ein Elektroauto sein. Konzernchef Diess stellt auf der IAA noch einmal klar: "Kein anderer Traditionshersteller verfolgt einen so konsequenten Kurs wie wir."

Wie weit sich Volkswagen auf dem neuen Kurs vorwagt, zeigt das Thema Nachhaltigkeit. Nach den Angaben von VW ist der ID.3 das erste Fahrzeug von Volkswagen, das entlang der gesamten Wertschöpfungskette bilanziell klimaneutral produziert wird. Das fängt bereits bei der Batterieherstellung an. In der Zellfertigung für die Stromspeicher des ID.3 wird ausschließlich Naturstrom eingesetzt. Das Gleiche gilt für die Komponentenfertigung und anschließend im Karosseriebau, der Lackiererei und der Montage des ID.3 im Zwickauer VW-Werk. Dort wurde der externe Strombezug bereits 2017 auf Ökostrom aus Wasserkraftwerken umgestellt. Nicht vermeidbare Emissionen von Kohlendioxid in der Lieferkette werden von Volkswagen durch Investitionen in Klimaschutzprojekte kompensiert. "Das erste haben wir vor wenigen Tagen gestartet, im Regenwald von Borneo", sagt Diess.

Sorgen bereitet den VW-Managern die nach wie vor unzulängliche Ladeinfrastruktur in Deutschland. Sie wird als entscheidend für den Durchbruch der Elektromobilität sein. Weil damit gerechnet wird, dass künftig Elektroautos vor allem am Arbeitsplatz geladen werden könnten, investiert VW für das Zwickauer Werk in 350 Ladesäulen. Doch bei anderen Unternehmen wird noch gezögert. "Wir bräuchten in Sachsen ein Förderprogramm, das es Unternehmen erleichtert, Ladesäulen für ihre Mitarbeiter anzubieten", sagt Carsten Krebs, Pressesprecher von VW Sachsen. Seiner Ansicht nach müsse man solche Programme nicht neu erfinden, denn andere Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg hätten solche Förderungen. "Wir setzen in diesem Punkt große Hoffnung auf die neue Landesregierung", meint Krebs.

Um sich der Aufmerksamkeit für den ID.3 zu versichern, misst der Volkswagen-Konzern das weltweite Medieninteresse und präsentiert das Ergebnis auf einer Tafel in der Medienecke des Messestands. Am Dienstag lag der ID.3 mit großem Vorsprung vorn.

Warum im Trainingscamp Zwickau ein Panzerschrank steht

Die Fertigung im Werk Mosel wird umgekrempelt und die Mitarbeiter werden seit Monaten darauf vorbereitet - auch spielerisch

So mancher Mitarbeiter im Zwickauer VW-Werk dürfte sich beim Gang in einen der neuen Schulungsräume verwundert die Augen gerieben haben. Auf den ersten Blick hat das Innere nichts mit dem Thema Automobilfertigung zu tun. Ein Fahrrad ist aufgebaut, davor hängt eine Tafel mit Formeln. An den Wänden prangen Bilder mit historischen Motiven, und in der Ecke steht eine Panzerschrankattrappe. 20 Minuten Zeit haben die VW-Werker, um die Rätsel zu lösen und so an den Schlüssel zu gelangen, der das nächste Zimmer öffnet.

Die VW-eigene Projektgruppe, die das Trainingscenter konzipiert hat, nahm sich das sogenannte Escape-Room-Spiel (Fluchtraum) zum Vorbild, das heute in vielen Großstädten angeboten wird. Dabei werden kleine Gruppen in einen Raum eingesperrt und müssen diesen mithilfe der darin versteckten Hinweise und Gegenstände wieder verlassen. "Wir wollten einen spielerischen Einstieg in das Thema schaffen", sagt Projektgruppenmitglied Maik Kusche. Weg von den üblichen Powerpoint-Folien-Vorträgen, wie es die Mitarbeiter gewohnt waren.

Neue Wege gehen - das passt zu den Veränderungen, die hier gerade stattfinden. Die Fabrik wird seit Monaten umgebaut. Ab 2021 will VW hier nur noch E-Autos bauen. Es ist der Schritt in ein neues Zeitalter. Die Fertigung wird umgekrempelt. In der Endmontage kommen neue Technologien zum Einsatz. Der Automatisierungsgrad steigt, Mensch und Roboter teilen sich teilweise einen Arbeitsraum. Hinzu kommt der Umgang mit neuen Batteriesystemen und Starkstrom. Mit dem E-Auto zieht die Hochvolttechnik ein. Die Mitarbeiter sollen darauf vorbereitet werden. "Das Ganze gelingt nur, wenn wir sie 'mitnehmen'", wie Pressesprecher Carsten Krebs sagt.

So entstand ein Trainingscamp, das es in dieser Form konzernweit noch nie gegeben hat, wie Krebs versichert. 3500 Mitarbeiter müssen es durchlaufen - 3000 aus den Produktionsbereichen, 500 aus der Verwaltung. Jeden Tag durchlaufen zwei Gruppen aus der Produktion jeweils acht Stunden lang das Camp, die Beschäftigten aus anderen Bereichen erhalten eine verkürzte Variante. 13.000 Trainingstage müssen bis Jahresende absolviert werden. Darüber hinaus werden alle gut 8000 Mitarbeiter aus Zwickau in Schulungen in St. Egidien auf den Wechsel zum E-Auto-Standort vorbereitet. "Change Conventions" werden sie firmenintern genannt.

Das Trainingscamp, das im Zwickauer Werk in der untersten Etage eines Containerhauses untergebracht ist, hat sich im Konzern längst herumgesprochen. Regelmäßig kämen Besucher von Standorten aus dem In- und Ausland, um es anzuschauen, berichtet Krebs.

Und die Mitarbeiter? "Die gehen am Ende meist mit einem Smiley-Gesicht wieder raus", sagt Rainer Pilz, einer von vier Trainern. Mehrere Räume haben sie dann hinter sich gelassen. Die drei ersten gehen ineinander über. "Emotion-Room", steht an der ersten Tür. Puzzleteile müssen sie hier finden und Rätsel lösen - und sich dabei spielerisch etwa mit der Geschichte der Elektrizität und des Autobaus beschäftigen. Erst wenn das geschafft ist, geht es an die technische Fortbildung, können die Mitarbeiter ihren neuen Arbeitstakt simulieren und Hochvoltsteckverbindungen testen.

Hin und wieder muss Pilz im "Emotion-Room" die Teams auf die richtige Spur bringen - etwa damit der Panzerschrank aufgeht. Das Fahrrad ist dabei hilfreich. Den Teilnehmern ist dann aber längst klar, dass das altmodische Interieur natürlich etwas mit ihrer Arbeit zu tun hat - das erste Patent auf einen Elektromotor wurde 1837 erteilt.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...