Warum Deutsche Bank und Commerzbank verhandeln

Seit Monaten wird darüber spekuliert. Jetzt geben die Vorstände der beiden größten Geldhäuser Deutschlands grünes Licht für Fusionsgespräche. Ganz freiwillig sind sie nicht zustande gekommen.

Frankfurt (Main).

Über einen möglichen Zusammenschluss wird seit Monaten spekuliert. Deutsche Bank und Commerzbank haben nun am Sonntag die Aufnahme von Verhandlungen über eine Fusion erstmals offiziell beschlossen. Man habe sich darauf verständigt, "ergebnisoffene Gespräche über einen eventuellen Zusammenschluss aufzunehmen", teilte die Commerzbank mit. Die Deutsche Bank betonte: "Es gibt keine Gewähr, dass es zu einer Transaktion kommt."

Befeuert wurden die Gerüchte durch die Politik: Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) betont bei öffentlichen Auftritten immer wieder die Notwendigkeit starker Banken für die deutsche Wirtschaft. Bereits Anfang letzter Woche hatte er "Beratungen" über die Lage bei Deutscher Bank und Commerzbank bestätigt: "Es gibt Beratungen über die Situation, wie sie ist. Die Bundesregierung ist ein fairer Begleiter von privatwirtschaftlichen Diskussionen." Allerdings drängt sich der Eindruck auf, dass sein Haus die Überlegungen in den Bankvorständen nicht nur begleitet, sondern maßgeblich beeinflusst hat. Neben seinem politischen Gewicht verfügt der Bund bei der Commerzbank auch über Stimmrechte, weil er mit einem Anteil von 15 Prozent größter Einzelaktionär des Instituts ist. Zudem wurde im Januar bekannt, dass Scholz' Staatssekretäre ab Mai über 20 Gespräche mit ranghohen Vertretern der Deutschen Bank führten. Hinzu kamen mehrere Begegnungen mit Commerzbank-Chef Martin Zielke und Vertretern des Finanzinvestors Cerberus, der an beiden Banken beteiligt ist. Das Finanzministerium treibt offenbar die Sorge um, dass Commerzbank oder Deutsche Bank von einem ausländischen Institut übernommen oder in der Bedeutungslosigkeit versinken könnten. Beide Geldhäuser stecken seit der Finanzkrise in einem tiefgreifenden Transformationsprozess; die Deutsche Bank kehrte nach drei Verlustjahren in Folge erst 2018 in die Gewinnzone zurück. Ihr Aktienkurs ist in den vergangenen fünf Jahren um gut 70 Prozent gefallen, die Commerzbank stieg im vergangenen Herbst sogar aus dem Deutschen Aktienindex (Dax) in die zweite Börsenliga ab. Eine Übernahme eines der beiden Institute wäre daher für eine finanzstarke Großbank aus dem Ausland verhältnismäßig einfach; allerdings würde sich die Käuferin damit auch Probleme ins Haus holen.

So steckt die Deutsche Bank mitten in der Integration der Tochter Postbank, die sich seit Jahren hinzieht. Obendrein hat das Unternehmen ein Problem mit den Kosten: Die Deutsche Bank muss für jeden Euro Ertrag mehr als 90 Cent ausgeben. Bei der Commerzbank ist das Verhältnis des Aufwands zum Ertrag zwar besser, im internationalen Vergleich aber ebenfalls zu hoch. Ein Grund dafür ist der innerdeutsche Wettbewerb: Wegen der starken Position von Sparkassen und Volksbanken im Privatkundengeschäft sind die Marktanteile der privaten Kreditinstitute kleiner als bei Großbanken in anderen Ländern. Im Falle einer Fusion der Deutschen mit der Commerzbank fiele zumindest ein Wettbewerber weg. Der Preis dafür wäre die Schließung zahlreicher Filialen, verbunden mit massiven Arbeitsplatzverlusten. Die Gewerkschaften lehnen einen Zusammenschluss deshalb ab. "Im ungünstigsten Fall muss man wohl den Abbau von 30.000 Stellen befürchten", sagte Jan Duscheck, Bundesfachgruppenleiter Banken bei der Vereinigten Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Duscheck gehört - genau wie Verdi-Chef Frank Bsirske - dem Aufsichtsrat der Deutschen Bank an. Der Vorsitzende des Deutschen Bankangestellten Verbands, Stephan Szukalski, bezeichnete die Fusionspläne vergangene Woche als "wirtschaftlich unsinnig".

Kommentar: Kuppler Scholz

Nun also doch. Nach monatelangen Spekulationen haben Deutsche Bank und Commerzbank bestätigt, dass sie einen Zusammenschluss zumindest prüfen wollen. Die Erklärungen von Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing dazu lesen sich allerdings auffallend defensiv: Ob die Fusion komme, sei keineswegs sicher - und man werde "ausschließlich wirtschaftlich sinnvolle Optionen verfolgen".

An der Sinnhaftigkeit der Fusionspläne gibt es berechtigte Zweifel. Gewiss: Ein Zusammenschluss der beiden größten deutschen Privatbanken würde den Wettbewerb auf dem deutschen Markt verringern. Die neue Mega-Bank hätte dann Chancen auf höhere Erträge. Allerdings erst nach Jahren teurer Abfindungsprogramme und anderer Umbaukosten. Diese auf sich zu nehmen in einer Zeit, da die Deutsche noch nicht einmal die Postbank verdaut hat, erscheint gewagt. Deutsche-Bank-Chef Sewing hatte deshalb betont, zunächst seine eigenen Hausaufgaben machen zu wollen. Dass er nun auf die Pflicht des Vorstands verweist, Gelegenheiten zu prüfen, spricht Bände. Denn die Lage hat sich seit September nicht fundamental geändert. Wenn es also eine "Gelegenheit" für einen Zusammenschluss gibt, so scheint sie in der freundlichen Unterstützung des Bundesfinanzministeriums zu bestehen. Bundesfinanzminister Olaf Scholz hat zwar nie öffentlich eine Bankenhochzeit gefordert, aber doch seinem Wunsch nach einem nationalen Champion Ausdruck verliehen. Dass der SPD-Minister die großen deutschen Banken vor einer Übernahme aus dem Ausland schützen will, ist politisch nachvollziehbar. Eine Nothochzeit ergibt jedoch nicht einmal vor diesem Hintergrund Sinn, denn ein Käufer ist derzeit nicht in Sicht.

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