Wie geschmiert

Vor 150 Jahren, am 10. Januar 1870, gründete John Davison Rockefeller die Standard Oil Company. Unter seiner Führung stieg das Unternehmen aus Cleveland zur mächtigsten Firmengruppe der Welt auf. Rockefeller gilt bis heute als Inbegriff unermesslichen Reichtums - und skrupellosen Geschäftsgebarens.

Der Name "Standard Oil" für das Erdölraffinerie-Unternehmen von John Davison Rockefeller war zunächst einmal eine Marke des Vertrauens. Er signalisierte eine verlässliche, einheitliche Qualität - was ein großes Gewicht besaß in Zeiten, in denen unsauber raffiniertes Petroleum immer wieder für Explosionen und Unglücksfälle sorgte. Zur Aktiengesellschaft gehörten neben Rockefeller sein Bruder William, der Getreidehändler Henry Morrison Flagler, der Chemiker Samuel Andrews und ein stiller Teilhaber.

Das unverhohlene Ziel der Firma bestand darin, so viele Konkurrenten wie möglich zu übernehmen. Aus den Anfangsbuchstaben S. O. leitet sich seither der Markenname "Esso" ab. Rockefeller hielt knapp ein Drittel der Aktien, das meiste Geld hatte sich der fromme Baptist von den Bankiers seiner Gemeinde in Cleveland besorgt. Auf Kreditsuche habe er sich "die Knie meiner Hosen ausgebeult", erklärte er einmal später.

Nachdem Edwin Laurence ("Colonel") Drake 1859 in Titusville, Pennsylvania, eine erste Erdölquelle entdeckt hatte, war das Zeitalter des Schwarzen Goldes nicht mehr aufzuhalten. Schnell verdrängte Petroleum den aus dem Fettgewebe von Walen und anderen Meeressäugern sowie Fischen gewonnenen Tran. Der folgende "Rausch" hielt indes nur knapp 20 Jahre an, denn nachdem Edison die Glühbirne erfunden hatte, nahm der Bedarf an Lampenbrennstoff rapide ab.

Der junge John D. hatte einige Jahre als Buchhalter in einer kleinen Handelsfirma in Ohio gearbeitet, bevor er 1859 mit Maurice Clark sein erstes eigenes Unternehmen gründete und 1863 in die Ölindustrie einstieg. Und der größte Markt für Erdöl existierte zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht. 1886 präsentierte Carl Benz das Automobil mit Verbrennungsmotor, bald stiegen auch Schiffe von Dampf- auf Dieselbetrieb um, und das Öl samt aller seiner Derivate wurde zur Triebfeder der Industrialisierung.

Mit kleinen Raffinerien verhandelte Rockefeller beinhart und übernahm die Anlagen oft für nur ein Viertel ihrer Baukosten. Konkurrenten, die sich nicht Standard Oil anschließen wollten, wurden bespitzelt, bedroht und manchmal auch sabotiert. Einem Raffineriebesitzer soll ein Rockefeller-Mitarbeiter gedroht haben: "Wir haben 75 Millionen und wir werden dich vernichten." Als das nicht zum gewünschten Erfolg führte, wurde ein Angestellter der fraglichen Firma bestochen, der den Brennkessel überhitzte und die Betriebsstätte in die Luft sprengte. Die risikoreiche Ölsuche und -förderung indes überließ Standard Oil lieber anderen und übernahm zunächst lediglich die Abfüllung des Rohöls in Fässer und den Transport zu den eigenen Raffinerien.

Anfang 1872 schlossen sich mehrere Ölunternehmen unter Rockefellers Führung mit dem Ziel zusammen, durch Absprachen mit den Chefs der großen Eisenbahnlinien, Cornelius Vanderbilt, Daniel Drew und Thomas Scott, rabattierte Frachttarife für Rohöl zu erhalten. Alle Nichtmitglieder des Trusts hingegen mussten den doppelten Preis zahlen. In einem einzigen Jahr schluckte Rockefellers Firma allein in Cleveland 22 von 26 Konkurrenten. In seinen Augen waren sie ohnehin nur "alter Kram, reif für den Schrottplatz". "Wie alle Revolutionäre sah er sich als Instrument eines höheren Zwecks, ausgestattet mit einem visionären Glauben", schreibt sein Biograf Ron Chernow in seiner 1998 erschienenen Rockefeller-Biografie.

Doch die internen Absprachen gerieten an die Öffentlichkeit, der US-Kongress verurteilte die Verschwörung, und Rockefeller musste einen Teil seiner Betriebe stilllegen. Offiziell ruderte er zwar zurück, doch tatsächlich nutzte er die Verunsicherung der Konkurrenz, um systematisch die 15 größten Raffinerien Amerikas aufzukaufen. Das neue Netz von Tochterfirmen in unterschiedlichen US-Bundesstaaten diente ihm bald zur Umgehung gesetzlicher Besitzbeschränkungen.

Auch die Pipelines brachte er unter die Kontrolle von Standard Oil, indem er landesweit Leitungen verlegen ließ oder vorhandene - meist geheim über Mittelsmänner - aufkaufte. Rund 40 Unternehmen wurden 1882 im "Standard Oil Trust" vereinigt. Doch Ende der 1880er-Jahre geriet Rockefellers Firmenkonglomerat immer stärker in den Fokus von Untersuchungen. Um einer möglichen Zwangsauflösung zuvorzukommen, wandelte er Firmenteile in einzelne Unternehmen des Trusts um und löste so das Kartell selber auf. Da die Anteilseigner jedoch die Gleichen blieben, behielten sie weiterhin ihr Machtmonopol. Auch der 1890 vom US-Kongress verabschiedete "Sherman Antitrust Act" änderte daran nichts. In einem mehr als 20 Jahre dauernden juristischen Schlagabtausch konnte Standard Oil die Zerschlagung immer wieder abwenden. Auch als das Unternehmen 1906 schließlich angeklagt wurde, zog sich der Prozess noch mehrere Jahre hin. Erst am 5. Mai 1911 fiel das Urteil zur Aufteilung des Trusts in 34 Einzelunternehmen, darunter auch die heutigen Global Player wie Exxon Mobil, Chevron und Mobil Oil.

Die Auflösung verfehlte allerdings komplett ihren Zweck. Die Aktionäre der Dachgesellschaft bekamen Anteile an den verschiedenen Tochtergesellschaften zugesprochen, Rockefeller konnte weiterhin hinter den Kulissen die Fäden ziehen. Wie zuvor fanden sich die Chefs aller Einzelunternehmen jeden Morgen um 10.30 Uhr in der New Yorker Firmenzentrale am Broadway 26 ein, um "freundschaftliche Beziehungen" zu pflegen.

Und Rockefeller blieb Großaktionär aller Firmen. Als der Aktionärswert ins Bodenlose sank, behielt er die Nerven. Er setzte auf eine rasche Erholung und kaufte massenhaft Aktien seines Unternehmens auf. Durch die einsetzende Hausse verdiente er mindestens 200 Millionen Dollar, was etwa einem heutigen Wert von 5,7 Milliarden Dollar entspricht.

Noch 1891 hatte die Standard Oil Company 70 Prozent des Weltmarktes kontrolliert, aber nachdem in Russland am Kaspischen Meer Öl entdeckt worden war, befanden sich Ludvig und Robert Nobel, beide Brüder des Dynamitproduzenten und Nobelpreisstifters Alfred, ebenso wie die Pariser Bankiersfamilie Rothschild auf der Suche nach neuen Absatzmärkten. Sie transportierten das Öl mit der Eisenbahn nach Europa und mit Tankschiffen nach Amerika. Und auch die im asiatischen Raum agierende Erdölgruppe Royal Dutch/Shell sowie die aus den USA stammende Texas Company und Gulf Oil stiegen zu mächtigen Konkurrenten von Standard Oil auf. Die Kämpfe zwischen Rocke-feller, Nobel, Rothschild & Co. gingen als "Ölkriege" in die Geschichte ein.

1916 galt John D. Rockefeller als erster Milliardär der Weltgeschichte und reichster Mensch der Neuzeit. Der streng gläubige Ölmagnat verwendete einen Teil seines Vermögens auf philanthropische Zwecke, er gründete die Rockefeller Foundation, die University of Chicago und das General Education Board.

Übrigens verweist der Name Roggenfelder/Rockenfeller auf den - heute nicht mehr bewohnten - Ort Rockenfeld im Kreis Neuwied (Rheinland-Pfalz). Von dort waren die Vorfahren von John D. nach Amerika eingewandert.


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