Aus für Continental in Limbach-Oberfrohna: Manager macht Politik mitverantwortlich

Der Zulieferer will an seinem Standort bei Chemnitz weite Teile der Produktion einstellen. Für die Mitarbeiter sieht er aber kein Problem - dank "leer gefegtem" Arbeitsmarkt.

Chemnitz/Limbach-Oberfrohna.

Seit gut zwei Jahrzehnten werden in Limbach-Oberfrohna bei Chemnitz Einspritzdüsen für Dieselmotoren hergestellt. Doch in einigen Jahren soll damit Schluss sein. 2028 will der Automobilzulieferer Continental die Fertigung auslaufen lassen. Gerade erst hat der Aufsichtsrat des Konzerns für das Vorhaben grünes Licht gegeben. In einem Brief an den Bundestagsabgeordneten Stephan Kühn (Grüne) hat nun auch der Geschäftsführer der für das Werk zuständigen Continental-Tochter Vitesco Technologies, Andreas Wolf, Stellung bezogen. Kühn wollte wissen, welche Pläne es für das Werk gibt, um die 1230 Jobs zu sichern, und welche Ersatzprodukte in Planung oder in der Diskussion sind.

In dem Schreiben von Wolf, das "Freie Presse" vorliegt, finden sich jedoch keine konkreten Antworten. Der Vitesco-Chef begründet indes nochmals, weshalb die Produktion eingestellt wird. Der "grundlegende und disruptive Wandel, in dem unsere Industrie mithin unsere Kunden stecken", sei der entscheidende Auslöser für den Rückzug aus dem Hydraulikgeschäft und der Produktion in Limbach-Oberfrohna, schreibt Wolf. Hier sei langfristig auch keine Trendumkehr in Sicht - "im Gegenteil". Gerade wegen der hohen Aufwendungen für die Elektrifizierung der Antriebe und den damit verbundenen strukturellen Umbau strebe die Industrie noch stärker nach einer Minimierung der Kosten.

Wolf erhebt zugleich Vorwürfe gegenüber der Politik. "Seit Jahren mangelt es an einer robusten Industriestrategie. Sehr hohe Arbeitskosten wie Sozial- und Energiekosten, die immer weiter erhöht werden, vertreiben die Produktion von Innovationen immer mehr aus unserem Land", kritisiert er. Dies zwinge sein Unternehmen im weltweiten Wettbewerb immer mehr, "die Kostenstrukturen in unseren Geschäftsbereichen weiter anzupassen". Nur so schaffe man es, wettbewerbsfähig zu bleiben und Standorten wie Limbach-Oberfrohna "eine gewisse Perspektive zu bieten". Von dem Wegfall der Fertigung sind 860 Arbeitsplätze betroffen. Erhalten bleiben sollen an dem Standort 370 Mitarbeiter.

Der Manager empfiehlt derweil der Belegschaft, sich auf dem Arbeitsmarkt umzuschauen: "Uns ist bewusst: Das sind beunruhigende Nachrichten für diesen Standort. Wir wissen aber auch: Es gibt Chancen für viele, sich auf einem leer gefegten Fachkräftemarkt neu zu orientieren", schreibt Wolf. Da solche "beruflichen wie persönlichen Umstellungen" Zeit bräuchten, plane man eine schrittweise Verringerung der Arbeitsplätze bis 2028. Man werde die Mitarbeiter "bestmöglich unterstützen". Der Manager verweist zudem noch auf Entwicklungsprojekte im Bereich Brennstoffzelle, die mit der Technischen Universität Chemnitz vereinbart sind. Wolf: "Sollten sich weitere Möglichkeiten ergeben, ergreifen wir diese natürlich, auch im Hinblick auf Kooperationen, die wir beispielsweise mit der TU Chemnitz unterhalten."

Kühn findet die Antwort des Managements beschämend. Wolf könne keine Ideen und keine belastbare Zukunftsperspektive präsentieren. Stattdessen versuche er die Verantwortung auf die Politik abzuwälzen. Der Bund unterstütze aber mit Milliarden die Entwicklung neuer Antriebstechnologien, so Kühn. "Was Continental als disruptiven Wandel bezeichnet, kam weder überraschend noch unvorhersehbar. Das Unternehmen hat schlicht zu spät darauf reagiert, und jetzt sollen die Beschäftigten das Nachsehen haben", schimpft er. Dem Werk drohe "ein Sterben auf Raten, weil sich ohne Zukunftsperspektive viele Mitarbeiter jetzt wegbewerben werden".

Der Chemnitzer IG-Metall-Chef Mario John kündigte derweil an, der Geschäftsführung noch ein Jahr Zeit zu geben, um gemeinsam mit Betriebsrat und Gewerkschaft nach Lösungen zu suchen. Bis Oktober 2020 werde man in einer "konstruktiven Phase" noch "die Füße stillhalten".

"Chemnitzer Erklärung"

Die IG Metall in Sachsen sorgt sich um die Jobs in der Metall- und Elektroindustrie: Der Umstieg auf die Elektromobilität, die Digitalisierung sowie die Neuordnung von Konzernstrukturen der Automobilhersteller führten zu teils drastischen Produktionsrückgängen und in Verbindung mit einer Eintrübung der Konjunktur zu "einer unwägbaren Entwicklung" für das Verarbeitende Gewerbe. In einer sechsseitigen "Chemnitzer Erklärung" fordert die Gewerkschaft daher alle verantwortlichen Akteure auf, steuernd, fördernd und auch abwehrend einzugreifen". Nun sei konkretes politisches Handeln gefragt, heißt es.

Das Land Bayern hatte erklärt, die Autoindustrie mit zusätzlichen 225 Millionen Euro zu fördern, um den Transformationsprozess zu bewältigen. Daran könne sich Sachsen ein Beispiel nehmen, so der Leipziger IG-Metall-Chef Bernd Kruppa.

9Kommentare
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  • 7
    1
    saxon1965
    29.11.2019

    @cn3boj00: Natürlich darf man nicht, nur um Arbeitsplätze zu sichern an veralteten Technologien festhalten. Da es jedoch um Klima und Umwelt geht, sollte man die E-Mobilität ehrlich auf den Prüfstein stellen und erst dann forcieren, wenn in der Summe auch was Besseres raus kommt. Zur Zeit muss man dies bezweifeln und die Gründe dafür, glaube ich, muss ich ihnen nicht aufzählen. Außerdem legt die Politik in meinen Augen einen populistischen Aktionismus an den Tag.
    Womit sichert England den Strombedarf? Im Königreich werden 15 A-Kraftwerke betrieben, teilweise mit einer Laufzeit bis 2035. Wir dagegen schalten Atomkraftwerke ab, Braunkohlekraftwerke wollen wir auch nicht mehr und ausgegorene Alternativen gibt es (noch) nicht. Politischer Aktionismus!
    Was die Rolle der Grünen betrifft, so haben auch sie Einfluss auf die Politik genommen. Selbst wenn sie im Bund nicht mit auf der Regierungsbank sitzen, so doch im Bundesrat durch Landesregierungen. Manchen werfen der CDU sogar vor, dass sie zu einer "grünen Partei" geworden sind. Ich bin sehr gespannt darauf, was aus dem Klimapaket wird. Besonders wie die Bundesländer argumentieren werden, wo die Grünen Regierungsverantwortung tragen.
    Was die Gründe für die Produktionsverlagerungen betrifft, gibt es zwei drei Hauptgründe. Zum einen steht da maximaler Gewinn den Kostenfaktoren gegenüber und diese werden hauptsächlich politisch beeinflusst (Steuern und Abgaben, Umweltauflagen, Lohnnebenkosten etc.) und zum Anderen geht es auch um Wachstum durch Erschließung von Märkten. So mussten unsere Autobauer mit Chinesen Joint Venture eingehen, wenn sie auf diesen Markt wollten. China machte auch dadurch einen Technologiesprung, wofür Andere Jahrzehnte brauchten. Ich denke, dass fällt ins jetzt auf die Füße.
    Ja, Politik wird sehr durch die Wirtschaft beeinflusst, aber auch umgedreht stellt Politik gerne mal unter Druck paar Weichen, um sich an der Macht zu halten. Nicht alles was entschieden wird, nutzt der Wirtschaft.
    Am meisten stört mich dabei, dass man sich nicht mehr durch die Politik vertreten fühlt. Wie legitim ist es, wenn Parteien und Einzelpersonen Schicksalsentscheidungen treffen ohne das Volk zu fragen?!
    Ich bleibe dabei: Deutschland und Europa werden die Welt nicht retten und gleich gar nicht durch E-Autos, während man am Globalismus festhält.

  • 8
    2
    gelöschter Nutzer
    29.11.2019

    Zeitung: die Erleuchtung kommt in spätestens 2 bis 3 Jahren doch dann kann es zu spät sein für viele Arbeitsplätze. Gut, bei manchen kommt sie auch nie.

  • 7
    4
    cn3boj00
    28.11.2019

    @saxon, Sie machen es sich da zu einfach, und Ihre Darstellung ist zu plakativ und ihre Argumente falsch. Dass es Wechselwirkungen gibt zwischen Politik und Wirtschaft ist ein ganz normaler Vorgang, das gibt es nicht erst seit dem Klimawandel. Selbst die Frage, ob die Entwicklung in Richtung elektrischer Antriebe damit zusammenhängt oder nur vorgeschoben ist darf in Frage gestellt werden. Elektrische Antriebe sind schlichtweg effektiver und einfacher herzustellen. Nur um Arbeitsplätze zu sichern muss man nicht an Technologien, die gewissermaßen nur noch marginal entwicklungsfähig sind, hängenbleiben. Es werden heute auch keine Röhrenfernseher mehr hergestellt, und es war eine Katastrophe als Grundig und Co. die Bildröhrenwerke dicht gemacht haben. Damals wurde genau so diskutiert, bloß ohne Klimaschutz.
    Völlig daneben ist aber, dass Sie die politische Entwicklung aber offenbar den Grünen anlasten. Da darf ich dann doch verweisen, dass die Grünen nicht mehr an der Regierung beteiligt sind, als man das Wort Klimaschutz noch gar nicht kannte, und dass sie auch noch nie maßgeblich an der Gesetzgebung beteiligt waren.
    Zum Tema Braunkohle wiederhole ich mich, wenn ich darauf verweise, dass die meisten unserer Nachbarn keine Kohlekraftwerke betreiben und Großbritannien innerhalb von 6 Jahren den Kohleausstieg vollbracht hat. Worin besteht also das Problem des Kohleausstiegs, außer dass es in Deutschland herbeigeredet wird? Sagen Sie es uns! Und die Know how - Abwanderung hat nun mit den Grünen gar nichts zu tun, nicht mal mit der Politik im allgemeinen. Ich habe es am eigenen leib erfahren, wie aus Kostengründen unsere Konzernleitung beschlossen hat, erst Produktion und dann sogar Entwicklung nach China zu verlagern. Und ich musste dabei mithelfen... Auch Ihnen sollte klar sein, dass in Deutschland wirtschaftliche Interessen immer noch die Politik bestimmen. Beim Verwechseln von Ursache und Wirkung verwechseln Sie wohl was.
    Natürlich wäre es die Aufgabe der Manager, wenn sich seit langem abzeichnet, dass der Bedarf an Dieseleinspritzungen zurückgeht, andere Produkte aufzutun. Dafür werden sie bezahlt und stecken horrende Unsummen ein. Nein. Da liege ich falsch. Manager werden bezahlt, um Kosten zu senken. Und in Limbach neue Produkte einzuführen kostet nur. Zumal wenn die im Osten jetzt auch noch Westtarife und 35-Stunden-Woche wollen. Ersatzprodukte kann man doch woanders viel billiger haben! Da kommt es doch gerade recht, wenn man einen hat auf den man zeigen kann: der ist Schuld! Und die graue Masse glaubt es gern.

  • 3
    6
    Zeitungss
    28.11.2019

    @saxon 1965: Guter Beitrag, die Realität kommt hier leider nur nicht an, es braucht noch viel Zeit bis zur Erleuchtung.

  • 16
    6
    saxon1965
    28.11.2019

    @ Lexistark, glauben sie doch nicht alles, was ihnen die Politik und deren Medien auftischen! Außerdem habe ich die Probleme verkürzt dargestellt. Dass das Alles wesentlich komplexer ist, ist auch mir bewusst. Das ganze System ist auf maximalen privaten Gewinn, gestützt durch Umverteilung größtenteils gesellschaftlichen Eigentums ausgerichtet und benötigt ständiges Wachstum. Und unter diesen Gesichtspunkten, für die es tausende Beispiele gibt, steht diese mehr und mehr unehrliche und verkorkste Politik.
    Da können sie gerne anderer Meinung sein, aber ich bleibe dabei, dass schon längst nicht mehr der Verbraucher oder gar der Bürger bestimmt, wer wie die Weichen stellt.
    Informieren sie sich bitte, dass D im gleichen Umfang Milch importiert, wie exportiert und dass nicht der Verbraucher die Milchpreise drückt, sondern die Diskounter. Wir Verbraucher haben so gut wie keine Macht, denn spätestens durch finanziellen Druck, werden wir gelenkt bzw. genötigt.
    Meine ganz persönliche Meinung zum Klima: Ja es wird ein Klimawandel geben. Die Fragen sind jedoch ob wir Menschen diesen aufhalten können, welche Rolle D und EU dabei überhaupt spielen, welchen Anteil der Verbrennungsmotor im PKW dabei spielt und was dass alles bringt, wenn wir weiter durch den Globalismus mit Flugzeugen und Schiffen die Erde und ihre Ressourcen vernichten.
    Ganz deutlich gesagt, die Deutschen können ab morgen zurück in die Hölen gehen und die Erde wird sich dennoch erwärmen. Ob es dazu die USA, Lateinamerika, Indien, die Chinesen oder andere nach mehr Wohlstand strebende Menschen braucht, bleibt die nächste Frage!

  • 15
    10
    gelöschter Nutzer
    28.11.2019

    Lexi...: Hier findet gar kein Wandel statt. Spätestens in 2 bis 3 Jahren wird man feststellen das sich das eauto nicht durchgesetzt hat und im Gegenteil die Umwelt dadurch noch mehr geschädigt und aufs falsche Pferd gesetzt hat. doch dann wird es zu spät sein denn dann ist der Zug abgefahren und man hat einen erfolgreichen Wirtschaftszweig und tausende Arbeitsplätze vernichtet.

  • 21
    12
    Tauchsieder
    28.11.2019

    Eine staatlich verordnete Arbeitslosigkeit !

  • 21
    17
    Lexisdark
    28.11.2019

    Das der Wandel stattfindet und in Richtung Elektromobilität geht, ist kein Geheimnis, da hat Continental wohl einfach gepennt. Außerdem ist die deutsche Automobilindustrie selbst schuld mit dem Dieselskandal.


    Da haben Sie sich aber fleißig ausgetobt, sax... Das Unternehmen sich verkalkuliert haben und wie schon in der Vergangenheit (z. B. beim Partikelfilter) immer wieder pennen und hoffen, die eigenen Lobbyisten bekommen geben die Richtung vor, ist nicht das Problem der Politik. Genauso wenig wie der Verkauf an chinesische Firmen, der wird von Managern ausgeführt. Alles staatlich zu schützen ist vor allem finanziell schwierig. Ebenso ist die Energiewende grundsätzlich eine gute Idee, nur die Ausführung ist mangelhaft und dadurch wird es immer teurer. Noch dazu muss jeder Michel in Deutschland mitreden wollen, auch wenn er nicht grundlegende physikalische Vorgänge versteht. Ihr Punkt mit den billigen Importen von Lebensmitteln ist auch eher die Schuld von Handel und Verbraucher. Speziell die Milch ist viel zu billig und sie kommt trotzdem aus Deutschland. Müsste eigentlich 1 Euro pro Liter kosten, aber dann geht Ihr Michel gleich auf die Barrikaden. Und dass die Bauern über strengere Vorschriften bei Dünger und Co. meckern war absehbar. Können sie ihre Sch**** der Tiere nicht mehr umsonst in die Landschaft kippen. Und es dauert noch Jahre, bis die Nitratwerte sinken.

  • 42
    17
    saxon1965
    28.11.2019

    "Kühn findet die Antwort des Managements beschämend." Mag in Teilen stimmen, was Herr Kühn da anführt. Jedoch verwechselt er Ursache und Wirkung. WER hat den eine Energiewende in Deutschland vorangetrieben und will am liebsten morgen aus der Braunkohle aussteigen, während um uns herum munter weiter Atomstrom produziert wird und in China hunderte Kohlekraftwerke gebaut werden. WER setzt denn einseitig auf E-Mobilität, wobei der PKW-Verkehrt nur mit einem Prozent am gesamten CO2-Aufkommen weltweit beteiligt ist? WER hat denn zugelassen, das deutsches Know-how China dabei hilft uns links zu überholen, in Allem!? WER erlaubt denn den Billigimport von Lebensmitteln und reglementiert unsere eigene landwirtschaftliche Produktion immer stärker, obwohl in Deutschland viel höhere Standards herrschen als bei den Exporteuren.
    WIR baden eine Fehlentscheidung bzw. Lobbypolitik nach der anderen aus, aber der deutsche Michel wird selbst seinen eigenen Untergang verschlafen!
    Es währe zum Lachen, wenn es nicht so bitter bitter ernst wäre!



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