Azubis bekommen Nachhilfe - im Betrieb

Jedes zweite Unternehmen in der Region kann seine Lehrstellen nicht besetzen - vor allem weil geeignete Bewerber fehlen. In der Not greifen die Betriebe auch auf ungewöhnliche Methoden zurück.

Wegen der sinkenden Schulabgängerzahlen und der zunehmenden Neigung, studieren zu gehen, wird es für die Unternehmen in der Region immer schwieriger, Auszubildende zu finden. Deshalb geben nahezu 80 Prozent der Betriebe inzwischen auch lernschwächeren Jugendlichen eine Chance. Etwa jeder dritte Betrieb fördert diese jungen Menschen dann im Unternehmen selbst mit Nachhilfe, um sie zum Berufsabschluss zu führen. Fast jeder zweite Chef greift dazu auf die Unterstützung der Agentur für Arbeit zurück. Rund jeder dritte Betrieb bietet Lernschwächeren aber auch eine Einstiegsqualifizierung oder ein langfristiges Praktikum, um sie ausbildungsreif zu machen. Das geht aus einer Umfrage hervor, an der sich 123 Mitgliedsunternehmen der Industrie- und Handelskammer Chemnitz (IHK) beteiligt haben. Jeder fünfte Betrieb kann oder will demnach aber auch keine leistungsschwächeren Schulabgänger ausbilden.

Generell stellen der Umfrage zufolge zwei von fünf Unternehmen aus der Region den Schulabgängern ein schlechtes Zeugnis aus: Es hapert den angehenden Auszubildenden demnach vor allem an Leistungsbereitschaft und Motivation, am mündlichen und schriftlichen Ausdrucksvermögen, an einfachsten Rechenfertigkeiten, an Disziplin und an der Belastbarkeit. Zunehmend beklagen die Unternehmen aber auch, dass die große Entfernung zwischen ihrem Betrieb und der Berufsschule ein Ausbildungshemmnis sei.

Jedes zweite Unternehmen in der Region konnte demnach im vergangenen Jahr auch nicht alle angebotenen Lehrstellen besetzen - überwiegend, weil sich überhaupt keiner oder kein geeigneter Bewerber fand. Jeder fünfte Lehrling schmiss laut Umfrage kurz nach Ausbildungsbeginn aber auch wieder hin, jeder Siebente trat seine Stelle erst gar nicht an, bei jedem Zehnten löste der Betrieb den Vertrag wieder auf. Neun von zehn befragten Unternehmen monieren denn auch, dass viele Schulabgänger zu unklare Berufsvorstellungen hätten. "Die Berufsorientierung muss daher noch mehr ausgebaut und praxisorientierter werden - insbesondere an den Gymnasien", fordert die Chemnitzer IHK.

Denn nur rund 15 Prozent der aktuellen Auszubildenden im ersten Lehrjahr im IHK-Kammerbezirk haben die Schule mit Abitur oder Fachhochschulreife abgeschlossen. 65 Prozent der Azubis brachten hingegen einen Realschulabschluss mit. Das geht aus einer Umfrage hervor, an der sich 841 Jugendliche im ersten Lehrjahr aus dem IHK-Kammerbezirk beteiligt hatten. Rund 80 Prozent davon gaben dabei an, tatsächlich ihren Wunschberuf gefunden zu haben. Sogar 94 Prozent der Befragten würden demnach ihren Lehrbetrieb weiterempfehlen. Mehr als jeder Achte macht aber schon mindestens seine zweite Lehre.

Auch für das kommende Lehrjahr haben Bewerber noch alle Chancen, ihre Traumlehrstelle zu ergattern. Zwar haben bis zum 30. Juni schon 2300 Jugendliche im Chemnitzer IHK-Bezirk einen Ausbildungsvertrag unterzeichnet. Aktuell finden sich in der regionalen IHK-Lehrstellenbörse aber immer noch noch mehr als 700 unbesetzte Stellen in allen Branchen. Am stärksten wird in den Metall- und elektrotechnischen Berufen sowie im Handel gesucht. Auch in der Lehrstellenbörse der Chemnitzer Handwerkskammer sind noch rund 680 offene Stellen eingetragen.

Um Nachwuchs für sich einzunehmen, setzen laut IHK-Umfrage inzwischen fast drei von vier Unternehmen verstärkt auf Praktikumsplätze. Aktiv werben demnach 40 Prozent auch zunehmend um Studienabbrecher. Jeder dritte Chef kooperiert mit Schulen und jeder fünfte mit einer Hochschule, um junge Menschen für eine Ausbildung in seinem Unternehmen zu begeistern. Jeder fünfte Betrieb plant demnach zudem, in den kommenden zwei Jahren Flüchtlinge auszubilden. Sieben Prozent machen das der IHK-Umfrage zufolge bereits.

"Die Bereitschaft der Unternehmen, Flüchtlinge zu testen, nimmt seit drei Jahren zu", sagt IHK-Geschäftsführer Christoph Neubert. In mehr als jedem achten Betrieb im Kammerbezirk absolviert der Umfrage zufolge inzwischen schon ein Flüchtling ein Praktikum oder eine Einstiegsqualifizierung.

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