Daraus kann man was machen

Bei Glas, Schrott und Papier ist der Kreislauf von Herstellung und Recycling schon ziemlich perfekt. Sächsische Firmen arbeiten daran, auch seltene Metalle und Altreifen im System zu halten: ein Schritt in eine bessere Zukunft.

Aue/Mülsen.

Kobalt ist ein potentes Element. Kobaltblaue Pigmente aus den Farbmühlen des Mittelalters zierten Meißner Porzellan und Delfter Kacheln. Kobalt wird Tierfutter beigemischt und zu Magneten für Motoren und Generatoren verarbeitet. Im frühen Silberbergbau des Erzgebirges galt Kobalt als wertloser Beifang - Scherz eines "Kobolds", daher der Name. Seit es aber in den Elektroden für E-Auto-Batterien steckt, ist der Weltmarktpreis für Kobalt explodiert. Hauptfördergebiet ist der Kongo, ein gewaltgeplagtes Land im innersten Afrika.

Das Glas in der Hand von Volker Carluß,Geschäftsführer der Nickelhütte Aue GmbH, enthält eine körnige, intensiv weinrot gefärbte Substanz. Auf einer Palette direkt neben der Abfüllanlage, deren großer Trichter ins Auge fällt, liegen prallweiße 25-Kilo-Säcke: Cobaltsulfat. "150 Tonnen gewinnen wir pro Jahr, vor allem aus Autobatterien", sagt Carluß. Draußen im Hof stapeln sich silbern schimmernde Kisten mit Lithium-Ionen-Akkus aus den Schmieden der Elektromobilität. "Diese Akkus weisen Fertigungsfehler auf und werden deshalb nicht verbaut", sagt Volker Carluß. "Das braucht bloß eine falsche Bohrung im Gehäuse zu sein." Die Auer schmelzen diese Akkus ein und gewinnen außer Kobalt auch Kupfer und Nickel zurück. Vorsicht ist angebracht: Ein explodierender Akku setzt ungeheure Energien und eine zehn Meter hohe Stichflamme frei. Noch fünf bis zehn Jahre, und es werden nicht nur Fehlchargen, sondern erste Akkus am Ende ihres vorgesehenen Lebenszyklus' auf den Verwertungsmarkt gelangen.

Knapper werdende Rohstoffe wie Kobalt und Metalle der Seltenen Erden durch Recycling im Stoffkreislauf zu halten, ist ein Zukunftsgeschäft. Nach einer aktuellen Schätzung der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe wird sich allein die Kobalt-Nachfrage bis 2026 auf 225.000 Tonnen jährlich verdoppeln. Der Kobalt-Preis hat sich binnen zwei Jahren vervierfacht. Im Frühjahr wurde eine Tonne zum Rekordpreis von 90.000 Dollar gehandelt, derzeit für etwas über 70.000 Dollar. Es gibt ernstzunehmende Warnungen, dass der internationale Kobaltmarkt in ein paar Jahren mangels Nachschub kollabiert.

"Das öffentliche Image unserer sächsischen Abfallwirtschaft ist nicht immer gut. Viele haben aber gar keine Vorstellung, was hier tatsächlich geleistet wird", sagt Sachsens Umweltminister Thomas Schmidt (CDU), der die Nickelhütte Aue vor einigen Tagen besucht hat. "Wir haben hier hochinnovative Unternehmen. Ihre wirtschaftliche Bedeutung ist groß, die Umweltbedeutung gar nicht zu überschätzen." Schmidt erinnert an die gar nicht so fernen Zeiten, als noch "jedes Dorf nebenan eine Müllhalde" hatte und unergründliche DDR-Altdeponien den Anwohnern Albträume machten. "Unsere Art des Umgangs mit Abfall hat sich völlig verändert", sagt Schmidt. "Der Verwertungsanteil ist viel höher geworden."

Zum Beispiel hier, im Gewerbegebiet Gartenstraße im Mülsengrund bei Zwickau - eine frühere landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft, die Gebäude nutzt, deren Vergangenheit als Schweinestall noch an der Bauweise ablesbar ist. "Als wir damals sagten, was wir vorhatten, erklärten uns erstmal viele für verrückt", erinnert sich Andreas Baumann, ein gelernter Elektromeister. Heute ist er Geschäftsführer der MRH-Mülsener Rohstoff- und Handelsgesellschaft mbH, die seit 1995 eine Recyclinganlage für nicht wiederverwendungsfähige Altreifen betreibt.

Zu Anfang haben Baumanns Leute aus den Altreifen einen Brennstoff für Zementwerke gewonnen, am Ende thermische Verwertung, sprich: Verbrennung. Heute produzieren sie ein voll kreislauffähiges Erzeugnis: Gummimehl und Gummigranulat verschiedener Größen. "95 Prozent unserer Wertschöpfung kommt inzwischen aus unseren Produkten, nur fünf Prozent daraus, dass wir Altreifen entgegennehmen", rechnet Andreas Baumann vor. "Wirtschaftlich ist das, was wir entgegennehmen, eher Beschaffung. Und da wir ausschließlich Lkw-Reifen verarbeiten, die wir großflächig einsammeln - auch mit eigenen Lkws und mit Lagerplätzen in Berlin und in der Lausitz - geht dieser Entsorgungsanteil am Ergebnis gegen Null." Nicht mehr nur Recyclingbetrieb, sondern Produzent und Lieferant für innovative Industrieprodukte: So sehen sich die Mülsener selbst.

In den Statistiken zur Kreislaufwirtschaftsbranche tauchen allerdings nur solche Betriebe überhaupt auf, die das meiste Geld mit Entsorgung verdienen. Nach dieser Definition gehören der Kreislaufwirtschaft in Sachsen 162 Betriebe mit knapp 9000 Beschäftigten an. Ihr Umsatz liegt bei knapp 1,4 Milliarden Euro. "Das sind aber konservative Zahlen, die eher untertreiben, welche wirtschaftliche Bedeutung die Kreislaufwirtschaft in Sachsen hat", betont Eberhard Kietz, scheidender Referent für Wertstoffwirtschaft im sächsischen Umweltministerium. So gelte auch die Nickelhütte Aue (420 Mitarbeiter, rund 200 Millionen Euro Jahresumsatz) nicht als Entsorgungsunternehmen, sondern als ein Hersteller chemischer Fabrikate und Halbfabrikate.

Die Mülsener MRH hat zur Weiterverarbeitung ihrer eigenen Gummimehle und Gummigranulate eine Tochterfirma gegründet. Rund 2000 Tonnen Granulat werden in der Polymer Technik Mülsen GmbH zu Gummiplatten, Industriefliesen verschiedener Farben und Härtegrade, Sportstättengranulaten und Zuschlagstoffen für Asphalt verarbeitet, die Straßen länger haltbar machen sollen. Ein wasserdichter Beschichtungsstoff aus Mülsener Fertigung für den Hausgebrauch, eine Art streichfähige Gummihaut für Haus, Dach und Anschlüsse, ist für Endkunden im Baumarkt erhältlich.

Geschäftsführer Baumann und Werkleiter Peter Belger sind stolz, wenn sie die Entwicklung des Mülsener Betriebes Revue passieren lassen: "Viele ähnliche Anlagen sind nicht mehr da, aber wir haben überlebt, auch wenn es schwere Jahre mit Kurzarbeit gab", sagt Baumann. Anfangs machte den Mülsenern die Randlage an der EU-Außengrenze zu schaffen. Vom EU-Beitritt Tschechiens und Polens hat die MRH profitiert, beide Länder sind als Beschaffungs- wie als Absatzmärkte interessant. Heute erzielt der mittelständische Betrieb mit 55 Beschäftigten etwa 6,2 Millionen Euro Umsatz.

In Deutschland fallen jedes Jahr rund 200.000 Tonnen Lkw-Reifen zur Verwertung an - so viel wie es der Nutzlast eines riesigen Containerschiffs entspricht. Ein Zehntel dieses jährlichen Anfalls, 20.000 Tonnen, werden in Mülsen verarbeitet. Ein einzelner 60-Kilo-Reifen besteht zu 28 Prozent aus Stahl, zu 71 Prozent aus Gummi und zu einem Prozent aus Textil. Die Lkw-Stahlgürtelreifen werden in Mülsen geschreddert und zermahlen, der Stahlanteil wird mit Magneten separiert. Die Gummistückchen werden dann weiter zerkleinert, von Verunreinigungen befreit, gesiebt und verpackt. "Bei den Gummibelägen und Industriefliesen, die wir daraus herstellen, finden Sie keinen Unterschied zu Neuware", sagt Andreas Baumann. "Alles ist 100 Prozent recycelbar. Wir können das im Prinzip immer wieder machen."

Dass der Einsatz von Sekundärrohstoffen immer wichtiger wird, ist mehr als ein sächsisches Thema, es ist ein weltweiter Trend. "Wir beobachten, dass Großkonzerne wie der Kunststoffhersteller Borealis oder die französische Veolia Recyclingbetriebe kaufen, um sich Ressourcen zu sichern", erläutert Dietmar Lohmann, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Landesverbandes der Recyclingwirtschaft Sachsen. Die Staatsregierung, sagt Umweltminister Schmidt, unterstütze den Trend hin zu den Sekundärrohstoffen. In einem neuen sächsischen Abfallgesetz will sie der Industrie einen Begründungszwang auferlegen, wenn diese keine recycelten Rohstoffe einsetzt. Darüber wird der Landtag voraussichtlich im Herbst beraten.

"Wir haben schon Recycling gemacht und waren auf Sekundärrohstoffe angewiesen, als das noch gar nicht so hieß", sagt Volker Carluß von der Nickelhütte Aue. Die Tradition reiche bis 1635 zurück, als hier das erste Blaufarbenwerk entstand. Heute zählt die Nickelhütte 100 Beschäftigte mehr als vor der Wende. Der Kern des Betriebes sind die Schmelzanlagen, etwa drei Drehflammöfen, die 20.000 Tonnen Rohstoffe - Akkus, Schlämme - im Jahr verarbeiten. Etwa zehn Prozent Kobalt sind in einer Batterie enthalten.

Wo im Reifenhof der Mülsener MRH rund 1000 Lkw-Reifen ihrer Verarbeitung harren, stehen in der Nickelhütte Dutzende Boxen, Fässer und Container mit Sekundärrohstoffen bereit. "Im Prinzip fahren wir überall in der Welt herum und fragen: Was macht ihr mit euren Metallen?" erklärt Volker Carluß. Für eine Verarbeitung von Bergbau-Erzen wäre die mitten im Auer Stadtgebiet gelegene Hütte heute viel zu klein, auch wenn sie über eine Tochterfirma in Niederschlag bei Bärenstein noch eine Fluss- und Schwerspatgrube betreibt. "Die von uns verarbeiteten Rohstoffe müssen eher spezifisch und für andere ungeeignet sein", sagt der Geschäftsführer. Die Auer finden sie weltweit - etwa in Japan und im Nahen Osten.

Anders als in der Chemieindustrie genießen Produkte aus vollständig recyceltem Material noch nicht überall, auf allen Märkten das volle Vertrauen. Das weiß auch Minister Schmidt. "Der Kulturwandel ist aber eingeleitet und unumkehrbar", sagt er. "In der Autoindustrie zum Beispiel wird schon bei der Konzeption das Recycling mitgedacht."

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