Der Handymann mit Stallgeruch

Die Hartmannsdorfer Komsa-Gruppe beackert seit 25 Jahren den Markt rund um Smartphones und Co. Es ist eine Erfolgsgeschichte, an der auch der gelernte Nachrichtentechniker Axel Brandt seit vielen Jahren mitschreibt. Eines aber wurmt den Manager noch.

Hartmannsdorf.

An seinen ersten Arbeitstag in Hartmannsdorf kann sich Axel Brandt nicht wirklich erinnern. Ein Tag im Oktober war es, im Jahr 1994. Die Firma Komsa existierte bereits seit knapp zwei Jahren. Brandt, damals 32 Jahre alt, war gerade arbeitslos und vom Arbeitsamt in Chemnitz zum Vorstellungsgespräch nach Hartmannsdorf geschickt worden. Eine Stunde habe das Gespräch mit Komsa-Gründer Gunnar Grosse gedauert, erinnert sich Brandt, der eine Ausbildung als Facharbeiter für Nachrichtentechnik vorweisen konnte. Das, was er von Grosse zu hören bekam, habe sehr visionär geklungen. "Aber am Ende ist fast alles aufgegangen", erzählt Brandt. Sogar eine Autobahnabfahrt habe Komsa inzwischen: die Abfahrt 19 auf der A72 heißt Hartmannsdorf/Komsa. Brandt muss lachen: "Ich weiß nicht, wie der Gunnar das geschafft hat."

Als Brandt bei Komsa anfing, war er Mitarbeiter Nummer 15. "Am Anfang war nicht viel da", schildert er. In einem ausrangierten Stall auf einem Bauernhof begann er mit zwei Kollegen Handys zu reparieren. Eine wilde, ungestüme Zeit, in der, so scheint es im Rückblick, alles möglich war. Brandt jedenfalls stieg rasch auf. Nach fünf Monaten - die Probezeit lief noch - übernahm er Führungsverantwortung, wurde Chef der Serviceabteilung. Jahr für Jahr kamen neue Mitarbeiter dazu. Vier Jahre später hatte er eine ganze Halle unter sich. "Man wächst da hinein", sagt Brandt, der heute nicht nur den Reparaturbereich leitet, sondern auch der Konzernleitung angehört. Für 500 Mitarbeiter ist der 55-Jährige zuständig, ein Teil davon ist in der polnischen Niederlassung in Breslau tätig. An Brandts Werdegang lässt sich die Entwicklung von Komsa nachvollziehen. Es ist eine Erfolgsgeschichte - seit 25 Jahren.

Mit rund 20 Tochterfirmen beackert die Komsa AG den Markt rund um Smartphones und Co. Komsa gilt als einer der führenden Dienstleister in der Branche, arbeitet mit nahezu allen großen Geräteherstellern und Netzbetreibern zusammen. Die Gruppe gehört zu den 200 größten familiengeführten Unternehmen in Deutschland. Mit einem Umsatz von zuletzt mehr als einer Milliarde Euro hat sie es inzwischen fast bis in die Top Ten der umsatzstärksten Unternehmen Mitteldeutschlands geschafft - im aktuellen Ranking steht Komsa auf Platz elf. Gut 1800 Mitarbeiter beschäftigt der Konzern. Allein am Stammsitz in Hartmannsdorf (Landkreis Mittelsachsen) sind die Mitarbeiter in zehn Gebäuden verteilt. Gerade erst hat das Unternehmen drei neue Objekte im Gewerbegebiet der Stadt nahe Chemnitz, die keine 5000 Einwohner zählt, in Betrieb genommen. Gut 30 Millionen Euro wurden investiert - in ein "Haus der Dienstleistungen", ein Hochregallager, einen Verbindungsbau sowie neue Technik. "Weil der Platzbedarf ständig steigt, waren die Neubauten dringend notwendig", erklärt Pressesprecherin Andrea Fiedler. Es ist die größte Investition in der Firmengeschichte. Das soll am Wochenende gefeiert werden, zusammen mit dem 25-jährigen Firmenjubiläum. Für letzteres wäre zwar noch ein halbes Jahr Zeit - Grosse gründete Komsa am 1. Dezember 1992. Doch weil es in der Vorweihnachtszeit ohnehin hektisch zugeht, entschied man sich, jetzt schon auf das "Vierteljahrhundert" anzustoßen.

Komsa - das ist rückblickend die Geschichte eines mutigen Neuanfangs. Der in Schweden aufgewachsene Grosse war schon über 50 Jahre alt, als er sich in die neue Gründergeneration Ostdeutschlands einreihte. Der Diplom-Kaufmann hatte sich bis dahin in Schweden als Vorstand einer großen Gesellschaft dem Vertrieb von Versicherungen gewidmet. Als die Wende kam, erinnerte er sich der Heimat seiner Eltern: Sein Vater stammt aus Hartmannsdorf. Grosse kehrte zu seinen familiären Wurzeln zurück. Im Osten angekommen, erkannte er sofort, an was es fehlte: Telefonleitungen. Grosse, Jahrgang 1939, sprang auf den Zug der gerade beginnenden Mobiltelefonie auf und begann Handys zu vertreiben. "Nach der Wende wurden Telefone gesucht. Alle wollten anrufen, aber kaum einer konnte", fasste er es einmal zusammen.

Schlag um Schlag ging es aufwärts, und manchmal musste es dabei wohl auch Hals über Kopf gehen. Axel Brandt erinnert sich noch gut, als Ende der 1990er-Jahre die Serviceabteilung bei Komsa von neun auf 27 Mitarbeiter aufgestockt werden musste, weil der Handyhersteller Ericsson sein Servicecenter in Hildesheim schloss. "Wir hatten nur drei Wochen dafür Zeit." Als er später mit seiner Mannschaft in eine mehr als 500 Quadratmeter große Halle im Gewerbegebiet gezogen war, dachte er: Das reicht für alle Zeiten. "Es hat aber nur drei Jahre gedauert, bis die Halle voll war."

Nicht nur einmal musste Brandt mit seiner Abteilung umziehen, weil es zu eng wurde. "Den ersten Umzug haben wir im Jahr 2001 mit einem Lkw an einem Samstag gemacht. Beim letzten 2016 brauchten wir dafür drei Wochenenden, eine Fremdfirma und viele Lkw-Fuhren." Seit Ende vorigen Jahres sitzt das in der Tochterfirma W-Support untergebrachte Reparaturgeschäft im neuen "Haus der Dienstleistungen" - auf 3600 Quadratmetern. "Dort ist alles so, wie es sein sollte."

Doch nicht immer schien die Sonne: 2003 war die Auftragslage so schlecht, dass W-Support ein Drittel der Belegschaft entlassen musste, gut 30 Mitarbeiter. Ein Jahr später konnte Brandt dank eines neuen Großauftrags einen Großteil der Leute wieder zurückholen.

Brandt gilt bei Komsa längst als Urgestein. Auch wenn die ungestümen Zeiten vorbei sind - der 55-Jährige packt noch immer gern an, am liebsten hemdsärmlig. Auf den Anzug verzichtet er, wann immer es geht, trägt stattdessen Jeans und Poloshirt. Ein gelbes Etikett mit dem Kürzel "ESD" auf dem blauen Shirt weist darauf hin, dass es sich um Schutzkleidung handelt, die elektrische Ladungen ableitet - wichtig bei der Arbeit mit Elektronik. Doch moderne Smartphones reparieren, das könne er nicht mehr. "Irgendwann ist man raus, ich habe mit der Organisation genug zu tun", sagt er. Aber im Grundsatz wisse er natürlich Bescheid über die Dinge.

Und wenn man ihn fragt nach den Dingen, geht Brandt der Stoff nicht aus. Er erzählt von der Badewannenkurve (wenn Handys kaputtgehen, dann oft am Anfang und nach 24 Monaten) und davon, dass heute die Herausforderung darin besteht, die Smartphones auf- und zuzumachen. Der Grund: Die Hersteller arbeiteten mit viel Klebstoff, damit die Geräte spritzwassergeschützt sind. Man erfährt von ihm auch, dass das Geschäft arbeitsteiliger geworden ist und die Chips heute Kügelchen anstatt Beinen haben.

Als das Gespräch auf das Thema Betriebsrat kommt, verfinstert sich seine Miene aber kurz: Vor knapp einem Jahr wählte die W-Support-Belegschaft einen Betriebsrat. Der Wahlvorstand sei von den Mitarbeitern mit großem Applaus bedacht worden, berichtet Enrico Zemke, Gewerkschaftssekretär bei Verdi. "Ich glaube, das ist auf dem richtigen Weg", schätzt Zemke ein. Doch beim Komsa-Management scheint sich die Begeisterung in Grenzen zu halten. Brandt sagt dazu nicht viel, nur so viel: Der Betriebsrat müsse erst noch lernen, was es heißt, Verantwortung zu übernehmen. Einen Betriebsrat gibt es neben W-Support nur noch bei einer weiteren Tochterfirma - ungewöhnlich für ein modernes Großunternehmen wie Komsa. Firmensprecherin Fiedler verweist auf sogenannte Teamcoaches, die die gleiche Funktion übernähmen und die Ansprechpartner seien. Mitarbeiter aus allen Bereichen könnten sich dafür bewerben. Dass ein nach dem Betriebsverfassungsgesetz gewählter Betriebsrat einen anderen Stellenwert hat, erfährt man von ihr freilich nicht.

Doch Betriebsrat hin oder Teamcoaches her - am Erfolg von Komsa lässt sich nicht rütteln. Das Unternehmen wächst nach wie vor, wenn auch nicht mehr ganz so rasant wie in den Anfangsjahren. "Die Kurve ist ein bisschen flacher geworden", sagt Brandt, der sich auch heute noch keinen anderen Arbeitgeber vorstellen kann. "Ich habe hier Dinge miterleben dürfen, die einmalig in der Region sein dürften." Auch für den Hartmannsdorfer Bürgermeister Uwe Weinert ist Komsa ein "ganz großer Glücksfall". Die Firma sei nicht nur der größte Steuerzahler, sondern ein Leuchtturm, der weitere Firmen angezogen habe. Weinert: "Der gesamte Ort profitiert davon."

Am Wochenende wird nun erst mal gefeiert, am Sonntag dürfen sich Besucher ein Bild machen. Und danach? Wie sieht die Zukunft aus? Brandt hat da keine Sorge: Komsa sei vielfältig geworden, auch komplexer und immer noch für eine Überraschung gut. Eines wurmt ihn aber: Mit allen großen Herstellern arbeite man zusammen - außer Apple. Die hätten ganz eigene Vorstellungen. "Aber da arbeiten wir dran. Wir brauchen ja schließlich noch Ziele."

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