Drei Freunde und eine gute Idee - Appsfactory erhält Unternehmerpreis

Die Firma wächst atemberaubend schnell und das aus eigener Kraft: Die Chefs der Appsfactory sind zu "Sachsens Unternehmern des Jahres" gekürt worden. Sie sehen sich als ein Beispiel dafür, dass Ost und West in der Führungsetage harmonieren können.

Leipzig.

Auch wenn der Firmenname noch nicht jedem etwas sagt: Auf dem Handy und Tablet des einen oder anderen hat das Unternehmen Appsfactory seine Spuren hinterlassen. Wer mit Jörg Pilawa Quizduell spielt oder bei der Deutschen Bahn nach Routen sucht, greift auf Apps der Leipziger zurück. Tropft der Wasserhahn, können Mieter der größten Wohnungsgesellschaft Vonovia den Hausmeister per App bestellen - entwickelt in Leipzig. Dank der Messestädter können sich User virtuell im Rechenzentrum des Energiedienstleisters Envia M umsehen oder sich interaktiv auf die Teststrecke von Porsche vor den Toren Leipzigs begeben. Im Portfolio der Agentur finden sich inzwischen über 90 Kunden der Bereiche Medien, Automotive und Finanzen, E-Commerce sowie Bildung, Gesundheit, Reise und Telekommunikation, darunter namhafte Kunden wie Mercedes, die Tagesschau, FAZ, Samsung oder der MDR.

"Das Schöne daran ist, die Kunden halten uns zumeist die Treue", meint Alexander Trommen, der die Firma 2009 zusammen mit Roman Belter und Rolf Kluge gegründet hat. Dass der heute 52-jährige Münchner auf die beiden Leipziger IT-Spezialisten gestoßen ist, verdankt das Gespann einem gemeinsamen Freund. Der Mitgründer des Jenaer Softwareanbieters Intershop, Roland Fassauer, brachte die drei zusammen.

Zu dem Zeitpunkt hatten die beiden Leipziger bereits ihre erste Entwicklung auf dem Markt, die für Laufanfänger bis Marathonläufer interessante Tracking-App Smart-runner. "Wir standen vor der Frage, wie geht es weiter. Bauen wir das Tracking-Geschäft aus, was ohne fremdes Kapital nicht ging, da zahlreiche Nachahmer auf den Markt drängten. Daraufhin entschlossen wir uns die Firma in Leipzig zu gründen", erzählt Belter, der Kluge (beide 39) nicht nur seit Kindheitstagen kennt, sondern mit ihm auch Wirtschaftsinformatik in Leipzig studiert und wie sein Freund auf dem Gebiet später promoviert hat.

2011 entschloss man sich bei Appsfactory, nicht nur auf die App Smartrunner zu setzen, sondern lieber viele verschiedene Apps für Unternehmen zu bauen. In Trommen fand man genau den richtigen Mann für den Aufbau einer Agentur zur Entwicklung und Vermarktung von mobilen Applikationen. Der Münchner ist promovierter Betriebswirtschaftler und Gründer der Minick-Gruppe (später Swisscom) - bringt also ausreichend Erfahrung unter anderem im Mobile Marketing mit.

"Zudem laufe ich genauso gerne wie die anderen zwei", fügt Trommen an. Überhaupt stimme die Chemie ausgezeichnet. Appsfactory sei ein gutes Beispiel dafür, dass Ossis und Wessis in der Führungsetage harmonieren können. "Ich kenne einige hervorragende Agenturen aus den neuen Ländern, die gescheitert sind, weil ihnen die überregionalen Kontakte gefehlt haben. Ein Schicksal, das sie mit Agenturen im Westen teilen, denen schlicht das Know how fehlt." Womit Trommen zwei der Vorteile von Appsfactory aufzählt. Ein weiterer ist, dass die drei Gründer weitgehend darauf verzichten, ihr Wachstum durch Kredite oder Investoren zu finanzieren. Zu 90 Prozent gehören ihnen die Anteile am Unternehmen. Sie allein also haben das Sagen.

Das Wachstum, das Appsfactory hinlegt, ist atemberaubend. 2009 gestartet, hatte die Firma zwei Jahre später bereits 22 Mitarbeiter. Heute sind es 220 an vier Standorten - neben Leipzig sind das Hamburg, Erfurt und München. Weitere sollen dazukommen. Die Räumlichkeiten in der Leipziger Nikolaistraße reichen schon jetzt nicht mehr, deshalb zieht die Firma in den ebenfalls in der City gelegenen Bürokomplex Stadtfenster gegenüber der Thomas-Kirche. Vorerst ist an eine Verdoppelung der derzeitigen Bürofläche gedacht.

Haben viele Konkurrenten ihr Wachstum vor allem einer massiven Marketingstrategie zu verdanken, geht Appsfactory diesen Weg nicht. "Natürlich sind auch wir auf ein bis zwei Messen im Jahr vertreten. Aber neue Aufträge gewinnen wir vorwiegend durch Empfehlungen unserer Kunden", so Trommen.

600 Applikationen hat das junge Team bis heute entwickelt. "Jährlich sind es 50 bis 60", sagt Trommen. Und er hat gleich noch einige Fakten und Zahlen parat. Im Ranking der Internetagenturen von "iBusiness" rückte Appsfactory im Vorjahr von Rang 39 auf 31 vor. Die Agentur erzielte zudem den vierten Rang im Subranking der am schnellsten wachsenden Agenturen mit mehr als 2,5 Millionen Euro Jahresumsatz.

"Hört sich ziemlich glatt an. Ist aber hart erkämpft." Trommen holt tief Luft und nennt einen Rückschlag, der besonders weh tat, wie er sagt. So haben die Leipziger einen grafischen Taschenrechner für einen Schulbuchverlag entwickelt. "Die Idee war, dass jeder Schüler mit dem Handy seine Schulaufgaben lösen kann. Nur den Aufwand haben wir viel zu niedrig angesetzt", sagt der Leipziger Kluge. Letztlich dauerte die Entwicklung nicht nur deutlich länger, sie spielte auch erheblichen Verlust ein. Kluge fügt an: "Bei etwa jedem zehnten Projekt verkalkulieren wir uns und zahlen letztlich drauf." Bei individualisierter Software sei das nicht unüblich. Es gebe aber kein Projekt, das man nicht zu Ende bringe. "Winston Churchill hat einmal gesagt", zitiert er den britischen Politiker: "Erfolg ist nichts Endgültiges, Misserfolg nichts Fatales: Was zählt, ist der Mut weiterzumachen." Das sei Unternehmensmaxime.

Das schnelle Wachstum stellt die Firma vor große Herausforderungen. Allein in diesem Jahr wolle man 100 neue Leute einstellen. Natürlich könne man auch nach Indien oder in andere Länder Aufgaben auslagern. "Wir definieren uns aber durch unseren engen Kontakt zum Auftraggeber und der laufenden Abstimmung in der Entwicklungsphase", so Trommen. Das ginge nur mit festen Mitarbeitern, die sich "durch und durch mit Appsfactory identifizieren". Nur so komme man zu innovativen Features. Als Beispiel nennt er eine Funktion bei der App für den Sternekoch Alfons Schuhbeck, die es Benutzern ermöglicht, Freunde direkt aus der Koch-App heraus mit bebildertem Menü per Mail einzuladen. "Dieses Feature hatte vorher keine andere Rezepte-App." Ein anderes Beispiel sei das Austauschen von Rezepten im Diätplan bei der Brigitte Diät-App, falls man ein bestimmtes Gericht nicht mag. "Auf so etwas kommt man nur, wenn man sich intensiv mit der Nutzungssituation beschäftigt und daraus sinnvolle Features ableitet", sagt der 52-Jährige.

Angesichts des schnellen Wachstums sei das Klima im Unternehmen wichtig. Im Büro gibt es Rückzugsbereiche, in einigen Ecken stehen Sofas und Sessel. Wer den Kopf frei kriegen will, kann Tischtennis spielen oder mit anderen auf der Terrasse grillen. Das allein sei es aber nicht, weshalb die Fluktuation extrem gering sei. "Neben einem angemessenen Gehalt zählt für unsere Mitarbeiter auch, dass wir uns bei Problemen nicht wegducken", sagt Belter. Als die Mutter eines Kollegen aus Spanien an Covid-19 erkrankte, sei es selbstverständlich gewesen, dass er von seiner Heimat aus arbeiten und sie pflegen konnte. "Statt der geplanten zwei Wochen wurden vier daraus. Das muss gehen und ging."

Bei Appsfactory arbeiten Ukrainer, Weißrussen, Brasilianer, Albaner, Polen, Mexikaner, Russen oder Tschechen. Angesichts von Mitarbeitern aus 27 Nationen verwundert nicht, dass in der Firma Englisch gesprochen wird. Um das schnelle Wachstum zu sichern, reicht der enge Kontakt zu den Unis in Mitteldeutschland nicht mehr aus. "Man kennt uns bei zahlreichen Botschaften", sagt Trommen. Das muss sein, um beim Abbau bürokratische Hindernisse helfen zu können. Und es gibt Unterstützung für die Neuen. Trommen erzählt von der Wohnung über den Büroräumen, wo neue Mitarbeiter aus dem Ausland solange wohnen können, bis sie etwas Eigenes gefunden haben. Davon braucht man bald mehr. Schon 2023 sollen bei Appsfactory bis zu 500 Mitarbeiter beschäftigt sein. lvz

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