Ein Fuchs im Fahrzeugfinden

Hendrik Scherf liefert Telematik, die Autos ortet und Daten hortet. Der Chef des Softwarehauses Yellowfox wurde für den Unternehmerpreis nominiert.

Wilsdruff.

Wenn das kein Unternehmer ist: Schon während des Abiturs in Freital hatte Hendrik Scherf einen Gewerbeschein. Früh hat er Handys an Schulfreunde verkauft und ihre Autos repariert. Inzwischen ist Scherf mit seinem Unternehmen sechsmal umgezogen und plant gerade die neue Zentrale für künftig 150 Arbeitsplätze. Hell, luftig, mit viel Holz, bitte.

Noch arbeiten Hendrik Scherf und seine 84 Beschäftigten auf drei Etagen eines Hochhauses verteilt, im Kesselsdorfer Gewerbegebiet der Stadt Wilsdruff (Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge) bei Dresden. Zwei Tischkicker und eine Vitrine mit alten Handys im Eingang signalisieren: Yellowfox muss eine Softwarefirma sein. Das stimmt auch, aber Hendrik Scherf kann nach eigenen Angaben nicht programmieren, und zu seinen besten Leuten zählt er einen gelernten Koch und einen Dachdecker. Scherf selbst hat mal Bauzeichner gelernt, um auf Wunsch des Vaters eine ordentliche Lehre zu absolvieren. Nun leitet der 46-Jährige die Yellowfox GmbH mit 16,5 Millionen Euro Umsatz und hat ein anstrengendes Jahr hinter sich.

Trotz Corona-Kontaktbeschränkungen hat Scherf voriges Jahr 17 neue Mitarbeiter eingestellt. Wie im Jahr davor meldete er mehr als 20 Prozent Umsatzwachstum. Obwohl Hendrik Scherf seine Kollegen als zweite Familie bezeichnet, hat er sich voriges Jahr aus einer gewohnten Kesselsdorfer Konzernstruktur mit langjährigen Freunden verabschiedet und einen neuen Weg eingeschlagen. Bisher gehörte seine Gründung Yellowfox zu einer Unternehmensgruppe namens HM3T mit 15 Firmen, darunter der Elektronikhändler Mobilplus und der Autohändler Mobilforum. Auch eine Werbeagentur zählt zur Gruppe, an der Scherf bisher beteiligt war. Nun zieht der Mitgründer ein paar Straßen weiter, um mit Yellowfox separat die nächsten Wachstumsschritte zu tun.

Scherf ist ein Sportler, der gern mit dem Mountainbike ins Büro fährt, nachdem er die Tochter zur Schule gebracht hat. Das Motorradfahren hat er sicherheitshalber aufgegeben, früher spielte er auch viel Fußball. Nun gehören Tischkickerturniere zum Firmenprogramm, Sommerfeste oder mal eine Segeltour mit 40 Kollegen um Mallorca. Gern hat Scherf auch mit seinen Freitaler Schulfreunden und Mitgründern um den Grill gesessen. Aber in den vergangenen Jahren entzweite sie die Frage, ob sie dem Werben von Konkurrenten und anderen Kaufinteressenten um Yellowfox nachgeben sollten. Die alten Freunde waren zunehmend dafür.

Scherf sagt, einen Verkauf seiner Firma an Konkurrenten habe er nicht gewollt. Schließlich wählte er aus sieben Interessenten die Frankfurter Beteiligungsfirma ECM Equity Capital Management GmbH, die mit einem Fonds bei Yellowfox einstieg. Geschäftsführer Scherf bleibt Mitbesitzer. Juristisch sei die Änderung "ein Kraftakt" gewesen und die Entkopplung von der Konzern-IT "ein Wahnsinn". Doch nun freut sich Scherf auf den geplanten Neubau mit "Riesen-Campus", Freitreppe und zwei Teeküchen. Er mag keine Großraumbüros, es soll Viererbüros mit viel Platz geben. "Yellowfox versteht sich als Familie", betont der Chef. Überall hängen Werbeposter und liegen Flugblätter mit Füchsen, den klugen Tieren, die Scherf als Namensgeber für seinen 2003 gegründeten Betrieb ausgewählt hat.

Yellowfox ist "einer der am schnellsten wachsenden Anbieter intelligenter Telematik-Lösungen in Europa". So schreibt es der neue Mitbesitzer ECM aus Frankfurt am Main in die Begründung für seine Beteiligung in Sachsen. Hendrik Scherf und seine Mitarbeiter haben fast 70.000 Fahrzeuge, Container und Baumaschinen so ausgestattet, dass die Besitzer sie ständig unter Kontrolle haben. Telematik, damit können Spediteure und Baufirmen aus der Ferne sehen, wo ihr Material gerade rollt. Sie sehen aber auch, ob der Fahrer Pause macht, ob er oft bremst oder ob er Bremsscheiben und Reifen schont. Die Software organisiert auch Führerscheinkontrolle und Spesenabrechnung. Verbrauch und Verschleiß lassen sich dokumentieren. Früher kamen Kunden zu Scherf, um ihre Fahrzeuge vor Diebstahl zu schützen. Doch das sei nicht mehr das wichtigste Thema, sagt Scherf. "Unsere App ist sehr fett." Die Vielfalt schlage die Technik großer Konkurrenten.

Die Fuhrparkchefs suchen den Überblick über wachsende Datenmengen. Spediteure müssen den Kraftstoffverbrauch senken und Verschleiß früh erkennen. Im Prospekt von Yellowfox steht eine lange Liste der Informationen, die per Software aufbereitet werden können: Fahrzeit und Standzeit, Overspeedmeldungen, Gaspedalposition, "Anzahl Kupplung getreten". Der Fahrer kann nichts geheimhalten. Auch Tankdeckelbewegungen und die Temperatur im Hänger lassen sich im Chefbüro ablesen.

Als größte Konkurrenten nennt Scherf Fleetboard von Daimler Truck und Webfleet von Bridgestone. Doch er finde und halte Kunden, indem er ihnen gut zuhöre und Wünsche erfülle. "Wachstum entsteht, wenn man etwas mit Leidenschaft macht und wenn der Kunde Leidenschaft spürt", sagt der Firmengründer. Er biete keine Hotline mit Computerstimme. Seine Außendienstler bringen die Technik zum Kunden und halten Kontakt. "Ich hole mir keine Söldner rein", sagt Scherf. Wer das halbe Jahr Probezeit überstehe, solle lange bleiben. "Ich bin derjenige, der guckt, ob es der Familie gut geht." sz

Der Wirtschaftspreis"Sachsens Unternehmer des Jahres" und der Gründerpreis "Sachsen gründet - Start-up 2022" sind eine Initiative von "Sächsischer Zeitung", "Freier Presse", "Leipziger Volkszeitung" und dem MDR sowie von Volkswagen Sachsen, der Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft KPMG, der Landesbank Baden-Württemberg und der Gesundheitskasse AOK. www.unternehmerpreis.de

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