Eisenarm und Elektronenhirn - Wie Roboter die Arbeit verändern

Sie sind ausdauernder als Menschen, leiden nicht unter hoher Belastung und Monotonie. Immer mehr von ihnen gehen in Fabriken an die Arbeit. Werden uns intelligente Maschinen demnächst ersetzen?

Lichtenstein.

Die aktuelle Kontaktlinie in der Beziehung zwischen Menschen und Robotern ist in Lichtenstein bei Zwickau zu besichtigen. In einer Produktionshalle der Firma Geberit stöpseln Ramona und Ralf Röhn eckige Stahlfüße mit Tempo und Geschick in blaue Eisenrahmen. Die schieben sie einer Maschine hin, die den Rahmen greift, zackig in der Luft herumdreht und auf der Seite abstapelt. Früher ein einziger Arbeitsgang - jetzt ein Duett für Mensch und Roboter. Es ist die erste Anlage dieser Art in Sachsen, entwickelt von einem Spezialistenteam rund um das Fraunhofer-Institut für Umformtechnik und die Firma Geberit. Der Roboter - ein Kollege? Geschäftsführer Hartmut Müller duldet keine Sentimentalität: "Es sind Maschinen!" Deshalb heißt die Anlage auch nicht Johnny oder Anni, sondern technisch-nüchtern MRK: "Mensch-Roboter-Kooperation".

430 Mitarbeiter und gut 100 Roboter zählt das Lichtensteiner Geberit-Werk. Der Schweizer Weltkonzern stellt in Sachsen Vorwandelemente für Sanitäranlagen her, dienstbare Gestelle für Toilettenbecken, Bidets und Urinale, die sich im Alltag meistens hinter Gipsplatten verstecken. Auf einer Produktionsfläche von anderthalb Fußballfeldern werden im Jahr rund vier Millionen Stück des Hauptprodukts, eines variablen Stahlrahmens, hergestellt. Die Röhns und der Roboter am MRK brauchen rund 20 Sekunden für einen Arbeitsschritt.

Die Entwicklung des MRK war aufwendig, aber kein Hexenwerk. "In einem halben Jahr war alles fit", sagt Hartmut Müller stolz. Das gesamte Know-how sei in Chemnitz und im Erzgebirge zu finden: Analysten, Programmierer, Arbeitsschutzexperten. Die Industrieroboter kann man quasi "von der Stange" kaufen: Es sind Produkte, so ausgereift wie ein modernes Auto. Viele von ihnen gehen über den gesamten Lebenszyklus nicht kaputt - "hundert Prozent Verfügbarkeit bei dreischichtiger Auslastung", sagt der Betriebswirt. Was am Ende zur Ausmusterung und Neuanschaffung zwinge, sagt Hartmut Müller, sei nicht die Mechanik, sondern der technische Fortschritt bei der Steuerung. Werde eine neue Anlage aufgebaut, gehe das Mechanische viel schneller vonstatten als die Anpassung und Programmierung.

Der Effizienzgewinn durch neue Maschinen ist enorm: Eine Anfang 2018 in Betrieb gegangene Rahmenschweißanlage bei Geberit arbeitet doppelt so schnell im Takt wie eine gleich große Anlage, die acht Jahre auf dem Buckel hat. "Sie finden deshalb hier keine Maschine älter als zehn Jahre", so der Geschäftsführer.

Die ergonomische Situation der Mitarbeiter stand bei der Entwicklung der MRK-Anlage für Geberit im Fokus. Ohne Roboterhilfe würden die Röhns die montierten, elf Kilo schweren Rahmen in verdrehter Körperhaltung auf Hüfthöhe stapeln. Das MRK hat sie entlastet und die Taktzeit auf die Hälfte reduziert. Ein unsichtbarer Signalkäfig, per Funkwellen über den Roboter gespannt, schaltet die Maschine sofort ab, sobald ihr eine Hand zu nahe kommt. Keine Barriere, kein Zaun. Nur eine gelbe Linie auf dem Boden markiert den Sicherheitsbereich.

Es ist ein Blick in die Zukunft - und gibt doch nur einen winzigen Ausschnitt frei. Die Digitalisierung rollt mit Macht, und es wachsen die Sorgen um die Arbeitsplätze. Geberit in Lichtenstein setzt seit 1997 Roboter ein, und Hartmut Müller sagt, das kostete bis heute keinen Arbeitsplatz. Woanders ist es anders. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Nürnberger Bundesagentur für Arbeit prognostiziert, dass vor allem Teile des Maschinen- und Fahrzeugbaus sowie der Landwirtschaft bis 2035 schweren Zeiten entgegengehen. Zwar würde ein Jobverlust durch Zuwächse in anderen Branchen ausgeglichen. Da diese aber nicht überall gleichmäßig vertreten sind, drohten Arbeitsplatzverluste etwa in Ostdeutschland. Für den Augenblick stellt die Arbeitsmarktexpertin Sabine Zimmermann fest, dass wegfallende Arbeit meist wohl durch neue Arbeit aufgewogen wird. Zimmermann ist Bundestagsabgeordnete der Linken und Kreischefin beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) in Zwickau. Der Effizienzgewinn durch technischen Fortschritt sei für die meisten Arbeitnehmer nur von begrenztem Nutzen: Weder bringe die Digitalisierung ihnen derzeit in der Breite mehr Geld noch mehr Freizeit. "Die Digitalisierung hat neue Kategorien von Beschäftigten hervorgebracht, Crowd- und Klickworker, die für zwei Euro Stundenlohn völlig auf sich allein gestellt arbeiten", sagt Frau Zimmermann. "Hier sehe ich gesetzlichen und tariflichen Regulierungsbedarf."

Über die gesamtwirtschaftlichen und gesellschaftlichen Konsequenzen der Digitalisierung streiten inzwischen die Geister. Es gibt alarmierende Wortmeldungen wie die des Philosophen Richard David Precht, wonach die Digitalisierung "alles bedroht, was ist". Sie werde Millionen von Jobs "algorithmisieren" und den Sozialkassen, aus Erwerbsarbeit gespeist, den Zufluss entziehen. Precht schlägt deshalb ein monatliches Grundeinkommen von 1500 Euro vor, das aus Mikrosteuern (im Promillebereich) auf Finanztransaktionen finanziert werden soll. Darüber hinaus warnt Precht vor totaler Kontrolle. Ob der Staat in einer digitalisierten Welt mit allwissenden Institutionen die Grundrechte gewähren wird?

Der Autor William Gibson, der das Wort "Cyberspace" erfunden hat, spricht neuerdings davon, dass der virtuelle Raum sich "nach außen wölbt" und die analoge Welt völlig einschließt und durchdringt. "Was digitalisierbar ist, wird digitalisiert", schreibt der deutsche Szenejournalist Peter Glaser. "Texte, Bilder, Musik, Werkzeuge, Maschinen, Methoden, Strukturen, soziale Verhältnisse, Arbeitsformen, Geschäftsmodelle, Privatleben, Denken, Fühlen: Alles." Glaser spricht von einer "digitalen Kernspaltung", die sich rund um dem Globus vollziehe, vergleicht "Datenkraftwerke" mit Atomkraftwerken und heißt eine neue Sorte Mensch willkommen. "Siliziumtaler" - homo silicon-valleyensis - der digitale Enkel des Neandertalers.

Die Politik läuft dem Wandel bislang hinterher. In dem 2007 verfassten, noch gültigen Grundlagenprogramm der Kanzlerpartei CDU, das gerade neu geschrieben wird, komme das Wort "Digitalisierung" nicht einmal vor, sagte die heutige Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer diesen Sommer in Chemnitz. Sabine Zimmermann von den Linken sieht Chancen und Risiken im digitalen Umbruch. Sie richtet den Fokus vor allem auf den Arbeitsmarkt und die sozialen Folgen.

Dabei unterliegt jede Prognose zur Beschäftigungsrate und -struktur in der digitalisierten Welt einem schlichten Manko: dass umstürzlerische Ideen und Erfindungen unvorhersagbar sind. In den 1990er-Jahren wurde leidenschaftlich über eine Welt vernetzter Personalcomputer philosophiert - ohne dass mobile Endgeräte (Smartphones) dabei in den Blick geraten wären. An der Wiege von Facebook & Co. Mitte der 2000er-Jahre bezweifelten viele, dass die Nutzer das "freie" Internet wirklich links liegen lassen würden, um sich in die "sozial" genannten, aber doch gerade privat kontrollierten Netzwerke zurückzuziehen. Und dann kam es genau so.

Politik und Wirtschaft können auf disruptive Ereignisse, Paradigmenwechsel, "Schwarze Schwäne" reagieren - vorhersagen kann man sie nicht. Neue Aufgaben kommen damit auch auf die Ausbildungszentren der Wirtschaft zu. Geberit bildet seine Fachkräfte selbst aus und arbeitet dabei mit der Fortbildungsakademie der Wirtschaft (FAW) in Zwickau zusammen. "Wir satteln heute bei vielen industriellen Metall- und Elektroberufen digitale Lerninhalte auf", erklärt Jörg Geigner, Koordinator bei der FAW. Neue Materien und Werkstoffe zwingen zum "lebenslangen Lernen", auch so ein Schlagwort, das in den Unternehmen und bei der FAW praktisch wird. "Man muss heute immer weniger auf Vorrat lernen", sagt Marcel Schwarz vom digitalen Lernprojekt ZQ.net an der FAW. "Es geht in der Ausbildung vor allem um Basiskompetenzen. Wissen steht im Internet zur Verfügung. Die Spezialisierung erfolgt bei Bedarf. Man kann heute individuell lernen, ohne vor Ort zu sein. Bei uns liegen Lerninhalte und Aufgaben im Internet auf einer Plattform. Digitale Bildungsangebote starten ohne Rücksicht auf die Klassengröße. Lernende werden vom Fachtrainer akustisch und per Chat betreut. Ich glaube, dass man vor diesem Hintergrund auch Ausbildungsberufe entschlacken kann."

Selbst junge Berufsbilder veralten schnell. Mechatroniker werden seit 1998 ausgebildet. Heute wünschen viele Unternehmen zusätzliche Informatikkenntnisse, über die zum Beispiel ein Fachinformatiker verfügt. Kommt es zur Verschmelzung beider Berufe? Arbeitsmarktexpertin Sabine Zimmermann: "So etwas dauert ein paar Jahre, aber es stimmt - ohne Modernisierung von Berufsbildern geht es nicht."

Jens Geigner von der FAW glaubt, dass die Digitalisierung bis auf weiteres vor allem von körperlich schweren und monotonen Arbeiten entlasten werde. Kein Anlass zum Schwarzsehen: "Wenn etwas wegfällt, kommt Neues, das hören wir auch aus den Unternehmen." Sieht man dem MRK bei Geberit eine Weile zu, erscheint auch die Weltherrschaft der Roboter noch in weiter Ferne. Geschäftsführer Hartmut Müller: "Sie merken schnell, was für ein flexibles Wunderwerk die menschliche Hand ist, wenn Sie nur einmal versuchen, einen kleinen Teil der Bewegungsfähigkeit dieser Hand nachzubilden. Da kommen Roboter noch lange nicht heran."

Ein Video vom Mensch-Roboter-Arbeitsplatz bei Geberit sehen Sie, wenn Sie den Code mit dem Tablet scannen.

http://www.freiepresse.de/mrk

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