Finanzkrise! Welche Finanzkrise?

Vor zehn Jahren brach eine Finanzkrise aus, die als die schlimmste seit 1929 galt. Sie scheint überwunden. Was hat die Welt daraus gelernt? Der Chemnitzer Finanzprofessor Friedrich Thießen behauptet, die gleichen Fehler werden nicht nochmal passieren. Es werden andere sein.

Chemnitz.

Diese Geschichte handelt von einer einzelnen Krise in einem krisenanfälligen System. Es ist nicht einfach zu bestimmen, wann sie angefangen hat und wann sie zu Ende ging. Der Kapitalismus produziert immer neue Ideen, führt aber auch zu Ausbrüchen immer neuen Wahnsinns. Ein System "schöpferischer Zerstörung", nannte das der Ökonom Joseph Schumpeter, der österreichischer Finanzminister und Bankdirektor war und bei einer Pleite sein ganzes Vermögen verlor.

Vor zehn Jahren begann eine wirtschaftliche Heimsuchung epischen Ausmaßes. Wer ein Datum braucht, nehme den Tag, an dem die Großbank PNB Paribas toxische Fonds aus den eigenen Beständen fischte und ein gegenseitiges Misstrauen zwischen Banken ausbrach, das die Interbankenzinsen steigen ließ. Das geschah am 9. August 2007.

Eigentlich viel zu spät angesetzt, sagt Friedrich Thießen. Der Finanzprofessor und Bankenexperte klickt sich durch ein Onlinelexikon, um Daten ins Gedächtnis zu rufen, die hier nur am Rande zählen. Denn die eigentliche Frage ist eine andere. Die Frage ist, ob die Finanzkrise für überstanden und ihre Ursachen als beseitigt gelten können. Oder ob die Krise wiederkommt wie die karibische Wirbelsturmsaison.

Im Prinzip kann es immer Krisen geben, sagt Friedrich Thießen. Aber nicht in der gleichen Form. Es wurden Sicherungen eingebaut.

Die Misere vor dem Dammbruch 2007 hatte sich seit der Jahrtausendwende aufgebaut, meint der Experte. Damals spekulierten Anleger auf Internetwerte und pumpten Geld selbst in substanzlose Geschäftsmodelle. Als die Party zu Ende war und die Dotcom-Blase platzte, halbierten sich weltweit die Aktienkurse. Geld wurde nun billiger, die Investitionen zogen an. Das leitete einen Aufschwung ein, der lange anhielt.

Die Banken entwickelten neue Produkte, darunter eines, das florierte wie geschnitten Brot: Asset Backed Securities. Forderungsbesicherte Wertpapiere. "Super marktgängig", sagt Professor Thießen, und das erklärt aus seiner Sicht auch ihre grundsätzliche Berechtigung. In den Papieren wurden fragwürdige Hypotheken verschnürt, von Häuslebauern in den USA, deren Bonität in Zweifel stand. Nichts für schwache Nerven. Doch es gab ein Beruhigungsmittel.

Der Banker David X. Li hatte 2000 eine Formel entwickelt, die das Risiko im Derivatehandel zu beherrschen schien. Man pries den Sohn eines südchinesischen Polizeibeamten, er habe das Rezept für die größte Kapitalfreisetzung seit der industriellen Revolution geliefert. 2005 warnte Li, seiner Formel bedenkenlos zu vertrauen. Es nützte nichts. Die Finanzwelt wurde von Derivaten überschwemmt. Als in den USA der Immobilienmarkt zu taumeln begann, riss die Kaskade alles mit.

Über Wochen raste die Krise werktäglich einmal um den Globus, "so schnell wie die Erde sich um sich selbst dreht, nur ruckartiger", dichtete der Feuilletonist Gustav Seibt. Der "Flammenschlund" der Krise habe binnen Stunden halbe Volkswirtschaften verbrannt. Aus wilder Panik wurde "zähe Depression, die durch verlassene Werkbänke, verödete Vorortsiedlungen und ausgehöhlte Shopping-Center kraucht". Das Sprechen über die Krise nahm apokalyptische Züge an. Alle sprachen über Gier, doch "Gier ist gut" wie im Film "Wall Street" sagte niemand mehr. Noch einmal Gustav Seibt: "Die Gier mag hässlich und unmoralisch sein, unvernünftig ist sie noch nicht. Unvernünftig ist der Handel mit Schulden von armen Schluckern." Die Absehbarkeit der Krise habe in Grundtatsachen gelegen, die der normale Hausverstand hätte begreifen können.

Dem aber widerspricht Professor Thießen. "Es war eine neuartige Entwicklung, mit neuartigen Risiken. Hätte jemand den Zusammenbruch vorausgesehen, hätten sich mehr Menschen geschützt und weniger verloren. Die Kreditbedingungen waren so attraktiv, dass sich die Produkte weltweit verbreiteten. Deshalb kam es zu einer weltweit einheitlichen Reaktion."

Als die US-Immobilien-Blase platzte, wurde der Ausgangsschaden auf höchstens 200 bis 400 Milliarden Dollar geschätzt - Immobilien, die unnötig gebaut worden waren, nicht gebraucht und am Ende nicht bezahlt wurden. Das war weniger, als die Neue-Markt-Krise zu Beginn des Jahrtausends, die Dotcom-Blase, gekostet hatte. "Hätten die Akteure in der Finanzbranche rational und lösungsorientiert gehandelt, wäre es nicht so schlimm gekommen, wie es dann weiterging", sagt Friedrich Thießen.

Wenn Staaten pleitegehen, treffen sich die Gläubiger in informellen Zirkeln wie dem Pariser oder Londoner Club. Sie schreiben uneinbringliche Forderungen ab und verhandeln, um den Schaden zu begrenzen. Auch Finanzinstitute haben so in der Vergangenheit kooperiert. 1998 brach der Hedgefonds LTCM zusammen, bei dem gleich zwei Nobelpreisträger für Wirtschaft mitgemischt hatten, Myron Scholes und Robert Merton. Viele andere Hedgefonds waren Geschäftspartner von LTCM. Also setzte man sich zusammen und holte die Kuh vom Eis. Ansteckungseffekte konnten verhindert werden.

2007 aber fehlte dieser Schulterschluss der Finanzinstitute. Die Asset Backed Securities hatten alles kompliziert gemacht. Die Banken wählten zwei Hauptstrategien, beide mit üblen Nebenwirkungen. Professor Thießen erläutert: "Die einen stießen nicht nur ihre schlechten Einzelpapiere ab, sondern die ganze, plötzlich als gefährlich geltende Produktkategorie der Asset Backed Securities. Das drückte die Preise, auch für unproblematische Derivate, die es ja gab. Jene Banken, die schon Verluste in den Büchern hatten und Liquidität brauchten, um Forderungen zu erfüllen, warfen Aktiva und Assets auf den Markt. Das ließ die Preise weiter sinken." Es kam zum Dominoeffekt: Der Preisrutsch ließ das Eigenkapital der Banken sinken, die eigene Vermögenswerte zu Marktpreisen in ihre Bilanz schreiben mussten. Aus Angst vor Ansteckungseffekten hörten die Banken auf, sich gegenseitig Geld zu leihen.

Denn was wäre gewesen, wenn auch die Zahlen des Kreditnehmers Schlitten fuhren? Wenn auch der andere Schwund in den Büchern hatte? Wem konnte man vertrauen?

"Als ich ein junger Mann war", erzählt Friedrich Thießen, "habe ich in meiner Lehrzeit in einer Bank gearbeitet, die mit tausend anderen Banken Geschäftsbeziehungen unterhielt. Dort gab es ein kleines Zimmerchen, in dem saß ein Mann, ein einziger, der erledigte die Kreditwürdigkeitsprüfung. Heute, im Zeitalter der Derivate, kann kaum jemand mehr eine Bank überprüfen. Die Kreditwürdigkeitsprüfung ist überkomplex. In der Krise gerieten nun einige in Schwierigkeiten. Da misstraute man sofort allen, weil man sie nicht individuell prüfen konnte. Banken liehen sich nichts mehr, Kunden zogen ihr Geld ab. Der Prozess lief über Monate und nahm mit der Pleite der Bank Lehman Brothers in den USA noch einmal Fahrt auf." Die Lehman-Pleite im Herbst 2008 war ein Schock. Damals traten die Bundeskanzlerin und ihr Finanzminister vor die Kameras und sagten, die Regierung verbürge sich für die Sicherheit privater Spareinlagen.

In einem Dokumentarfilm über jene Zeit, "Steinbrücks Blick in den Abgrund", gab der damalige Finanzminister Peer Steinbrück zu Protokoll: "Viele der Spitzen von Finanzhäusern und Wirtschaftskonzernen bewegen sich so hoch oben, dass sie den großen Knall gar nicht hören, mit dem es unten losgeht."

In den Monaten der Talfahrt wurden Verluste sozialisiert. Dass der Steuerzahler für die Folgen privater Zockerei blechen sollte, rief viel Empörung hervor. "Was aber hätte man tun sollen?" fragt Friedrich Thießen, der das Krisenmanagement des Staates im Großen und Ganzen für gelungen hält. Man musste den Guten beispringen, die von Fluchteffekten und dem Herdentrieb der Anleger bedroht waren, sagt Thießen. Staatliche Garantien verhinderten, dass seriöse Banken in Mitleidenschaft gezogen wurden und damit das gesamte Finanzsystem implodierte.

Hinter der Garantie des deutschen Staates stand die Wirtschaftsleistung des gesamten Landes, drei Billionen Euro im Jahr. Der Finanzaufwand für Rettungsprogramme, Eigenkapitalhilfen und Liquiditätsspritzen trieb die öffentlichen Schulden hoch, in Deutschland von 65 auf vorübergehend 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

In einer solchen Situation, sagt Friedrich Thießen, ist Gefahr im Verzug. Unternehmen legten Investitionen auf Eis, Lager würden nicht ersetzt, die gesamte Wirtschaftsleistung sinke. Die Situation träfe Länder an der Peripherie stärker als die Kraftzentren Europas. Misstrauen komme auf und schließe Peripherieländer aus der internationalen Arbeitsteilung aus. Vorübergehende Finanzhilfen hielten Länder über Wasser: Ungarn, Lettland, Rumänien, Island, Griechenland, Irland, Portugal, Spanien, Zypern.

In Deutschland blieben übertriebene Reaktionen aus: Konsumenten wie Investoren reagierten mit Besonnenheit. Nur der Außenhandel nahm stark ab. Dies trug zur Krise in der Schifffahrt bei, die 2008/2009 begann und bis heute anhält. Zum Auslastungsrückgang kam ein Technologiewandel, hin zu großen Containerschiffen. Kleinere Schiffe wurden nicht mehr gebraucht und verloren ihren Wert. Viele Schiffsfonds haben darunter gelitten.

Summa summarum, denkt Friedrich Thießen, haben viele Akteure in der Finanzkrise sehr umsichtig reagiert. Die umfängliche Vernetzung im Bankensystem, die Tiefe der Geschäfts- und Kreditbeziehungen untereinander hatten sich als Sollbruchstellen entpuppt. Früher waren die Finanzmärkte ziemlich lokal, eine Ostasien-Krise schwappte nicht unbedingt zur Wall Street und nach Europa herüber. "Vernetzung kennzeichnet die moderne Welt", sagt Thießen. "Mit genügend Eigenkapital ist das kein Problem. Dann wirkt sie sogar positiv als Puffer."

Dass seitdem strengere Eigenkapitalregeln durchgesetzt wurden, hält der Finanzexperte für die erste von drei wichtigen Lehren aus der Krise. "Zweitens wurden neue Aufsichtsbehörden installiert, zum Beispiel der Ausschuss für Finanzstabilität, der nicht mehr nur einzelne Banken im Blick hat wie die alte Bankenaufsicht, sondern die gesamtwirtschaftliche Lage."

Die dritte Lehre betrifft die Managergehälter. Die damals übliche erfolgsabhängige Bezahlung hätte dazu geführt, Risiken zu unterschätzen. Eine solche bonusabhängige Bezahlung werde heute einhellig als Risikofaktor gesehen, so Thießen.

Andere Reformideen sind verpufft. Speziell die Trennung von Geschäfts- und Investmentbanking wurde einige Monate ventiliert und wieder vergessen. Der Chemnitzer Finanzprofessor winkt ab: "Das ist ein ganz alter Hut aus den 1930er Jahren, kommt immer wieder mal hoch und versandet wieder. Es gibt gute Gründe gegen Trennbanken, man bedenke nur die Synergien. Genossenschaftsbanken machen kein Investmentbanking. Bei anderen ist das sinnvoll. Das Risiko über höheres Eigenkapital zu begrenzen, halte ich für die elegantere Lösung."

Eine Folge der Finanzkrise, die noch heute nachwirkt, ist die Staatsschuldenkrise an der europäischen Außengrenze, vor allem in Griechenland. Auch diese Krise sei im Kern eine Folge von Übertreibungen während der 2000er Boomjahre gewesen, sagt Friedrich Thießen. Die Finanzkrise habe das nur zum Vorschein gebracht. Griechenland wurde geholfen, damit die Industrieländer nicht in Mitleidenschaft gezogen würden, ist der Professor überzeugt. Ein Fall von klassischem Eigeninteresse. Ein grundsätzliches Misstrauen gegen Staatsanleihen aus Europa konnten die westlichen Industrieländer nicht brauchen. Sie selbst seien nämlich die größten Schuldner auf der Welt. Dass die Staatsschuldenkrise mit dem Euro verbunden war, habe auch dem Image der Gemeinschaftswährung geschadet. Das eine habe mit dem anderen aber wenig zu tun.

"Viele benutzen die Krise, um politische Ziele zu verfolgen, die sie ohne die Krise auch gehabt hätten", hat Professor Thießen beobachtet. Auch dass die Europäische Union jetzt die Integration vertiefen wolle, sei nicht aus der Krise abzuleiten.

Zehn Jahre. Die Geschäfte laufen wieder. Die Debatten gehen weiter.

Der in der Finanzkrise etablierte Ausschuss für Finanzstabilität hat bereits mehrfach vor neuen Überhitzungen im Bankensektor gewarnt. Nicht sehr überzeugend, findet Professor Friedrich Thießen. Er sehe da einen "Mangel an Theorie". Es könnte darauf hinauslaufen, überlegt er, dass hier ein politisches Gremium entstanden sei, das politisch beeinflussbar ist.

Die meisten Problembanken waren 2010 wieder da. Schon 2009 stiegen auch die Aktienkurse. Viele Banken haben in der Krise keinerlei Verluste gemacht.

2016 wuchs auch im letzten EU-Land die Produktion. Die Konjunktur in Deutschland ist stabil.

Asset Backed Securities werden nach wie vor gehandelt. Sie haben an Popularität eingebüßt. Man rechnet jetzt vorsichtiger, mit einfacherer Mathematik und robusteren Formeln. In regelmäßigen Stresstests zeigen die Banken größere Stabilität.

David X. Li, der Erfinder der Derivate-Zauberformel, arbeitet heute als Risikomanager beim Versicherungskonzern Prudential, USA.

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