Für ihre Nachhaltigkeit preisgekrönt: Das macht die Bio-Pioniere aus dem Erzgebirge besonders

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"Bester Ressourcenmanager" hieß dieses Jahr die Sonderkategorie Fokus X beim Wettbewerb "Sachsens Unternehmer des Jahres". Ausgezeichnet wurde ein Handwerksbetrieb: Die Rolle-Mühle aus Waldkirchen an der Zschopau.

Waldkirchen.

Der Reispilz Koji hat für Thomas Rolle, Geschäftsführer der Rolle-Mühle im erzgebirgischen Waldkirchen, eine besondere Bedeutung. Der Pilz wird im japanischen Handwerk seit 500 Jahren verwendet, um die Enzymschwäche im Reiskorn auszugleichen. Eine Technik, die jedoch in Europa unbekannt war. Für den promovierten Lebensmitteltechnologen war der Reispilz eine Inspiration für sein Ziel, das zum Backen und zum Frischhalten benötigte Enzym Alpha-Amylase in Bioqualität herzustellen. "Nur wenn das Brot noch am zweiten Tag schmeckt, bestehen nachhaltige Wertschöpfungsketten langfristig", ist der Mühlenchef überzeugt.

Hintergrund für sein Vorhaben war die Erkenntnis, dass die Züchtung von Brotgetreide immer stärker auf robuste, lagerfähige Sorten ausgerichtet ist, um das Getreide weltweit transportieren zu können. Dazu werden enzymschwache Getreidesorten benötigt. Das Problem: Brot und Backwaren halten nicht so lange frisch. Industrielle Backbetriebe verwenden deshalb industriell hergestellte Zusätze, die im Biobereich allerdings verpönt sind.

Bereits 2019 ging die Rolle-Mühle deshalb auf die Arbeitsgruppe Biotechnologie an der Hochschule Zittau zu, um eine bio-zertifizierbare Lösung zu entwickeln. Inzwischen ist das Forschungsprojekt abgeschlossen und es ist gelungen, ein ressourcenschonendes Verfahren zu entwickeln, das auf einem Nebenprodukt in der Mehlherstellung basiert. Da das Enzym aus demselben Getreide des Landwirts erzeugt wird, aus dem auch das Brot gebacken wird, kann ein zentrales Problem regionaler und transparenter Lieferketten im Biobereich gelöst werden. "Wir ermöglichen frischhaltende Gebäcke mit hundertprozentigem Ursprung, dessen Zutaten ihre Geschichte nicht verstecken, sondern zeigen können", erklärt Thomas Rolle.

Als der heute 66-jährige Lebensmitteltechnologe als fünfte Generation in die seit 150 Jahren familiengeführte C.F. Rolle Mühle 1992 eingestiegen war, wurde schnell deutlich, dass der kleine Betrieb mit heute 20 Vollzeitbeschäftigten und einem Auszubildenden nicht gegen die großen industriellen Mühlen ankam. "Uns war klar, wir müssen das machen, was die großen Mühlen nicht können. Das 08-15 Mehl können die preiswerter", sagt Rolle. Die Mühle an der Zschopau produziert rund 6000 Tonnen Mehl im Jahr. "Es ist ein Konzept, bei dem es nicht um Masse, sondern um Klasse geht", erklärt der Mühlenchef.

Thomas Rolle setzte deshalb früh auf Bioprodukte, um sich von der Masse der Mühlen zu unterscheiden. Anfangs stellte sich das jedoch als schwierig heraus. Denn es gab in Sachsen noch keine Bioläden und auch die Bäcker hatten keine Erfahrung mit Bioprodukten. "Am schwierigsten war es, die Bäckersfrauen zu überzeugen, die in der Bäckerei hinter der Theke standen", erinnert sich Rolle. So entstand der Netzwerkgedanke bei der Rolle-Mühle. Es wurde ein Netzwerk an Bäckereien aufgebaut, aber auch an Landwirten, die Bio-Getreide liefern konnten. Die Rolle-Mühle bot Schulungen zu Bio-Mehl und anderen Bio-Produkten an. Zudem wurde die Produktpalette ausgebaut, sodass die Bäckereien auch Mandeln, Rosinen, Kakao oder Rum in Bioqualität ordern können. 2014 erweiterte die Mühle ihr Bio-Sortiment mit der Dachmarke "Landgemacht", an der sich auch andere sächsische Unternehmen mit Bio-Produkten beteiligen.

Wichtig für die Biodiversität: In der Mühle können kleinste Chargen alter Sorten vermahlen werden, so etwa der regional angepasste Lichtkornroggen, den die Berliner Bäckerei Domberger für ein reines Sauerteigbrot vom eigenen Feld nutzt. Erstmals können Verbraucher zudem ihren Brotlaib chargengenau vom Bäcker über die Mühle bis zum Landwirt verfolgen. Das gelingt beim Bio-Landwirt Axel Heinze in Thalheim bei Oschatz im Landkreis Nordsachsen über die Rolle-Mühle bis zur Bäckerei Fischer in Chemnitz. Die Rolle-Mühle ist nach der Bio-Verordnung der Europäischen Union und den Richtlinien der Anbauverbände Bioland, Demeter, Gäa und Naturland zertifiziert. "Wir haben uns zu einem Spezialisten für die Spezialitäten entwickelt und sind im besten Sinne Biopionier", sagt Müller.

Damit ist heute auch die Basis geschaffen, dass seine Tochter Anne (40) und sein Sohn Frank (36) das Geschäft übernehmen könnten. "Ich werde mich schrittweise dann zurückziehen", erklärt der Mühlen-Unternehmer seine Nachfolgestrategie. Die Familientradition der Rolle-Mühle wird so fortgesetzt. 1856 hatte der Bäckermeister Carl Friedrich Rolle die schon 1563 erstmals erwähnte Mühle gekauft und die Firma C. F. Rolle gegründet. 1972 wurde der Mühlenbetrieb in der DDR verstaatlicht. Der damalige Inhaber Hans Rolle, Vater von Thomas Rolle, blieb Betriebsleiter und nutzte nach der Wende die Chance zur Reprivatisierung. Als einer der ersten Unternehmen im Bezirk Karl-Marx-Stadt wurde die Rolle-Mühle am 1.Mai 1990 wieder zum Familienbetrieb. "Es macht uns stolz, dass wir das Erbe der Vorväter erhalten konnten", meint Thomas Rolle.

Für das Geschäft mit den Endverbrauchern ist Tochter Anne Rolle-Baldauf zuständig. Die Rolle-Mühle beliefert Bioläden und den regionalen Einzelhandel, ist aber auch bei den großen Supermarktketten wie Rewe, Kaufland, Globus oder der Biokette Denns gelistet. "Backen zu Hause liegt im Trend, das hat sich in der Pandemie noch verstärkt", sagt die 40-jährige Ernährungsökonomin. Die große Nachfrage im eigenen Hofladen hat sogar dazu geführt, dass die Rolle-Mühle ihr Mehl in Zehn-Kilo-Gebinden für private Kunden anbietet. Auch der eigene Internetshop sorgt für einen steigenden Absatz.

Mühlen-Chef Thomas Rolle, der sich im Verband Evangelischer Unternehmer engagiert, ist neben der Verantwortung für seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, noch etwas anderes wichtig. "Das Bewahren der Schöpfung ist auch unser Thema", versichert der 66-Jährige. So setzt die Mühle bei der Energiegewinnung auf Wasserkraft und Solarenergie. Das 1990 an der Zschopau errichtete Wasserkraftwerk reicht aus, um den Energiebedarf zu decken. "Unser CO2-Fußabdruck ist Null", sagt Rolle. Rund 2000 Tonnen Kohlendioxid werden jedes Jahr vermieden. Im Jahr 2011 wurde das kleine Wasserkraftwerk um eine Fischaufstiegsanlage erweitert. Die Fischtreppe ermöglicht es den Flussbewohnern, das Wehr zu überwinden und zu den Laichplätzen zu gelangen.

Der Einsatz für die Umwelt endet aber nicht bei der Energie und Bioprodukten. Vor mehr als einem Jahrzehnt hatte die Rolle-Mühle zusammen mit Forschern der TU Chemnitz ein Verpackungsmaterial entwickelt, das zu 85 Prozent aus Kleie, den Schalen der Getreidekörner, besteht. Doch als der Erdölpreis sank, konnte das neue Material wirtschaftlich nicht mit Styropor konkurrieren. "Doch wir haben das in der Schublade, wenn sich die Rahmenbedingungen ändern", sagt Thomas Rolle, der das Verfahren hat patentieren lassen. Das könnte angesichts der derzeitigen Energiekrise mit steigenden Ölpreisen schneller geschehen, als viele gedacht haben.

"Es geht darum, die Ressourcen der Welt zu bewahren und nachhaltig nutzbar zu machen. Das Unternehmen leistet einen kleinen, aber sehr wichtigen Beitrag für unsere große schöne Welt und für uns Menschenkinder. Denn wir Menschen brauchen die Erde, die Erde braucht uns nicht", sagte bei der Preisverleihung Jurymitglied Margitta Markert von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG. Genau deshalb habe sich die Jury dafür entschieden, das Traditionsunternehmen C.H. Rolle GmbH Mühle zum "besten Ressourcenmanager 2022" zu küren.

Der Wirtschaftspreis"Sachsens Unternehmer des Jahres" und der Gründerpreis "Sachsen gründet - Start-up 2022" sind eine Initiative von "Sächsische Zeitung", "Freie Presse", "Leipziger Volkszeitung" und dem MDR sowie von Volkswagen Sachsen, der Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft KPMG, der Landesbank Baden-Württemberg und der Gesundheitskasse AOK Plus.

www.unternehmerpreis.de

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