Fusion Systems bringt Maschinen das Sehen und Verstehen bei

Fusion Systems entwickelt in Chemnitz unter anderem selbstfahrende Transporter und Assistenzsysteme für Autos - und setzt die dahinterstehenden Technologien aber auch ganz anders ein.

Chemnitz.

Klaviertöne erklingen. Kai-Uwe Kaden, Bereichsleiter bei Fusion Systems, hebt die Arme. Es tönt höher. Senkt Kaden die Arme oder geht er in die Hocke, werden die Töne hingegen tiefer. Ein Kamerasystem erfasst jede Bewegung Kadens, eine spezielle Software setzt sie dann sofort in Musik um. "Selbst ein Augenzwinkern wird erkannt und als Ton eingebunden", erklärt Kaden. Die größte Herausforderung dabei? "Alles muss in Echtzeit geschehen - und es muss auch noch gut klingen."

"Motion Composer" heißt dieses Gerät, das Fusion Systems entwickelt hat und mit dem jeder tanzend seine eigene Musik entstehen lassen kann, ohne dass er dazu ein Instrument beherrschen muss. Das macht Spaß, stärkt das Selbstvertrauen - "und ist gut geeignet, auch Menschen mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen zu motivieren, sich zu bewegen", sagt Kaden.

Eingesetzt werden kann das Gerät zum Beispiel in der Bewegungstherapie. Testkunden werden es demnächst ausprobieren. "Ich denke, Anfang nächsten Jahres werden wir dann mit dem Vertrieb starten können", sagt Kaden.

Dabei wird beim Motion Composer auf Technologien zurückgegriffen, die auch in modernen Fahrzeugen und der Industrie nicht mehr wegzudenken sind. Da die Informationsflut immer größer wird, müssen zunehmend große Messdatenmengen zusammengefasst und aufbereitet werden, damit sich Mensch und Maschine ergänzen und interagieren können. Darauf hat sich Fusion Systems spezialisiert.

Dabei ist die Automotive-Branche das wichtigste und umsatzstärkstes Geschäftsfeld des Unternehmens. Gemeinsam mit den großen Automobilherstellern und deren Zulieferern entwickele Fusion Systems Assistenzsysteme fürs Auto, erklärt Ullrich Scheunert, der die Firma 2005 gegründet hat und heute 70 Mitarbeiter beschäftigt. "Unsere Vision sind intelligente Sensorsysteme, die komplexe Sachverhalte erfassen und in Umfang und Detailgrad vollständig erkennen können." Dabei geht es nicht nur um die zuverlässige Mensch- und Umfelderkennung - eine Grundvoraussetzung zum Beispiel für das sichere autonome Fahren -, sondern auch um Bildverarbeitung, Algorithmen, Datenbanken, das Web und Clouds sowie um Modellbildungen. Erst all das zusammen ermöglicht es, Maschinen das Sehen und Verstehen beizubringen.

Bei der Automatisierung von Prozessen und der Fertigungsüberwachung kommt dieses Know-how aus Chemnitz ebenfalls zum Einsatz, zum Beispiel bei der automatisierten Qualitätskontrolle. Genutzt wird es aber auch für ein selbstfahrendes Transportsystem, das Fusion Systems auf den Markt gebracht hat und das durch ein modulares Sensor- und Antriebskonzept genau an die Kundenwünsche angepasst werden kann. So kann der Transporter sich bei der Navigation an Landmarken orientieren, aber etwa auch an Leitdrähten oder aufgemalten Linien. In einem vollautomatischen Lager wäre er mit Barcode-Scanner und einem Roboterarm einsetzbar, der automatisch belädt. Oder er könnte selbstfahrend den Kommissionierer begleiten, der ihn bepackt. Sensoren erkennen dabei präzise Objekte, Hindernisse und Personen, um Zusammenstöße zu verhindern.

"Ich denke, dass die fahrerlosen Transportsysteme, die derzeit meist nur innerbetrieblich genutzt werden, raus auf die Straße drängen werden", sagt Oliver Fohl, Bereichsleiter Maps und Navigation. In Krankenhäusern und auf Flugplätzen sei das schon jetzt zu beobachten. "Das autonome Fahren wird in Etappen kommen. Müllabfuhr, Kehrdienste, Shuttle-Busse - das sind denkbare erste Schritte." Beim Individualverkehr laufe es wohl zunächst auf automatisierte Parkhäuser und Autobahnfahrten hinaus. Und die Ängste in der Bevölkerung? "Wir vertrauen ja auch unserem Bremssystem", sagt Fohl. "Das ist zwar ein großer Schritt, aber einem autonom fahrenden System zu vertrauen, ist letztlich nichts Anderes."

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