Gewerkschaften: Bei Jüngeren geht was

Die Gewerkschaften in Südwestsachsen melden recht stabile, in Einzelfällen sogar steigende Mitgliederzahlen. Für sie besonders wichtig: Die Zahl erwerbstätiger Mitglieder nimmt wieder zu.

Chemnitz.

Für die IG Bergbau, Chemie, Energie markierte das Jahr 2010 einen Wendepunkt. Um der Überalterung der Mitgliederschaft zu begegnen, von der im Bezirk Dresden-Chemnitz mehr als die Hälfte nicht mehr im Berufsleben stand, entschloss sich die Gewerkschaft zu einem offensiveren Stil. Mit Erfolg, wie Bezirksleiter Gerald Voigt heute weiß. Die Zahl der Betriebstätigen stieg von 7648 (2010) auf 9118 (2016) an. Sie liegt nun wieder über der Hälfte der Mitgliederzahl.

Einige Gewerkschaften in Südwestsachsen haben im vergangenen Jahr zwar leicht an Mitgliedern verloren, allerdings nicht in dramatischem Umfang und überwiegend aus demografischen Gründen. Insgesamt wirkt die Lage stabil. Besonders Berufs- und Branchengewerkschaften wie die Gewerkschaft der Polizei und der Marburger Bund melden eine positive Entwicklung. Auch Verdi sieht sich im Aufwind.

Die Mitgliederzahl einer Gewerkschaft ist ein Indiz für ihre Durchsetzungskraft. Einige, vor allem kleinere Gewerkschaften, halten mit genauen Zahlen hinter dem Berg. Dazu gehören viele der 42 Einzelgewerkschaften im Beamtenbund, dessen sächsische Landesvorsitzende Nannette Seidler mitteilt, dass der Dachverband keine Zahlen für Sachsen liefern könne. Beim Deutschen Gewerkschaftsbund, der Dachorganisation von acht Gewerkschaften, liegen die aktuellen sächsischen Zahlen erst im März vor, wie DGB-Vize Markus Schlimbach sagt.

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hat in Sachsen derzeit etwa 93.000 Mitglieder. Laut Sprecher Jörg Förster liegt die Eintritts- über der Austrittsquote. Etwa 84 Prozent der Mitglieder sind erwerbstätig, die übrigen erwerbslos und Senioren. Im Bezirk Chemnitz-Erzgebirge, 21.000 Mitglieder, liegt der Anteil der Erwerbstätigen etwas niedriger als im Landesschnitt: bei 78 Prozent. Verdi verzeichnet nach Försters Worten im Moment besondere Zuwächse bei Jugendlichen und Auszubildenden sowie in den Bereichen Gesundheitswesen, Telekommunikation, bei den Speditionen, der Post und in der Energiewirtschaft.Die IG Metall zählte in Sachsen Ende 2016 knapp 88.500 Mitglieder. Ein Jahr zuvor waren es noch 89.400. Im Regionalbezirk Berlin-Brandenburg-Sachsen ging die Mitgliederzahl von 154.350 auf 153.200 zurück: demografische Ursachen. Die Zahl der Betriebstätigen sei aber konstant bei 98.000 geblieben, sagt Sprecherin Andrea Weingart. Das Ausscheiden älterer Mitglieder habe zum Teil kompensiert werden können, da zunehmend Angestellte, etwa Ingenieure, zur IG Metall kämen. Ab einem bestimmten Organisationsgrad im Betrieb werde der Kampf um die Tarifbindung geführt. "Voriges Jahr hat die IG Metall zwölf Betriebe im Bezirk Berlin-Brandenburg-Sachsen in die Tarifbindung geholt", so Frau Weingart.

Die IG Bergbau-Chemie-Energie zählte Ende 2016 im Bezirk Dresden-Chemnitz rund 17.000 Mitglieder. Die Zahl ist seit Jahren mehr oder weniger konstant. Mitglieder der IG BCE arbeiten beispielsweise bei der Wismut, die Bergbau-Hinterlassenschaften saniert, in der Chemie- und Papierbranche, bei der Reifenherstellung, aber auch in jüngeren Branchen wie der Solarenergie.

Wie hat die IG BCE die Zahl der betriebstätigen Mitglieder seit 2010 steigern können? Gerald Voigt erklärt: "Wenn Leute zu uns kommen, weil sie einen Betriebsrat gründen wollen, gehen wir offensiv mit der Gewerkschaftsfrage um. Wir helfen bei der Mitbestimmung, sie sollte aber auch gewerkschaftlich verankert sein." Voriges Jahr seien mit Hilfe der IG BCE in zwölf Betrieben Betriebsräte gegründet worden.

Zum Zweiten thematisiere die Gewerkschaft die Tarifarbeit. "Wenn wir über Jahre gute Abschlüsse erzielen, weisen wir darauf hin. Wir sagen aber auch, dass wir für die Mehrheit der Belegschaft sprechen wollen. In einigen Fällen haben wir Tarifverträge auch einmal nicht gekündigt. Das macht dann deutlich, dass nichts von alleine kommt."

Markus Schlimbach, Sachsens DGB-Vizevorsitzender, bestätigt, dass die Mitbestimmung und die Tarifarbeit für die großen Gewerkschaften im Zentrum der Mitgliederarbeit stehen. Er zeichnet ein differenziertes Bild: In Branchen mit strukturellen Problemen haben auch die Gewerkschaften mit Mitgliederverlusten zu kämpfen. In anderen Bereichen, wie der Pflegebranche, steige das Arbeitsplatzangebot und oft auch die Mitgliederzahl. In einigen Gewerkschaften sei der Frauenanteil noch gering, was auch an der historischen Entwicklung liege. "In der ostdeutschen Industrie waren Frauen in der 1990er Jahren besonders von Entlassungen betroffen. Viele fanden später Arbeit in der Dienstleistungsbranche." Bei Verdi sei der Frauenanteil deshalb höher.

Einen auffälligen Zuwachs an Mitgliedern verzeichnete 2016 die Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Sachsen, die größte Interessenvertretung der Polizeibeschäftigten. Sie war Ende 2016 rund 7700 Mitglieder stark und hatte damit binnen eines Jahres rechnerisch 400 Mitglieder hinzugewonnen. Klar, es gibt mehr Polizisten. "Wir haben aber auch viele Erfolge bei den Rahmenbedingungen erzielt, was natürlich nicht im Verborgenen bleibt", sagt Landeschef Hagen Husgen. So sei die Anzahl der Dienstposten erhöht, die Besoldung verbessert, die Ausstattung modernisiert worden.

Und wie sieht es angesichts unbesetzter Stellen in bestimmten Branchen mit der Unternehmensseite aus? Es gebe in manchen Betrieben einen Mentalitätswandel, sagt Markus Schlimbach vom DGB. "Wer heute jüngere Leute einstellt, zahlt individuell womöglich besser, sodass ältere Mitarbeiter manchmal weniger als Neueinsteiger verdienen. Spricht sich das herum, entsteht ein Druck für höhere Löhne."

Günstige Voraussetzungen aus Sicht der Gewerkschaft, die Gründung eines Betriebsrats und den Kampf um Tarifbindung aufzunehmen. Eine allgemeinen Politisierung der Arbeiternehmerschaft, wie sie manche Beobachter mit Blick auf die Parteien diskutieren, sieht DGB-Vize Schlimbach allerdings nicht.

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