Handwerkschef: "Infrastruktur ist mehr als Digitalisierung"

Der Generalsekretär des ZDH, Holger Schwannecke, appelliert an Kommunen im ländlichen Raum, ihre Vorteile stärker zu nutzen

Chemnitz.

Mit Strukturförderung im ländlichen Raum, der Fachkräftesicherung im Handwerk und den anstehenden Europawahlen beschäftigt sich am Montag in Chemnitz die Frühjahrskonferenz der Deutschen Handwerkskammern. Mit dem Generalsekretär des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, Holger Schwannecke, sprach Christoph Ulrich im Vorfeld der Tagung über diese Themen.

Freie Presse: Forscher des Leibniz-Instituts in Halle hatten kürzlich vorgeschlagen, die Wirtschaftsförderung vor allem auf die wachsenden Ballungsräume zu konzentrieren. Kann das Handwerk mit einem solchen Vorschlag leben?

Holger Schwannecke: Nein, wir haben immer schon gesagt, dass ländliche Räume für uns Zukunftsräume sind. Es ist ein zentraler Gestaltungsauftrag der Politik, Strukturpolitik umfassend zu sehen. Wir müssen uns von dem Ansatz lösen, ländliche Räume nur als landwirtschaftliche Räume zu sehen. Das gilt nicht zuletzt auch für die Strukturförderung.

Warum ist das notwendig?

Die Hälfte unserer Handwerksbetriebe ist im ländlichen Raum angesiedelt. Auch und gerade für diese Unternehmen muss etwas getan werden. Die Politik muss für eine zukunftsfähige Entwicklung des ländlichen Raumes sorgen. Da ist noch unglaublich viel zu tun. Es wäre ein schwerer Fehler, sich nur um die Entwicklung der Ballungszentren zu kümmern.

Was wäre so falsch daran?

Negative Entwicklungen, die wir jetzt schon feststellen, würden beschleunigt. Denken Sie etwa an die Verdichtung von städtischen Räumen mit allen Konsequenzen, von knappem Wohnraum angefangen bis hin zur überlasteten Verkehrsinfrastruktur. Im ländlichen Raum können wir uns als Handwerk stark einbringen, wenn die Rahmenbedingungen stimmen: Unsere Betriebe sichern Arbeits- und Ausbildungsplätze, die Versorgungsstrukturen und das gesellschaftliche Leben in Dörfern und Kleinstädten.

Oft wird gesagt, dass vor allem eine verbesserte digitale Infrastruktur, der Ausbau der Breitbandkommunikation, notwendig ist. Wäre das auch für das Handwerk der richtige Ansatz?

Auch hier ist unser Ansatz breiter: Wir fordern nicht nur einen Ausbau der digitalen, sondern auch der analogen Infrastruktur. Vor allem junge Unternehmer wollen doch nicht raus aufs Land, wenn sie dort nicht erfolgreich arbeiten können. Schnelles Internet gehört selbstverständlich dazu. Wie wollen Sie eine junge Elektronikerin oder einen jungen Metallbauer anwerben, wenn sie Funktionszeichnungen nicht über entsprechende digitale Medien lesen und bearbeiten können? Dann werden sie sich da niederlassen, wo diese Netze sind, also in den Ballungsräumen. Insofern ist das Breitband ein ganz zentraler Faktor, um ländliche Räume attraktiver zu machen - sowohl für Betriebe als auch für Arbeitnehmer, die dort wohnen möchten.

Was meinen Sie mit dem analogen Bereich?

Infrastruktur ist mehr als Digitalisierung, so wichtig sie derzeit auch ist. Zur analogen Infrastruktur gehören natürlich Straßen oder Schulen. Und dazu gehört eine Wirtschaftsförderung, die Wertschöpfungsketten beispielsweise im Lebensmittelhandwerk entwickelt und eine regionale Vermarktung mit regionalen Produkten aufbaut. Oder dass man Kooperationsmodelle der Wirtschaft unterstützt, vom Tourismus angefangen bis zum Handwerk.

Was können die Kommunen im ländlichen Raum tun, um attraktiver zu werden?

Kommunen sind dann attraktiv, wenn sie Unternehmen gute und günstige Gewerbeflächen zur Verfügung stellen und bei der Erschließung von Flächen schnell und vor allem bürokratiearm agieren. Schnelle Baugenehmigungen sind nach unserer Erfahrung ein ganz wichtiger Standortentwicklungsfaktor. Damit könnten sich die ländlichen Räume einen Standortvorteil sichern.

Aber gerade dort wird es immer schwieriger, Fachkräfte zu finden. Was könnte man tun?

Die weichen Standortfaktoren sind wichtig: Kindergarten, Schule, günstiges Bauland, Nahverkehr, schnelle Entscheidungen der Verwaltungen. Es geht darum, dass die Kommunen bürger- und unternehmerfreundlich agieren. Dann werden sich Fachkräfte ansiedeln, die sagen, Ich muss mir den Stress in der Großstadt nicht antun, meine Kinder wachsen hier anders auf. Nur müssen Kommunen auch etwas dafür tun.

Ein Weg, im Handwerk zu mehr gut ausgebildeten Fachkräften zu kommen, ist das Angebot für eine Ausbildung mit Abitur. Wie weit sind die Vorstellungen des Handwerks gediehen?

Das Berufsabitur ist ein Bildungsinstrument, mit dem wir die Attraktivität der beruflichen Bildung deutlich machen wollen. Wir wollen die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung wieder in die Köpfe von Politikern, Schülern, Lehrern und vor allem Eltern bekommen. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Mittlerweile sind es sieben Bundesländer, darunter auch Sachsen, die eine Berufsausbildung mit Hochschulreife anbieten. Wir wollen das gerne, zusammen mit der Bundesbildungsministerin und den Kultusministern der Länder, zu einem Regelangebot in Deutschland machen.

Das heißt dann aber noch nicht, dass die jungen Leute in ihrem Betrieb bleiben. Gibt es Erfahrungen, wie viele trotzdem studieren?

Die Erfahrungen im Ausland zeigen, dass nahezu 50 Prozent der Jugendlichen, die diesen Weg gehen, am Ende in den Betrieben bleiben und dort auch erfüllt und zufrieden sind. Wir wollen den Jugendlichen die Sorge nehmen, sie würden irgendetwas verpassen, wenn sie nicht studieren.

In wenigen Wochen findet die Europawahl statt. Für das Handwerk ist Europa ja nicht nur positiv besetzt, wenn wir an die Abschaffung der Meisterpflicht in vielen Gewerken denken. Was erwartet das Handwerk künftig von Europa?

Zuerst einmal hoffen wir, dass es eine große Mehrheit für ein proeuropäisches Lager im Europaparlament gibt. Das wird nicht ganz einfach sein. Aber Europa steht für so viel Positives, dass es sich lohnt, sich dafür zu engagieren. Wir haben unsere Erwartungen an Europa unter der Überschrift "In Vielfalt zusammen" artikuliert. Wir erwarten vom Europäischen Parlament, dass es Vielfalt akzeptiert und nicht versucht, alles über einen Leisten zu scheren. Wir glauben, Europa lebt auch vom Wettbewerb der unterschiedlichen Lösungsansätze. Uns fällt kein Zacken aus der Krone, wenn wir unterschiedliche Herangehensweisen akzeptieren.

Haben Sie etwa den Eindruck, dass Europa sich zu einem Zentralstaat entwickelt?

Nein, nicht zu einem Zentralstaat. Aber Europa ist in der Vergangenheit in einigen Bereichen über das Ziel hinausgeschossen bei dem Versuch, Lebensbedingungen in allen Ländern gleich zu regeln. Das hat manche überfordert und ist auch nicht nötig. Wenn Europa eine Zukunft haben und die Zustimmung der Bevölkerung finden soll, muss es sich groß machen in den großen, zentralen Fragen. Und es muss sich klein machen in den Fragen, die bei den Mitgliedsstaaten besser aufgehoben sind. Eingriffe etwa in die nationalen Kompetenzen zur Berufsregulierung lehnen wir ab. Das verstehen wir unter Europa der Regionen.

Wäre das für Sie auch der Ansatz, die Meisterpflicht in Deutschland wieder einzuführen - quasi als Beitrag für den Wettbewerb um die beste Lösung?

Wir haben mit unserer beruflichen Bildung, unserer Qualifizierung und auch mit der Fortbildung zum Meister ein sehr gutes Modell, um das uns fast alle europäischen Länder beneiden. Sie hätten gerne eine Duale Ausbildung, aber ihnen fehlen die Strukturen, die bei uns seit Jahrzehnten existieren: von Handwerkskammern angefangen bis zum ehrenamtlichen Engagement von Unternehmern. Das müssen wir uns erhalten, es gehört zur strukturellen Stärke des Standortes Deutschland. Die Politik entscheidet voraussichtlich noch dieses Jahr, ob die Abschaffung der Meisterpflicht vor 15 Jahren in den 53 betroffenen Gewerken richtig war. Wir haben schon damals davor gewarnt, und es ist richtig, dass das Thema jetzt wieder auf der Tagesordnung steht. Dass sich der Bundesrat für die Wiedereinführung der Meisterpflicht ausgesprochen hat, ist ein wichtiger Teilerfolg, aber noch lange nicht genug. Die Bundesregierung muss jetzt liefern.

 


Holger Schwannecke

Der Generalsekretär des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH) stammt aus dem niedersächsischen Helmstedt, wo er 1961 geboren wurde. Er studierte Jura in Marburg (Hessen) und arbeitet seit dem Abschluss 1992 in verschiedenen Funktionen für den Verband. 2010 wurde Schwannecke als Nachfolger von Hanns-Eberhard Schleyer zum Generalsekretär des ZDH berufen. cul

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