Den Beschäftigten bleibt unter dem Strich deutlich weniger Geld im Portemonnaie, sollte die Abgabenlast weiter so ungebremst steigen.
Den Beschäftigten bleibt unter dem Strich deutlich weniger Geld im Portemonnaie, sollte die Abgabenlast weiter so ungebremst steigen. Bild: Sebastian Kahnert/dpa
Wirtschaft regional
Immer weniger netto vom Bruttogehalt: Millionen Beschäftigten drohen jetzt noch höhere Abzüge

Die Sozialabgaben steigen und steigen: Wenn die Politik nicht schnell gegensteuert, wird Millionen Arbeitnehmern 2035 deutlich weniger in der Tasche bleiben als jetzt. Die „Freie Presse“ rechnet vor, wie viel weniger.

Berlin/Chemnitz.

In den kommenden zehn Jahren drohen die Abgaben für Kranken-, Pflege, Renten- und Arbeitslosenversicherung für Arbeitnehmer und Arbeitgeber schrittweise auf 50 Prozent zu klettern - Rekord! Das geht aus einer Studie des Forschungsinstituts IGES für die Krankenkasse DAK hervor, die jetzt aktualisiert wurde.

Studie: Sozialabgaben könnten auf bis zu 54 Prozent hochknallen

Aktuell gehen demnach 42,7 Prozent des Bruttogehalts für Sozialversicherungen drauf. 2027 dürfte die Abgabenlast nach den IGES-Prognosen schon auf rund 43,6 Prozent zunehmen. Für 2029 sagt das Institut bereits eine Last von gut 46,3 Prozent voraus. Bis 2035 könnte der Gesamtsozialversicherungsbeitrag demnach dann sogar auf rund 50 Prozent hochknallen, lenkt die Bundesregierung nicht gegen. „Bei ungünstiger Entwicklung sogar auf nahezu 54 Prozent“, so die Experten. Eigentlich hatten diese Abgaben einmal höchstens auf 40 Prozent ansteigen sollen. Diese einstige ,Sozialgarantie“ rücke nun aber endgültig außer Reichweite, so das IGES-Institut.

So viel müssten die Beschäftigten mehr zahlen

Für die Arbeitnehmer bedeutet das deutlich weniger Netto vom Bruttolohn. Bei 2500 Euro brutto im Monat müssen Arbeitnehmer aktuell 533,75 Euro an die Sozialversicherungen zahlen. Diese Abgaben drohen bei einem Anstieg der Sozialabgaben auf 50 Prozent auf 625 Euro im Monat zu steigen. Das wäre eine Mehrbelastung in Höhe von 91,25 Euro monatlich oder 1095 Euro jährlich. Bei 3500 Euro Bruttogehalt könnten es monatlich 127,75 Euro oder 1533 Euro mehr werden. Wer 4500 Euro brutto im Monat bekommt, müsste mit mehr Abzügen in Höhe von monatlich 164,25 Euro oder 1971 Euro jährlich rechnen. Was meist auf dem Gehaltszettel nicht zu sehen ist: Die Arbeitgeber müssten fast den gleichen Betrag sogar noch einmal draufpacken.

Ausgabenexplosion bei den Sozialversicherungen

Grund für die Explosion bei den Sozialabgaben: Die Schere zwischen Einnahmen und Ausgaben bei der gesetzlichen Krankenversicherung öffnet sich immer weiter, wenn jetzt nicht gegengesteuert wird. Auch in der sozialen Pflegeversicherung (SPV) laufen die Kosten aus dem Ruder, weil die Wirkung von Bundesdarlehen ausläuft und die Anzahl der Pflegebedürftigen weiter zunimmt. Ab dem Jahr 2035 könnte der Beitragssatz in der Pflegeversicherung bei ungünstigem Verlauf den IGES-Prognosen zufolge von derzeit 3,8 Prozent auf 5,7 Prozent steigen. Deutliche Beitragserhöhungen könnten zudem bis 2035 in der Renten- und in der Arbeitslosenversicherung folgen, ändere sich nichts, so die Experten.

In der Kranken- und Pflegeversicherung fehlen Milliarden Euro

Allein in der gesetzlichen Krankenversicherung droht schon im nächsten Jahr 2027 eine Finanzlücke von bis zu zwölf Milliarden Euro. Dazu kommen 5,5 Milliarden Euro in der Pflegeversicherung. DAK-Chef Andreas Storm warnt: „Diese dramatische Entwicklung sollte für alle Beteiligten ein letzter Warnschuss sein, um schnell und mutig die notwendigen Reformen anzugehen.“

DAK-Chef Andreas Storm warnt: „Diese dramatische Entwicklung sollte für alle Beteiligten ein letzter Warnschuss sein.“
DAK-Chef Andreas Storm warnt: „Diese dramatische Entwicklung sollte für alle Beteiligten ein letzter Warnschuss sein.“ Bild: Marcus Brandt/dpa

DAK-Chef: Steuern auf Tabak und Alkohol zur Gegenfinanzierung rauf

DAK-Chef Storm schlägt vor, die Ausgaben in der gesetzlichen Krankenversicherung kurzfristig zu deckeln. Sie dürften nur noch in dem Maße wie die Einnahmen steigen, fordert Storm. Zudem sollte der Mehrwertsteuersatz für Arzneimittel gesenkt werden. Um das zu finanzieren, empfiehlt Storm eine Erhöhung der Steuern auf Tabak und Alkohol. In einem letzten Schritt müssten dann Struktur- und Versorgungsreformen verabschiedet werden, um Geld zu sparen.

Richard Ochmann, Leiter der IGES-Studie, kritisiert: „Mit den Finanzierungsmaßnahmen, die die Bundesregierung zuletzt als kurzfristige Unterstützung der Finanzsituation von Kranken- und Pflegeversicherung beschlossen hat, wird man allein keine mittel- bis langfristige Beitragsdämpfung erreichen.“ Das heißt: Die Regierung muss dringend nachlegen, sonst laufen die Sozialabgaben komplett aus dem Ruder. (juerg)

Erschienen am: 26.01.2026 | 16:30 Uhr
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